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Sommer auf dem Land

 

 

Erfolgreicher als Coca-Cola soll die Wundermilch werden, die auf das Konto einer Kuh geht, in deren Körper eine kürzlich verstorbene Opernsängerin wiedergeboren wurde. Seit der Konfrontation mit Mozarts „Zauberflöte“ ist sie mit einer Mixtur aus Antidepressivum und Aphrodisiakum gesegnet und versetzt mit dem Trunk die Dorfbewohner in ekstatische Aufregung. Man wittert das große Geschäft, in einem Land, das sich 20 Jahre nach der politischen Systemwende immer noch im Rausch der kapitalistischen Geldvermehrung befindet. Das todsichere Rezept für eine mit Klischees unbedacht jonglierende Komödie glaubte wohl auch der Regisseur dieser deutsch-polnischen Produktion, seiner Abschlussarbeit an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, gefunden zu haben.. Die Schnittmenge von „Chocolat“ (fd 34 751), „Don Camillo“ (u.a. fd 2078) und „Eine Komödie im Mai“ (fd 28 193) ist allerdings derart unverdaulich geraten, dass es Mühe macht, die Zumutung des sich heillos anbiedernden „Opas Kino“-Humors durchzuhalten. Radek Wegrzyn kleidet sein vorhersehbares Sommerstück in werbetaugliche Sepia-Töne, geizt nicht mit malerisch bewirtschafteten Feldlandschaften und Meerespanoramen der Ostsee, als gelte es, die Vorzüge Polens für eine Tourismus-Kampagne anzupreisen oder gleich eine Visitenkarte in der ZDF-Serienredaktion abzugeben. Dazu passt die Überbetonung der polnischen Klassikverbundenheit. Sämtliche Hauptfiguren sind von Beruf entweder Opernsängerinnen oder Konzertpianisten. Kaum eine Szene, die ohne gefällige Musikuntermalung auskommt, nur dass die verwendeten Stücke einer Barock-Best-Off-CD entstammen könnten. Ausgerechnet die internationalen Größen der polnischen Neutöner wie Krzysztof Penderecki sind nur in zotigen Drehbuchwendungen präsent, wie der der musikalisch und menschlich agierenden Kuh, einer Anspielung auf die Aufführungspraxis des Avantgarde-Komponisten: Zu seinen beliebten Schockeffekten gehörten Auftritte von leibhaftigen Kühen, die, mit Glocken ausgestattet, den Musikern auf der Bühne Konkurrenz machten.

In „Sommer auf dem Land“ mutiert eine nach Meinung ihrer Besitzer „blöde Kuh“, die ausreißt und sehnsüchtige Wanderungen zum Strand unternimmt, zum Auslöser einer Kollektiv-Psychose. Am schlimmsten erwischt es den Großstädter Bogdan: Er ist an den Ort seiner Geburt zurückgekehrt, um seine an Krebs verstorbene Frau zu begraben. Erinnerungen an gemeinsame Auftritte, von Treueversprechen begleitete Strandumarmungen des früh verliebten Kinderpärchens und die Qualen der ans Sterbebett gefesselten Star-Sängerin verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Zbigniew Zamachowski, der schon in Kieslowskis „Drei Farben: Weiß“ (fd 30 685) einen von seiner Frau gequälten Liebenden spielte, blüht in dieser ähnlich gelagerten Rolle auf, nur dass sein Overacting die Figur an den Rand einer von Tränen aufgedunsenen Karikatur treibt. Des inneren Halts beraubt, zieht der trauernde Witwer einen Schlussstrich unter seine Musikerkarriere, zertrümmert auf dem Hof der Mutter ein Klavier, schleppt die halbe Hauseinrichtung ins Freie und gibt sich seinen Depressionen hin. Die Erlösung kommt in Gestalt eines jungen Bauern, der ihm von ertragssteigernden „Nazi-Tierexperimenten“ erzählt (auch wenn deutsche Wissenschaftler der Jetztzeit gemeint sind): Die mit Aufnahmen seiner Ehefrau beschallte Kuh hört gar nicht mehr auf, Milch zu produzieren, und gibt sich auch noch als eben jene Ehefrau zu erkennen. Das unverhoffte Wiedersehen wird, man ist schließlich im exzessiven Polen, mit einem feuchtfröhlichen Dorffest gefeiert, zumal die Bewohner erste Suchterscheinungen entwickelt haben. Nur die Mutter des neuverliebten Sodomiten widersteht dem teuflischen Treiben und zwingt den Pfarrer mit Schlägen und Tritten zum Exorzismus. Kein Wunder, dass der Übergriff auf das goldene Kalb in einer Dorfschlägerei endet und die gestresste Kuh nach der wilden Party an Krebs (!) erkrankt. Als wäre das nicht schon vertrackt genug, taucht die Tochter, eine Opernsängerin (!), auf, um sich mit ihrem Vater zu versöhnen. Seitdem sie ihrer Mutter bei der Selbsttötung geholfen hat, straft sie Bogdan mit vorwurfsvoller Distanz. Die in Berlin lebende angehende Netrebko-Konkurrentin entdeckt zwischen Plumpsklo und wunderlichen Bioprodukten ihre Naturverbundenheit und die wahren Werte wieder. Schade nur, dass sich diese als ganz nach dem Geschmack der Kaczynski-Zwillinge entpuppen. Anstatt einsam in der Metropole ihrer Karriere nachzugehen, findet die ätherische Agata Buzek („Valerie“, fd 38 139) ausgerechnet in die Arme des geschäftstüchtig plumpen Jungbauern und zu ihrer eigentlichen Bestimmung als Provinzmutter. Eine reaktionäre Petitesse, die nicht annähernd den Charme tschechischer Erfolgskomödien wie „Leergut“ (fd 38 569) oder „Rückkehr des Idioten“ (fd 34 351) entwickelt. Abgestanden, zäh und bar jeder komischen Dynamik taugt sie nur zur traurigen Zustandsbeschreibung.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

Sommer auf dem Land
Deutschland / Polen / Finnland 2010 - Originaltitel: Father, Son & Holy Cow - Regie: Radek Wegrzyn - Darsteller: Zbigniew Zamachowski, Agata Buzek, Antoni Pawlicki, Lucyna Malec, Elzbieta Karkoszka - FSK: ab 12 - Länge: 90 min. - Start: 16.2.2012

  

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