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Sinister 2

 

Im Bann von Bughuul

Ciaran Foys filmische Grobheit "Sinister 2" berauscht sich geradezu an den Defekten des schmutzig prä-digitalen Medienzeitalters, erreicht aber nicht die Subtilität von Teil 1.

Mit "Sinister" legte Scott Derrickson 2012 einen der besseren, insbesondere atmosphärisch sehr stimmigen Filme der jüngeren, mehr auf Gruselschauer statt auf Zerfleischungen setzenden US-Horrorwelle aus dem Semi-Mainstream vor (hier unsere Kritik). Während andere Filme dieses losen Zusammenhangs in erster Linie über ihre Spieldauer "Jump Scares" großzügig verteilen, zelebrierte "Sinister" die hauntologische Ästhetik alten Super8-Filmmaterials und geisterhaft veruneindeutigter, schön zerriebener Sounds und Songs, die man - vom norwegischen Black Metal von Ulver über komplexe Elektronik von Boards of Canada bis hin zu den ritualistischen Drones von Sunn o))) - direkt von den Meistern wohlig unwohliger Musik lizenzierte. Ein exquisites Coffeetable-Book von einem Film, das - da mit Ethan Hawke prominent besetzt und auch an den Kassen erfolgreich - unweigerlich ein Sequel nach sich ziehen musste. Da das Franchise nun einmal etabliert ist, kommt dieses jetzt auch ohne etablierte Stars als Antriebsmotor aus.

Einen beträchtlichen Reiz bezog der erste Teil auch daraus, dass ihm ein großes Spukhaus-Mysterium zugrunde lag, dessen Konturen Hawke Schritt für Schritt freilegte, ohne dass der Film in ungelenke Erkläritis verfiel. Eine nicht unbeträchtliche Hypothek für ein Sequel, das auf dieses As im Spiel nun verzichten muss: Die Geschichte vom archaischen Gott Bughuul, dem "Boogeyman" aus der US-Folklore, der in seinen Bildern und Repräsentationen spukt und die Kinder von Kleinfamilien zu irrsinnigen Gewalttaten an ihren Eltern animiert, bevor er sie als Schattengeister in seine Bildwelten holt, ist nach dem ersten Teil (und dem Trailer zum zweiten) etabliert. Wählt der Vorläufer noch die Perspektive des Familienvaters, der erst im Moment, als es endgültig zu spät ist, versteht, was Sache ist (was im übrigen auch eine schöne Horrorparabel auf die Vernachlässigung von Kindern durch allzu ich-fixierte Eltern darstellt), macht sich die Fortsetzung die Perspektive eines Kindes zu eigen, das zusehends in den Bann von Bughuul gerät: Nach einer Scheidung zieht eine Mutter mit ihren beiden Zwillingen in ein entlegenes Haus auf dem Land, wo einer der beiden bald die Bekanntschaft mit einer Gruppe geisterhafter Kinder macht, die ihn zum Anschauen gruseliger Super8-Filme im Keller verleiten, in denen - wie in Teil eins - schauderhafte Familienmorde gezeigt werden. Unterdessen taucht der leicht trottelige Hilfssheriff aus Teil eins auf (dort noch eine Nebenrolle, hier Held der Geschichte), der sich die Bekämpfung des Fluchs der Bughuul-Morde mittlerweile zum Lebensinhalt gemacht hat

Auch "Sinister 2" lässt sich wieder als Parabel auf krisengeschütteltes Familienleben lesen. Hier bildet das schwelende Trauma einer Elterntrennung den Ausgangspunkt. Der Familiengrusel ist derzeit ein populäres Thema im Horrorkino, wie der australische "Babadook" und der österreichische "Ich seh, ich seh" belegen - doch wo diese beiden Filme sich tief in ihr Thema versenken, belässt es "Sinister 2" beim bloßen Stichwort und bleibt einigermaßen konkret. Das beschert dem Film vor allem in den ersten drei Vierteln seiner Laufzeit spürbaren Leerlauf, da Regisseur Ciaran Foy seine Figuren stets erst mühsam anordnen muss, um den Rahmen für seinen eigentlichen Spektakelwert zu etablieren. Mehr noch als der Vorläufer ist "Sinister 2" lustvoll ausstaffierte Nummernrevue: Während die eigentliche Erzählwelt eigentümlich leer ist, fallen die kunstvoll auf Vintage getrimmten Super8-Sequenzen samt dem Ritual ihrer Aufführung (inklusive synchronisiertem Plattenspieler, der effektiv in Szene gesetzt wird) ziemlich spektakulär aus: Am liebsten, scheint es, wäre "Sinister 2" transgressives Avantgarde-Kino, das sich in der materiellen Ästhetik seiner präsentierten, im Digitalzeitalter obsolet gewordenen Medien nach Herzenslust austoben kann. "Sinister 2" berauscht sich geradezu am Korn, an den Defekten, am Grundrauschen des schmutzig prä-digitalen Medienzeitalters und bietet im Verbund mit den wieder toll entrückten Sounds und Songs einige ziemlich wunderbare Momente, die sich insbesondere im grandiosen Showdown zu einem Triumph des groben Filmemachens über die klein-klein sortierte Welt des überschaubaren Continuity-Erzählens erhebt.

Der Exzess kommt allerdings zu einem Preis: Waren die Super8-Snuff-Filme des ersten Teils - vielleicht auch wegen des Hollywood-Konnex in der Person von Ethan Hawke - noch psychologisch wirksam, suhlen sie sich in der Fortsetzung in einer geradezu viehisch enthemmten Brutalität. Und war der Vorläufer nicht zuletzt auch eine schöne Meditation darüber, was geschieht, wenn der heutige Digital-Medienapparat auf seine analogen Vorreiter blickt, fehlt dem zweiten Teil diese auch intellektuell reizvolle Komponente spürbar. Auch abseits der Konflikte zwischen Diesseits und Jenseits, Archaik und Moderne stehen zwei filmische Welten im Widerstreit: Die des braven, eher literarischen Formen verpflichtenden Erzählens und der dazugehörigen, sortierenden Mittel - und die einer Unterwanderung dieser Mittel, in denen eine auch formelle filmische Grobheit auf ganz eigene Formen audiovisuellen Spektakels abzielt. Wer letzteres genießen will, muss über ersteres zuweilen geduldig hinwegsehen. Möglich ist das durchaus. Dennoch bleiben Restbedenken: Schöner wäre es schließlich, wenn sich solche audiovisuelle Purzelbäume dem Kino auch ohne einen letztendlich domestizierenden Rahmen andrehen ließen.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 
Sinister 2
USA, Großbritannien 2015 - 97 Min. - Kinostart(D): 17.09.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Ciaran Foy - Drehbuch: C. Robert Cargill, Scott Derrickson - Produktion: Jason Blum, Scott Derrickson, Brian Kavanaugh-Jones - Kamera: Amy Vincent - Schnitt: Ken Blackwell, Timothy Alverson, Michael Trent - Musik: Tomandandy - Darsteller: Shannyn Sossamon, James Ransone, Tate Ellington, Nicholas King, Delphine Pontvieux, Lucas Jade Zumann, Nicole Santini, Laila Haley, Jaden Klein, Lea Coco, Jose Santiago, Howie Johnson, Olivia Rainey, Caden M. Fritz, Dartanian Sloan - Verleih: Wild Bunch Germany

 

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