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Snowden

 

 

Ein Mann sieht nur mit dem Herzen alles


Prismen prägen das Bild. Es geht um Prismenprogramme, die die NSA einsetzt, um terrorverdächtige Formulierungen aus zahllosen weltweiten E-Mails zu filtern; da passt es doch gut, dass in "Snowden" manch ein Objekt und Gesicht per Lichtbrechung deformiert und für das Auge schwer zu lesen ist.

Oliver Stones Biopic über den Whistleblower Edward Snowden sucht die Killer-App. Wie kann das Abstraktum "Überwachung als globaler Staatsmacht-Übergriff" anschaulich werden? Durch Satire-Montagen nach Art von Michael Moore? Durch Filmbilder, die - wie etwa in "Inside Wikileaks" - so aussehen, als wollten sie ein digitales Hirnsausen noch übertrumpfen? Beides gibt es hier (und einen Hongkong-Hotel-Interview-Videodreh mit Snowden und beherzten Zeitungsreportern als Rahmenhandlung zum Lebensstationenplot); aber der Akzent liegt weder darauf noch auf den Prismen selbst, sondern: Wie in all seinen Historienfilmen, von "Alexander" (dem Großen nämlich) über die gewalttätigen Sixties ("Platoon", "Born on the 4th of July", "The Doors", "JFK") bis zum Schutt des "World Trade Center", setzt Stone als Regisseur auf das biografische Individuum als Erfahrungsträger. Das heißt, zur Machtkritik muss der echte Mann ran: Er ist es, der Bilderfluten und -brechungen wie auch den Zynismen seiner Zunft standhält ("All das können wir machen!" sagt der Techniknerd, "All das müssen wir machen!" sagt die Staatsräson jeweils zu Snowden); der echte Mann verarbeitet Eindrücke, wägt sie gegeneinander und gegen Grundsätze ab, gelangt dabei zur ethischen Reife und lässt all das zum richtigen Zeitpunkt als Ausdruck, sprich: Monolog, raus. So weit, so konservativ und autoritär.

Stone bietet Imperialismusskepsis als eine Form von Amerikapatriotismus. Das macht sein Projekt knifflig. Dass er Snowdens Herzensprägung gar so unterkomplex rüberbringt, das wirkt, als würde es sicherheitshalber geschehen. Bis der NSA-Bub seinen verhärteten väterlichen Mentor zuletzt als ultimative Riesenmonitorpatriarchenfratze sieht, müssen wir in viele ostentativ ominöse, betriebsblinde, pathetische Gesichter blicken, die uns alle sehr viel sagen sollen; Snowdens liberale Freundin gibt dazu das Plauderton-Kontrastprogramm, ebenso ostentativ. Ein Sinn für bunkerartige Büroräume, die das durchwegs männliche Programmierermilieu mit formen, zeigt sich und dringt doch nicht ganz durch.

Nicolas Cage tritt als guter Mentor nur kurz auf; aber sein zur Trademark gewordenes Schmierenspiel scheint den Ton für alle darstellerischen Leistungen in diesem Film vorzugeben - für Melissa Leo, Zach Quinto und Tom Wilkinson als Hotelzimmerservice-Trio der kritischen Medien sowie für Rhys Ifans, Shailene Woodley und selbst Joseph Gordon-Levitt in der sympathischen Titelrolle. Am Ende steht Snowdens Exil in Moskau: Da wird es dann echt echt. Es soll nicht gespoilert werden - zum einen, weil es eh ein bissl klar ist; zum anderen ist es schon auch rührend.

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

   

Snowden
Deutschland, USA 2015 - 134 Min. -  FSK:  ab 6 Jahre - Kinostart(D): 22.09.2016 - Regie: Oliver Stone - Drehbuch: Kieran Fitzgerald, Oliver Stone, Luke Harding, Anatoly Kucherena - Produktion: Moritz Borman, Eric Kopeloff, Philip Schulz-Deyle, Fernando Sulichin - Kamera: Anthony Dod Mantle - Schnitt: Alex Marquez - Musik: Craig Armstrong - Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Scott Eastwood, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Timothy Olyphant, Melissa Leo, Rhys Ifans, Joely Richardson, Tom Wilkinson, Keith Stanfield, Ben Schnetzer, Christian Contreras, Jaymes Butler, Parker Sawyers - Verleih: Universum Film GmbH

 

 

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