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Simons Geheimnis

In seiner typisch verschachtelten Erzählweise denkt Atom Egoyan über Religion, Familie und Identität in einer vernetzten Welt nach. Die Fragen, die er dabei stellt, bleiben im Bewusstsein haften

 

Bertolt Brecht wünschte sich in seinem Aufsatz „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“ (1932), dem Kern seiner „Radiotheorie“, dass durch den Rundfunk jeder „Empfänger“ von Information gleichzeitig zu einem „Sender“, das Radio also von einem „Distributionsapparat“ zu einem „Kommunikationsapparat“ werden solle. „Der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“, schwärmte Brecht, sei der Rundfunk, wenn er die Menschen nicht mehr isoliere, sondern miteinander in Beziehung setze. Brecht war seiner Zeit damit voraus, sich der Erfüllung seines Wunsches aber sicher. Erleben konnte er sie nicht mehr. Erst 35 Jahre nach seinem Tod wurde mit dem World Wide Web die brechtsche Utopie Wirklichkeit. Was diese grenzenlose Kommunikation heute bedeutet und wie sie das Leben der Menschen verändert, mit dieser Frage beschäftigt sich Atom Egoyan in Simons Geheimnis (Adoration).

 

Simons Mutter war Kanadierin, sein Vater Jordanier. Seit sie bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, lebt der introvertierte Junge (Devon Bostick) mit seinem Onkel, dem Abschleppwagenfahrer Tom (Scott Speedman), im ehemaligen Haus seiner Eltern in einem beschaulichen Vorort von Toronto. Von ihnen sind ihm lediglich einzelne Erinnerungsfetzen sowie die widersprüchlichen Berichte seines Onkels und seines Großvaters Morris (Kenneth Welsh) geblieben. So begibt sich Simon auf eine unkonventionelle Suche nach seiner Vergangenheit.

 

Bei einem Diktat im Französischunterricht – der Text handelt von einem islamistischen Terroristen, der seiner schwangeren Frau ohne ihr Wissen einen Sprengsatz unterschiebt – weicht Simon vom Ursprungstext ab und schreibt einen Aufsatz aus der Sicht des ungeborenen Sohnes der Frau. Die Geschichte erzählt er so plastisch und glaubwürdig, dass seine Lehrerin Sabine (Arsineé Khanjian) vorschlägt, den Text als dramatischen Monolog beim Schulfest aufzuführen. Bis dahin soll Simon mit der Geschichte umgehen, als sei sie wahr. So verbreitet er seine Erfindung über einen Video-Chatroom im Internet, und schon bald beginnt sich eine breite Öffentlichkeit für ihn und seine Geschichte zu interessieren und über Religion, Fanatismus, Vorurteile und Schuld zu diskutieren.

 

In Simons Geheimnis geht es darum, wie Menschen miteinander reden. Sie kommunizieren in beinahe jeder Situation. Dabei können sie sich näherkommen, sich aber genauso entfremden und anfeinden. Egoyan beschäftigt sich vor allem mit den veränderten Kommunikationsbedingungen in der technisierten Welt. Bringt es die Menschen tatsächlich einander näher, wenn plötzlich jeder mit jedem reden kann, oder werden die Gräben nur tiefer? Brecht schreibt 1932, dass „Erfindungen nicht bestellt sind“. Die Technik sei damals zwar soweit gewesen, den Rundfunk zu entwickeln, die Gesellschaft allerdings noch nicht bereit, ihn aufzunehmen. Analog dazu interessiert auch Egoyan, was die Gesellschaft mit ihren scheinbar grenzenlosen technischen Möglichkeiten tatsächlich anfängt.

 

Dieses Leitmotiv kristallisiert sich jedoch erst im Verlauf von Simons Geheimnis heraus. Es scheint mitunter, als müsse Egoyan den Gegenstand seines Films selbst erst definieren. Es gibt keinen vorgezeichneten Pfad, auf dem er zu einer Auflösung gelangt oder gar eine moralische Position – und mag sie noch so ambivalent sein – einnimmt. Egoyan lässt den Zuschauer an seinem eigenen, ergebnisoffenen Forschungsprozess teilhaben.

 

Mit gängigen Genrebegriffen lässt sich Atom Egoyans neuer Film nur schwer fassen. Trotz eines sich nach und nach herausdestillierenden zentralen Konflikts und Erzählstrangs macht Simons Geheimnis zunächst das Essayistische aus. Er erzählt verschiedene Geschichten – oft sind es auch nur Situationen – nebeneinander. Kurze Episoden, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben, sich aber doch alle mehr oder weniger berühren und sowohl jede für sich als auch zunehmend in ihrer Gesamtheit Sinn ergeben.

 

Diese Erzählweise ist in Egoyans Werk nicht grundlegend neu. Auch sein bisher größter internationaler Erfolg, Das süße Jenseits (The Sweet Hereafter, 1997), oder sein Beitrag zur Aufarbeitung des Völkermordes der Türken an den Armeniern, Ararat (2002), sind ähnlich verschachtelte Erzählungen. Allerdings ist Simons Geheimnis allein vom Umfang seiner Erzählebenen das bisher wohl komplexeste Werk des kanadischen Autorenfilmers. Kaum meint man als Zuschauer in die Erzählung gefunden zu haben, eröffnet er schon den nächsten Nebenstrang, etabliert das nächste Bild, reißt das nächste Thema an. Auch Kenner seiner Filme stoßen dabei an ihre Grenzen. Egoyan gelingt es jedoch nicht, die verschiedenen Ebenen überzeugend miteinander zu verschmelzen; der Film bleibt äußerst heterogen. Aber auch wenn die vollständige Fusion der einzelnen Themenkomplexe ausbleibt, so weisen doch schon allein ihre ständigen Verknüpfungen auf die unbedingte Notwendigkeit hin, sie nicht isoliert voneinander, sondern in ihrer Gesamtheit zu denken. Dass er den Zuschauer hierfür sensibilisiert, ist das größte Verdienst von Simons Geheimnis.

 

Felix Frieler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de

 

Simons Geheimnis

(Adoration)

Kanada 2008

100 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Regie: Atom Egoyan

Drehbuch: Atom Egoyan

Produktion: Atom Egoyan, Simone Urdl, Jennifer Weiss

Kamera: Paul Sarossy

Musik: Mychael Danna

Schnitt: Susan Shipton

Darsteller: Arsinée Khanjian, Scott Speedman, Devon Bostick, Rachel Blanchard, Noam Jenkins, Kenneth Welsh

Dt. Kinostart: 21.05.2009

 

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