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Somewhere

 

 

Ennui-Etüde

Erstes Bild, Prolog vor dem Titel, Kamera bewegt sich nicht. Eine Straße in der Wüste, ein Streifen im Bildvordergrund, einer weiter hinten, die eine Kurve, die den einen mit dem anderen Streifen verbindet, liegt rechts im Off dieses Bilds, das starr bleibt, die andere links, noch weiter im Off. Ein schwarzer Ferrari dröhnt über die Bahn und schließt die zwei Streifen Straße logisch zum Kreis durch sein Verschwinden aus dem Bild nach rechts und nach links und durch seine mehrfache anschließende Wiederkehr. Dieses erste Bild erinnert von fern an, sagen wir, Vincent Gallos "Brown Bunny" und verspricht also viel. Unvollständigkeit als Programm, Wiederholungsschleife als Struktur, Ästhetik der Bildkonsistenz, Verweigerung der Zentralperspektive. Dann aber hält der Ferrari, und zwar mittig im Bildvordergrund. Es steigt ein Mann aus, der der Held des folgenden Films sein wird. Und man begreift: diese erste Einstellung tut interessant offen, abgehackte Straße im "Somewhere", will in Wahrheit aber nur einen Protagonisten in die Mitte des Films stellen und zugleich bedeuten: Ein Mann fährt im Luxusauto im Kreis. Das erste Bild ist die Metapher des Films und macht unfreiwillig damit auch dessen Programm klar: Der tut ein bisschen ambivalent und ist dabei von bestürzender Schlichtheit. Die erste Einstellung bleibt mit Abstand die beste (und darum auch enttäuschendste), weil sie etwas zu versprechen scheint, das dann weder sie selbst noch der Rest des Films halten.

Ich gehe die Wette ein, dass man jede einzelne Szene von "Somewhere" in einem, maximal zwei schlichten Aussagesätzen so zusammenfassen kann, dass die Einstellung in ihrer Bedeutung als ganze erfasst ist. (Anders gesagt: Jede Szene, jedes Bild hat genau eine Bedeutung.) Und leider würde jeder einzelne Satz dann auch noch ziemlich genau dasselbe sagen. Er begänne meist mit "Der Hollywoodstar Johnny Marco ist so gelangweilt, dass...". So gelangweilt zum Beispiel, dass ihn zwei an mitgebrachten Klappstangen vor seinem Bett im Hotel Chateau Marmont synchronturnende Blondinen kein bisschen erregen. So gelangweilt (und/oder besoffen), dass er mit dem Kopf zwischen den Schenkeln einer andren Blondine einschläft. So gelangweilt, dass ein Reigen weiterer Blondinen, die es auf ihn absehen, ihn sehr kalt lässt, auch wenn er es mit der einen oder anderen, weil er, wie eigentlich meistens, nichts besseres zu tun hat, doch treibt.

Man könnte also sagen, dieser Typ, der meist indolent als sein eigenes Luxusproblem in der Ecke hängt, ist so ungefähr der uninteressanteste und empathieunwürdigste Protagonist, der sich vorstellen lässt. Sofia Coppola jedoch hängt an ihm, seinem Ferrari, seinem Dreitagebart, seinem aufgedunsenen Dasein, in unbegreiflicher Weise. Darin, dass er von sich und seinem selbstverschuldeten hohlen Leben komplett angeödet ist, erkennt sie - anders lässt sich "Somewhere" schwerlich verstehen - ein spielfilmwürdiges Sujet von überindividueller Relevanz. Sie überführt sein Herumhängen und Trägesein in eine Serie von irgendwie existenzialistisch gemeinten Vignetten und gönnt sich und uns gelegentlich eine halbwegs amüsante Pointe (nackter Masseur, zugeschmiertes Maskengesicht), die, wie man im Englischen sagen würde, neither here nor there ist, also ohne Belang für irgendetwas anderes in dem Film. Vom Ausflug ins doppelt obszöne Fernseh-Italien ganz zu schweigen - aber schließlich ist der Film ja von Berlusconis "Medusa" koproduziert. Was waren das noch für Zeiten, als Godard seine vertraglich vorgeschriebenen italienischen Schauspieler an den Straßenrand setzte, wo sie in der einzigen Szene, die sie bekamen, nichts weiter sagen, als dass sie die vertraglich vorgeschriebenen italienischen Schauspieler sind.

"Somewhere" hat keinen Geist, keine Schärfe, kein wirkliches Interesse, kurzum: nicht die Spur einer Haltung zu dem, was er zeigt. Er bleibt auf semiaffirmativer Halbdistanz zur Figur, dem Umfeld, der Totalödnis, der er durchs beharrliche Vorführen Dignität unterstellt. Er ist geformt nach dem Bild seines Helden oder formt seinen Helden nach dem eigenen Bild. Damit ist nicht, wie in den Yellow-Press-Nachfragen bei Coppola, direkte autobiografische Bezüglichkeit unterstellt. Wen kümmertís, wer eventuell unter Reichtum, Schönheit, Erfolg oder Vaterberühmtheit leidet. Eigentlich referiert "Somewhere" ohnehin nicht auf irgendetwas Wirkliches, sondern nur auf die Langeweile, die sich einstellt, wenn man das Klischee eines langweiligen Hollywood-Lebens in langweilig-kunstgewerblicher Säuberlichkeit Szene um Szene reproduziert.

Allerdings führt "Somewhere" im letzten Drittel der Laufzeit vor, dass man auch ohne Haltung moralisieren kann. Coppola setzt aus eher heiterem Himmel Johnny Marcos eiskunstlaufendes blondes Töchterchen aufs Spielfeld und orientiert die Ennui-Etüde in Vater-Tochter-Szenen sonder Zahl in Richtung Erlösung. Nach dem Abschied von der die Augen aufs Leben öffnenden Tochter kocht der Star erst eigenhändig Spaghetti, dann setzt er sich ein weiteres Mal in den schwarzen Ferrari und fährt in die Wüste. Dort gönnt ihm "Somewhere" ein "Du musst dein Leben ändern"-Finale von ausgesuchter Banalität. Der Kreis zum Beginn schließt sich mit dieser Öffnung, die sich auf den schlichten Aussagesatz bringen lässt: Ein Mann fährt jetzt nicht mehr im Luxusauto im Kreis.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Somewhere

T: Somewhere

USA 2010 - 98 min.

Regie: Sofia Coppola - Drehbuch: Sofia Coppola - Produktion: Sofia Coppola, Roman Coppola, G. Mac Brown - Kamera: Harris Savides - Schnitt: Sarah Flack - Musik: Phoenix - Verleih: Tobis - Altersfreigabe: ab 12 Jahre - Besetzung: Stephen Dorff, Elle Fanning, Benicio Del Toro, Michelle Monaghan, Chris Pontius, Laura Ramsey, Caitlin Keats, Robert Schwartzman, Karissa Shannon, Philip Pavel

Kinostart (D): 11.11.2010

 

 

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