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Snowden

 

 

Oliver Stones Biopic "Snowden" hat ein Formproblem.


Im Mai 2013 hatte sich Edward Snowden, ein ehemals wichtiges, oder wenigstens wissendes Mitglied der amerikanischen intelligence community, in Hongkong einquartiert, in einem kleinen, funktionalen, unpersönlichen Zimmer des Mira Hotel. Er wohnte auch noch dort, als am 5. Juni der Guardian in Zusammenarbeit mit einem zunächst anonymen Insider Dokumente veröffentlichte, die ein umfassendes Überwachungsprogramm der amerikanischen Regierungsbehörde NSA offenlegte; und auch, als er sich wenige Tage später selbst als dieser Whistleblower enttarnte.

Es leuchtet durchaus ein, dass Oliver Stone sein Snowden-Biopic im Mira-Hotelzimmer beginnt, also an jenem Ort, der im Sommer 2013 für ein paar Tage zum Zentrum der medialen Wirklichkeit wurde. Gleichzeitig zeigt diese Entscheidung allerdings dem Projekt schon deshalb seine Grenzen auf, weil es bereits einen Film über Snowdens Tage in Hongkong gibt, und zwar einen ziemlich letztgültigen: Die Filmemacherin Laura Poitras war seinerzeit mit einer Kamera direkt vor Ort, begleitete und befragte Snowden. Dem aus diesem Material entstandenen, 2014 veröffentlichten Film "Citizenfour" gelang das Kunststück, nachträglich eine Art von "Rückseite der Nachrichten" sichtbar werden zu lassen.

Bei Stone dagegen wird Poitras von Melissa Leo verkörpert und wirkt wie eine Snowden-Cheerleaderin, die sich stellvertretend für das Kinopublikum über die Machenschaften der Mächtigen empören darf und die ihren Helden (gespielt von Joseph Gordon-Levitt, der dem Orignal-Snowden zwar kaum ähnelt, aber als weicher, melancholischer Ersatzkörper durchaus interessant ist) in einer schon richtig peinlichen Szene per high five beglückwünscht. (Noch schlimmer: Zachary Quinto, der Glenn Greenwald als einen regelrechten Bully anlegt.) Die Hotelzimmerszenen dienen zwar lediglich als narrative Rahmung einer weitgehend schematischen Filmbiografie, die die Wandlung eines jungen, naiven, konservativen Idealisten zu einem nicht mehr ganz so jungen, aufgeklärten, liberalen Idealisten nachzeichnet. Aber obwohl glücklicherweise nicht der gesamte Film so ungelenk geraten ist wie die Hongkong-Passage, macht "Snowden" auch aufs Ganze gesehen einen eher hilflosen Eindruck.

So bemüht sich der Film zum Beispiel durchaus redlich darum, eine Gegentradition der smarten, moralisch prinzipiell integren Nerds zu behaupten, die als innere Opposition im Sicherheitsapparat eigentlich immer schon auf Snowdens Seite stehen. Wenn er dann allerdings Nicolas Cage als ehrenhaften, ethischen Prinzipien verpflichteten CIA-Sonderling auftreten lässt, dem die Aufgabe zukommt, erste leise Zweifel an der Rechtschaffenheit der Institutionen in dem jungpatriotischen Snowden zu wecken und wenn derselbe Cage später (selbst längst aus dem Zentrum der Macht weggemobbt) seinem Schützling nach den Enthüllungen vom heimischen Wohnzimmer aus über den Fernsehbildschirm hinweg zuprostet - dann ist Stone zwar immerhin ein veritabler casting coup gelungen. Aber gleichzeitig versinnbildlicht der sich im Fernsehsessel fläzende, inzwischen doch ein wenig aus der Form geratene Cage die Perspektive, von der aus "Snowden" auf Zeitgeschichte blickt: Historisch wie ästhetisch aus sicherer Distanz entworfen, geht das Biopic keinerlei intellektuelle Risiken ein, ist dabei aber sichtlich vom (durchaus aufrichtigen; das macht die Sache freilich nur bedingt besser) Bewusstsein durchdrungen, immer schon auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

Wenn eine Aufnahme von Obamas Versprechen eingespielt wird, nach den Bush-Jahren wieder Transparenz und rechtsstaatliche Prinzipien in die Sicherheitspolitik einzuführen, dann läuft das auf nichts anderes hinaus als auf ein: tja, angeschmiert. Überhaupt hat der Film einen unansehnlichen Hang zur larmoyanten, gelegentlich in Michael-Moore-artige Polemik abtriftende Archivmaterial-Montagesequenz. In diesen Passagen zeigt sich besonders deutlich, dass das eigentliche Problem von "Snowden" nicht eines der politischen Inkonsequenz ist (die war auch schon in Stones früheren, deutlich interessanteren Zeitgeschichtsfilmen unübersehbar); sondern eines der Form.

Irgendwie scheint der einst lustvoll im Mtv-Zeitgeist schwelgende, jedem billigen Effekt euphorisch hinterherhechtende Stone ästhetisch den Anschluss verpasst zu haben. "Snowden" sieht über weite Strecken nach dem aus, was der Film ökonomisch betrachtet auch ist: behäbiges europäisches Förderkino, das alle filmischen Mittel (ok, außer den Montagesequenzenden) brav psychologisch entwickelten Figuren unterordnet. Positiv könnte man das als Sorgfalt beschreiben; nur ist Sorgfalt leider keine Tugend, die Stones Kino sonderlich gut steht. Eine Handvoll gute Bildideen gibt es schon - einmal steht Gordon-Levitt vor einem Big-Brother-artig von einem riesigen Bildschirm auf ihn herunterblickenden Vorgesetzten - und die prozessual organisierten Passagen funktionieren halbwegs im Sinne klassischer Agentenfilmunterhaltung. Aber das ist schon Teil des Problems: Eigentlich müsste es einem Snowden-Film doch wenigstens den Versuch unternehmen, über die neuen Informationsökonomien und die kommunikativen Kurzschlüsse der Web-2.0-Welt nachzudenken. Stattdessen geht es im entscheidenden Moment doch nur wieder darum, einen USB-Stick unbemerkt aus dem Büro zu schmuggeln. Und globale Datenübertragung wird ein weiteres Mal als eine weißlich glitzernde Krake visualisiert, die den Erdball umklammert und zu allem Überfluss auch noch auf einen Augapfel projiziert wird.

Noch am besten funktioniert "Snowden" paradoxerweise dann, wenn Stone sein Sujet tatsächlich komplett "hollywoodisiert" - indem er es entlang einer Liebesgeschichte auffaltet: Das Auf und Ab von Snowdens Beziehung mit der Tänzerin Lindsay Mills (Shailene Woodley), die er über die fiktionale Dating-Plattoform geek-mate.com kennenlernt, wird gleich mehrmals auf filmisch einnehmende Weise mit seinem politischen Erweckungsprozess eng geführt. Am eindrücklichsten vielleicht, wenn der vormals staatsgläubige junge Mann sich plötzlich beim Sex beobachtet fühlt, und Stones Kameraperspektive der Paranoia Recht zu geben scheint. Aber selbst in dieser Hinsicht hat "Citizenfour" immer schon die Nase vorn - schließlich endet Poitras' Dokumentarfilm mit einem rührenden und in gewisser Weise ebenfalls letztgültigen Bild, das Snowden und Mills beim gemeinsamen Spaghettikochen im russischen Exil zeigt.    

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

   

Snowden
Deutschland, USA 2015 - 134 Min. -  FSK:  ab 6 Jahre - Kinostart(D): 22.09.2016 - Regie: Oliver Stone - Drehbuch: Kieran Fitzgerald, Oliver Stone, Luke Harding, Anatoly Kucherena - Produktion: Moritz Borman, Eric Kopeloff, Philip Schulz-Deyle, Fernando Sulichin - Kamera: Anthony Dod Mantle - Schnitt: Alex Marquez - Musik: Craig Armstrong - Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Scott Eastwood, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Timothy Olyphant, Melissa Leo, Rhys Ifans, Joely Richardson, Tom Wilkinson, Keith Stanfield, Ben Schnetzer, Christian Contreras, Jaymes Butler, Parker Sawyers - Verleih: Universum Film GmbH

 

 

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