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She, a Chinese

 

 

 

In Bewegung gesetzt ist die Heldin von Guo Xiaolus preisgekröntem Spielfilm "She, a Chinese" - er erzählt vor allem, wie man von einer Abhängigkeit in die andere gerät am Rand der Gesellschaft. 

 

"She, A Chinese" ist ein Film, dem man am ehesten über die vielfachen Bewegungen, die er vollzieht, näher kommt. Wo aber "Up in the Air" den ideologischen Weg nach Innen sucht, zur Familie, ins Vertraute, wo er überhaupt den Horizont USA nie übergreift, da ist "She, A Chinese", der Wettbewerbsgewinnerfilm von Locarno, ein Werk auf dem Weg nach Draußen, ins Offene. Ein Offenes allerdings, das nicht per se schon das Freie oder die Freiheit ist. Umgekehrt eher: Wie wenig die reine Bewegung, das Aufbrechen, das Nicht-Verharren, das Weiter-Kommen-Wollen mit Freiheit zu tun haben, wenn es nichts als die Bewegung von einer Abhängigkeit in die nächste ist, dies vor allem führt der Film vor.

 

Ihren Ausgang nimmt die Geschichte von Mei in einem Provinzkaff in China. In der Kneipe im Freien, in der sie arbeitet, hängt sie herum. Von der Mutter getadelt, vom Leben gelangweilt, von einem Mann im Kleinlaster abgeschleppt. Eigentlich wollen sie zur "King Kong"-Vorstellung, er aber fährt auf einen Abweg und vergewaltigt dort Mei. Sie muss raus, sie will weg, sie gerät an andere Männer. Einer von ihnen, in der chinesischen Großstadt, sammelt das Bargeld unter der Matratze seines Bettes. Als er in Ausübung seines Berufs als Geldeintreiber ums Leben kommt, schnappt sich Mei das Geld und flieht, up and away, mit dem Flugzeug nach London. Da ist sie nun, schließt sich einer chinesischen Reisegruppe an, schippert über die Themse und erkennt den Big Ben wieder, den sie als Fotohintergrund kennt. (Weitere Parallele zu "Up in the Air". Dort macht Ray Bingham ständig Fake-Fotografien vor Touristen-Attraktionen der USA. Für seine Schwester - die nämlich hat kein Geld für eine Hochzeitsreise: Man fügt sich, man macht das Beste daraus, man schafft sich Ersatzvergnügen und gibt sich zufrieden damit. )

 

Mei sucht die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Sie ist überhaupt nicht zufrieden. Nicht mit dem, was sie hat, nicht mit dem, was sie bekommt. Sie will mehr als das. Nicht nur einen alten Mann, der sie keusch heiratet und dann lüstern betatscht. Die junge Regisseurin und Romanautorin Guo Xiaolu setzt diese Konfrontationen als nonchalante Queste in Szene. Sie erklärt ihre Heldin nicht und macht aus ihr doch kein Rätsel. Mit eigentümlicher Leichtigkeit gleitet Mei in dieser Auf- und Abstiegsgeschichte von einem Unglück ins nächste. Manches Unglück sieht zwischendurch wie eine Art Glücksfall aus, ist es dann aber nicht.

 

Plausibel bleibt dieses Gleiten, weil Mei im Grund selbst nicht viel mehr als ein Shifter, eine bewegliche Leerstelle ist. Eine Figur, über die man wenig erfährt. Eine leere Figur und gewiss auch eine Figur für die Leere eines globalisierten Gefühls von der Wirklichkeit. Diese Leere macht im Gegenzug fast alles, was ihr widerfährt, einigermaßen unspezifisch: Vergewaltigung, Triadengangsterei, Scheinehe, dann sogar noch Begegnung mit einem Proto-Islamisten. Ein wenig wird hier auch ein Themenkatalog abgehakt. Dass der Film daran nicht schweren Schaden nimmt, liegt aber genau daran, dass es ihm auf das Gleiten der Figur viel eher ankommt als auf die Milieus, in die sie gerät, durch die sie fließt.

 

Xiaolu reagiert überdies nicht mit konservativen Rückzugswünschen auf die Diagnose, sondern mit einer Lakonie, die sich eines Urteils weitgehend enthält. Eher spielerisch, ein Gestus erzählerischer Souveränität: Vorangestellt ist jeder einzelnen Episode eine Kapitelüberschrift, die weniger Ordnung schafft oder strukturiert, als dass sie das Sprunghafte dieses Erzählens selbst ausstellt. Über einzelne Dinge hat "She, a Chinese" - generisch ist schon der Titel - nichts Besonderes zu erzählen. Nur so aber gelingt dieses Experiment: Gerade in der Sprunghaftigkeit seines Erzählens, in der psychologischen Neutralisierung der Hauptfigur und im Generischen, das ihr widerfährt, gewinnt der Film seine Richtigkeit.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

She, a Chinese

Großbritannien / Frankreich / Deutschland 2009 - Regie: Guo Xiaolu - Darsteller: Huang Lu, Wie Yi Bo, Geoffrey Hutchings, Chris Ryman - FSK: ab 12 - Länge: 98 min. - Start: 4.2.2010

 

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