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Soul Boy

 

Deutsch-tschechisch-österreichische Koproduktion: Im Film "Habermann" über Vertreibung im Sudetenland hat jedes Argument eine Figur, die man aus dem Kino kennt

In Schwarzafrika werde es nie ein Kino geben, höchstens vereinzelte Filme, schrieb Serge Daney noch Ende der achtziger Jahre. Kurz darauf begannen Videounternehmer in Nigeria diese Prognose zu widerlegen. Heute haben die Entrepeneurs Nollywoods, die nach wie vor meist höchstens in zweiter Linie Filmkünstler sind, Nigeria zu einem der weltweit größten Filmproduzenten gemacht, ihre Kollegen in Ghana und Kamerun geben sich alle Mühe, mitzuhalten. Und auch im Osten des Kontinents gibt es zahlreiche Versuche, mithilfe der leichten, billigen Kameras der Gegenwart eine indigene Filmindustrie, ohne Anbindung an spätkoloniale europäische Förderstrukturen, aus dem Boden zu stampfen.

Vor diesem Hintergrund mutet das Projekt, das Tom Tykwer und seine Lebensgefährtin Marie Steinmann in Kenia auf die Beine gestellt haben, fast anachronistisch an: Ihre gemeinsame Produktionsfirma "One Fine Day Films" produziert in Kenia, genauer gesagt in Kibera, einem Armenviertel Nairobis, in Kooperation mit verschiedenen NGOs und Kulturinstitutionen, ganz klassische Spielfilme. Das erste Ergebnis heißt "Soul Boy", ist auf 35mm-Material gedreht und braucht sich, was das Produktionsdesign angeht, vor kleineren europäischen Filmen nicht zu verstecken. Weit entfernt sind die smoothen, orthodox kadrierten Einstellungen und die professionell abgemischte Tonspur von den nach wie vor in fast jeder Hinsicht ästhetisch defizitären Durchschnittsproduktionen Nollywoods.

Die Produzenten betonen, dass der nur 57 Minuten kurze "Soul Boy" kein europäischer, sondern ein afrikanischer Film sei. Tykwer unterstützte das Team lediglich bei den Dreharbeiten, Regisseurin Hawa Essuman, die vorher mit ihrem Erstling "Selfish?" selbst eine Videoproduktion für das kenianische Label Jitu Films abgedreht hatte, Autor Billy Kahora und weite Teile der Crew sind Afrikaner. Die geradlinige Geschichte um den jungen Abi und seine Freundin Leila, die gemeinsam Abis Vater von einem Fluch zu befreien versuchen, ist zwar universell verständlich, aber nicht auf ein europäisches Publikum perspektiviert. Sieben Aufgaben bekommt Abi von der geheimnisvollen Geisterfrau Nyawawa gestellt. In der leicht, aber nicht aufdringlich didaktischen Manier eines allegorischen Märchens werden ihm dabei gleichzeitig sieben Lektionen erteilt über die sozialen Probleme seiner Heimat und über den korrekten Umgang mit denselben. Abi rettet einen Kleinkriminellen vor der Lynchjustiz, erkundet das Haus einer europäischen Familie und rettet deren Tochter das Leben. Leila positioniert sich derweil gegen sexistische Rollenaufteilungen im Alltag.

Von Ferne erinnert die Art und Weise, in der "Soul Boy" indigene Mythologie mit sozialen Themen verknüpft und daraus eine individuelle Handlungsperspektive zu gewinnen sucht, an die Großmeister des afrikanischen Kinos der Vergangenheit (Ousmane Sembene) und Gegenwart (Tunde Kelani). Ein wenig unterkomplex sozialarbeiterisch kommt das Ganze aber doch - und durchaus auch für einen Kinderfilm - daher, nicht zuletzt, weil die Bilder oft etwas allzu glatt sind, die Kamera oft etwas allzu sanft nach oben schwebt in eine wohlgeordnete Aufsicht auf die Slums Kiberas; kurzum: weil dem Film seine Welt etwas zu problemlos verfügbar ist. Man darf gespannt sein, ob die bereits angekündigte nächste "One Day Fine Films"-Produktion den Bildern etwas mehr Freiheiten lässt. Es steckt jedenfalls einiges Potential im Film wie im ganzen Projekt.

Lukas Förster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Soul Boy
Kenia / Deutschland 2010 - Regie: Hawa Essuman - Darsteller: Samson Odhiambo, Leila Dayan Opollo, Krysteen Savane, Frank Kimani, Joab Ogolla, Lucy Gachanja, Katherine Damaris - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 60 min. - Start: 2.12.2010

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