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Shanghai

 

 

 

 

In Mikael Hafstroms Historienfilm "Shanghai" begegnet sich ein Allstarcast mit Gong Li, Franka Potente, John Cusack, Chow Yun-Fat und Ken Watanabe im aufwändig herbeiinszenierten Jahr 1941 zu Spionage- und anderen Zwecken.

Treppauf verschwindet Franka Potente, sie heißt hier Frau Müller, im Negligé aus Nebenrolle und Film. Sie spielt die Ehefrau eines Nazi-Mannes in Shanghai, die ihren Liebhaber in tiefer Nacht beim Fotografieren ertappt. Der Liebhaber ist Paul Soames (John Cusack) und gibt sich als US-Journalist mit NS-Sympathien aus. Nun aber fotografiert er, unter keiner Decke mehr steckend, Dokumente des Ehemanns, die auf düstre Pläne der japanisch-deutschen Entente deuten: am Horizont liegt Pearl Harbor.

Shanghai, umkämpfte Weltstadt, japanisch-chinesischer Krieg, das Jahr 1941, daraus schlägt "Shanghai" (der Film, der vorwiegend in Tokio und London gedreht ist) mit Hilfe von CGI und Menschengewusel und nachempfundener Stadtarchitektur Kapital. Es kommt ein Star-Aufgebot hinzu, das ins Gewusel gesetzt ist, neben Potente und Cusack sind unter anderem noch Gong Li und Chow Yun-Fat und Ken Watanabe von der Partie. So manches wäre also auf der Habenseite von "Shanghai" zu verbuchen, wäre da nicht der eine oder andere Haken.

Zum Beispiel der Regisseur Mikael Hafstrom. Sein Ehrgeiz ist deutlich, sein Sachverstand ist es nicht. In buchstäblich jeder einzelnen Szene spielt er auf maximalen Effekt. In Edelschlammfarben filtergetötnte Ausstattungsorgie meets gülden glänzenden Regen, asiatische Darsteller kämpfen sich mit im Original oft schwer verständlichen englischen Worten, aber bestens gekleidet durchs Edelambiente. Teuer soll es aussehen und tut es, aber auf eher billige Weise. Mitunter steht die Kamera schief, sie sucht prätentiöse Aufnahmewinkel, sie setzt alles und jeden aufwändig in Schatten und Licht. Man vermutet hinter dem Licht und im Schatten erst recht tieferen Sinn oder wenigstens Plot-Raffinesse: ersteres wie letzteres gibt's leider nicht.

Das wäre der andere, der wahre Haupt- und Staatshaken: das Drehbuch von Hossein Amini. Es fädelt Figuren und Geschichten im Schauplatz Shanghai gleich zu Beginn so kompliziert eins ums andere, dass ein Eindruck entsteht, nämlich der einer beträchtlichen Komplexität. Hat man die Mühe dann auf sich genommen, all den Fäden mal zum bitteren, mal zum verwirrenden, mal zum abgerissenen Ende zu folgen, sieht man aber Franka Potente treppauf für immer verschwinden und sich mit einer ernüchternden Wahrheit konfrontiert: Figuren aus Pappe agieren desorientiert in einer mit Blattgold überzogenen Historienwelt aus Klischees. Ich denke mir, den Roman, der diesem Durcheinander zugrunde liegt, läse ich vielleicht sogar gerne. Nur leider gibt es keinen Roman, es liegt nichts oder nur die Historie im allgemeinsten Sinne zugrunde. Die Fallen, in die dies Buch tappt, hat es sich alle selber gestellt.

Wie weit das alles Aminis Fehler ist, bleibt andererseits auch wieder unklar. Produziert nämlich hat die "Weinstein Company"; und wenn namentlich Harvey Weinstein, für irgendetwas berühmt, vielmehr berüchtigt ist, dann für die gnadenlose nachträgliche Zurichtung halbwegs groß gedachter Projekte zu Scherbenhaufen, an denen vorn und hinten nichts mehr stimmt. Besonders übel stößt hier ein von Cusack gesprochener Voiceover-Erzähltrack auf, der in seiner Faux-Noir-Dämlichkeit nicht nur für sich ärgerlich ist, sondern auch noch mit dem vielen Blattgold im Bild nicht recht harmoniert. Er wirkt wie ein hinterher dran- und draufgeklebter roter Faden, der jetzt aber noch zusätzlich aus dem Durcheinander heraushängt. Wer immer die Köche im einzelnen waren: "Shanghai" ist ein verdorbener Brei, der auf den Kinomärkten der Welt seit mehr als einem Jahr verklappt wird, auf seinen US-Start aber noch wartet.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Shanghai
iUSA / China 2010 - Regie: Mikael Håfström - Darsteller: John Cusack, Gong Li, Chow Yun-Fat, David Morse, Franka Potente, Ken Watanabe, Jeffrey Dean Morgan, Rinko Kikuchi, Benedict Wong, Hugh Bonneville, Christopher Buchholz - FSK: ab 16 - Länge: 105 min. - Start: 15.9.2011

  

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