zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Shit Year

 

 

 

 

Mit einer großartigen Ellen Barkin im Zentrum eines etwas auseinanderfliegenden Films erzählt Cam Archer von einem wahren "Shit Year".

Eine Frau hört auf. Sie spielt ein letztes Mal auf dem Theater, dann fällt der Vorhang. Sie gibt ein letztes Fernsehinterview, die Lichter gehen aus. Sie hat eine Affäre mit einem viel jüngeren Mann, da trägt sie schwere seelische Blessuren davon. Sie geht in die Berge, zieht sich zurück, bastelt Puppen aus Äpfeln und Stroh, träumt, erinnert sich, bekommt Besuch, schnauzt den jungen Tamales-Verkäufer an, wälzt sich im Bett, begegnet umrisshaften Figuren im Wald. Das alles in schwarz-weiß. Ohne stringente narrative Logik. Mit unerklärten Bildern und wiederkehrenden irrealen Sequenzen. In der Rolle der Frau, die aufhört: Ellen Barkin. Sie spielt Colleen West.

Cam Archers Zweitling "Shit Year" lässt im Titel an Deutlichkeit zu wünschen nichts übrig. Er assoziiert sich durch seine dissoziierte Geschichte, die nicht die seine ist, sondern die von Colleen West. Er hat ihre Visionen. Harvey, der junge Mann, steht etwa einmal in einem undefinierten Raum vor einer frisch gestrichenen weißen Wand und streicht sie noch einmal weiß. Eine langhaarige junge Frau sitzt woanders im Raum. Colleen verlangt von Harvey Klarheit: in Sachen Wandnochmalstreichen, in Sachen langhaarige junge Frau und bekommt sie nicht. Das ist so eine Sequenz, wie "Shit Year" sie sich manche erlaubt. Der Film marodiert durch diverse Realitäts- und Ästhetikregister, produziert schöne und zu schöne Bilder und erinnert dabei weniger an jüngere Sundance-förmige Independentfilme, eher an eine musikvideoästhetisch gepimpte Version des frühen Jim Jarmusch; vielleicht auch Gus van Sant, den Mentor Cam Archers, an dessen traumverlorene "Drugstore Cowboy"-Jahre der Film dann wiederum freilich niemals heranreicht.

Das Problem von "Shit Year", diesem immer wieder überzeugenden, berührenden, einfallsreichen Film: Es steckt ein innerer Widerspruch in ihm, der nicht produktiv wird, sondern die tollsten Ansätze eher immer wieder zerstreut und verwässert. Was ihn emotional zusammenhält, ist das Drama der noch sehr attraktiven, bis zuletzt erfolgreichen Schauspielerin, die über ihrem offenbar untreuen Liebhaber mindestens ebenso wie an ihrer Zukunft verzweifelt. "Shit Year" ist das Melodram einer unglücklichen Liebe, ein recht generisches Sehnsuchts- und Verzweiflungsstück, die andere Geschichte vom Ende einer Schauspielerin-Laufbahn spielt da eher zusätzlich hinein. Von "Boulevard der Dämmerung" und Nora Desmond, an die manche Kritik denkt, ist das alles darum recht weit entfernt. Und genauso weit von Cassavetes, Gena Rowlands, "Opening Night". Nicht zuletzt im Schauspielstil der Protagonistinnen: Ellen Barkin tut niemals zuviel, sie hält den inneren Kern ihres Unglücks recht tapfer zusammen. Keine Ausbrüche, eher ein Schwelen. Barkin spielt eine Frau, die mutwillig eine Zukunft herbeiführt, von der sie mit leider gutem Grund glaubt, dass sie ohnehin nicht ausbleiben kann.

Einerseits verhindert Barkin also mit ihrer großartigen Performance, dass der Film völlig auseinanderfliegt. Andererseits wirkt manches, das Cam Archer als Wandstreich-Vision und freigestellte Körperästhetik und treibende Flocken und "THX 1138"-science-fiction-artige Ich-will-ihn-wiederhaben-Halluzination in den Sinn kommt, doch wie Ideenflucht und Ablenkungsmanöver. Er könnte seiner Hauptdarstellerin und ihrer Geschichte ruhig viel mehr vertrauen, er muss gar nicht zeigen, was ihm alles einfällt und was er sonst noch so kann. Gewiss fällt ihm durchaus auch (diese Apfelpuppen), aber keineswegs ausschließlich Blödes ein. Immer wieder entwickeln einzelne Sequenzen beim Auseinanderfliegen ordentlich Schwung. Nur kriegt Archer dann die Kurve zu einer Ästhetik des Überbordens und Hintersichlassens von Narration und Figurenpsychologie auch wieder nicht. Zwei Seelen, eine Brust. Zwiespalt im Kritikerherzen. Es bleiben, auch wenn sie einander nicht stärken, zuletzt aber doch die eine und die andere Lust.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Shit Year
USA 2010 - Regie: Cam Archer - Darsteller: Ellen Barkin, Bob Einstein, Luke Grimes, Melora Walters, Theresa Randle, David Zellner, Josh Blaylock, Anna Moore, Tiffany Anders, Kavita Rao, London Vale - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.U. - Länge: 95 min. - Start: 11.8.2011

  

zur startseite

zum archiv

zu den essays