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Sex Tape



In Jake Kasdans Wiederverheiratungskomödie "Sex Tape" versuchen Cameron Diaz und Jason Segel, die brachliegende Libido wiederzubeleben.

"Sex Tape" heißt die neue Komödie von Jake Kasdan. Sie bringt den jungen, aufs Komödienfach spezialisierten Regisseur erneut mit der unwahrscheinlichen Schauspielerpaarung von Cameron Diaz und Jason Segel zusammen. Für "Bad Teacher" (2011) hatten die drei schon einmal ihre sehr ungleichartigen Talente gepoolt - mit ungleichmäßig inspirierten Ergebnissen. Chemie gab es zwischen Diaz und Segel schon damals praktisch keine. Ohne Funkenschlag tendierte die romantic comedy, die "Bad Teacher" anteilig auch war, zur Zeichenhaftigkeit. "Bad Teacher" und "Sex Tape": Das sind sprechende Titel, in denen die bestechend einfachen Erzählprämissen sich offen zu erkennen geben. Kasdans Filme sind Konzeptkomödien, ohne Anspruch auf Wahrscheinlichkeit oder Originalität. Was zählt, ist nicht das detailliert gezeichnete Milieu oder die spontane Kommunikation der Körper, sondern die Abwandlung der im Titel gegebenen Grundbegriffe.  

Annie und Jay, so heißen Diaz und Segel diesmal, sind glücklich verheiratet. Er arbeitet als Musikproduzent, sie steht im Begriff, ihren sehr erfolgreichen Mutterschaftsblog zu Geld zu machen. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern - das ältere erweist sich mit beginnender Pubertät gerade als "a bit of an asshole" - leben Annie und Jay in Los Angeles. "Sex Tape" könnte eine Backstage Comedy über das Privatleben der Kulturindustriearbeiter sein. Auch dass das Finale die ganze Familie ins San Fernando Valley führt, das Herz der US-amerikanischen Pornoindustrie, wo sie in die Serverfarm des Pornoportals YouPorn einbrechen, deutet in diese Richtung. Tatsächlich aber interessiert sich Kasdan diesmal noch weniger für das konkrete Umfeld seiner Figuren als in "Bad Teacher", der immerhin noch an der besonderen Gemeinschaft des Lehrkörpers interessiert war, wenn auch lediglich als Folie für das Spektakel von Cameron Diaz' moralisch depravierter Aushilfslehrerin Elizabeth. "Sex Tape" ist demgegenüber fast privatistisch. Hin und wieder dürfen die lieben Nachbarn oder Annies Vorgesetzter Hank (ein durchgeknallter Rob Lowe) ins Bild. Viel weiter reicht die abstrahierte Welt von "Sex Tape" nicht.

Am Anfang des Films steht eine Montage von Momentaufnahmen aus dem regen Liebesleben des Pärchens, als die beiden noch jung und unverheiratet waren. Um als jüngere Versionen ihrer selbst durchzugehen, tragen Diaz und Segel eine dicke Schicht Makeup. Es soll für die Dauer dieser einleitenden Rückblende die Spuren des Alters aus den Schauspielergesichtern tilgen, ist gleichzeitig aber auch als Maskeneffekt lesbar. Kein Zweifel: Hier wird uns etwas vorgespielt. Im mittleren Alter und in der Erzählgegenwart angekommen, liegt Annie und Jays Libido brach. Ein sex tape soll Abhilfe schaffen. Aber dann gelangt das Video, in dem die beiden sich systematisch durch "The Joy of Sex" arbeiten, in die falschen Hände. Der Rest des Films: eine Schnitzeljagd nach dem peinlichen (und für Annies Karriere als Mummy-Bloggerin womöglich verheerenden) Bildmaterial.

"Sex Tape" dekliniert die komischen Situationen, die aus dieser Prämisse entspringen, ohne ersichtliche Anstrengung, aber auch ohne Konzentration. Wo "Bad Teacher" dicht und präzise verfügt war, wirkt "Sex Tape" holprig, improvisiert. Die einzelnen Szenen sind lose und ohne innere Notwendigkeit aneinander gereiht. Manches könnte man, ohne dem Film Gewalt anzutun, einfach weglassen, anderes hinzufügen. Es herrscht ein relaxter Vibe in dieser remarriage comedy, die keine neuen Paarungen produziert, sondern bestehende auf die Probe stellt. Das Wiederverheiratungsmotiv wird konsequent auf dem Feld der Sexualität entfaltet. Auch wenn uns ein wohlmeinender Pornoimpressario (Jack Black) später erklärt, dass schlechter Sex ein Symptom tiefer liegender Beziehungsprobleme ist, sträubt sich "Sex Tape" ansonsten gegen solche Binsenweisheiten. Sex bezeichnet Annie und Jays Beziehung nicht als ein ein ihm Äußerliches, sondern er verkörpert die weltverwandelnde Kraft der Liebe unmittelbar: "I love fucking you," flötet die noch junge, vom Familienleben unverdorbene Annie ihrem Jay ins Ohr. Seine Erwiderung: "I fucking love you."
 
"Bad Teacher" und "Sex Tape" sind zweimal Cameron Diaz: einmal als narzisstische und soziopathische Tussi, die domestiziert werden muss, einmal als freundliche Mum, die einen Ausweg sucht aus der Häuslichkeit - oder doch wenigstens nach der Möglichkeit, ein Quäntchen vergangener Wildheit in die Familiensphäre hinüberzuretten. So bedenklich misogyn diese Frauenfiguren sich bisweilen anfühlen: Diaz macht sie sich zu eigen, bringt sie mit sprödem Charme zum Strahlen. Jason Segel, ihr Gegenüber, ist in Posen der naiven Begeisterung und der kindlichen Übertreibung zuhause. Ob im Kino (in dem charmanten Muppet-Relaunch von James Bobin zum Beispiel) oder im Fernsehen (in "Freaks and Geeks" und "How I Met Your Mother"), haben wir ihn als gutmütigen, leicht untersetzten Riesen kennengelernt. Seither hat Segel viel an Gewicht verloren. In "Sex Tape" ist er fast schlank, die sperrig-linkische Physis von einst geradezu stimmigen Proportionen gewichen. Gut für Jason Segel. Aber bedauerlich für sein komödiantisches Repertoire ist es doch, dass so etwas wie seine maximal jämmerliche Nacktszene in Nicholas Stollers "Forgetting Sarah Marshall" (2008) nicht wiederholbar ist. Davon nämlich, von entblößender, lächerlicher Nacktheit, hätte ein Film, der vorgeblich von Herstellung und Vertrieb (wider Willen) eines
sex tape erzählt, mehr vertragen.

Nikolaus Perneczky

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Sex Tape

USA 2014 - 94 Minuten - Start(D): 11.09.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Jake Kasdan  - Drehbuch: Kate Angelo, Jason Segel, Nicholas Stoller - Produktion: Todd Black, Jason Blumenthal, Steve Tisch, David J. Bloomfield, Ben Waisbren - Kamera: Tim Suhrstedt - Schnitt: Steve Edwards, Tara Timpone - Musik: Michael Andrews - Darsteller: Cameron Diaz, Jason Segel, Rob Corddry, Ellie Kemper, Rob Lowe, Nat Faxon, Nancy Lenehan, Giselle Eisenberg, Harrison Holzer, Sebastian Hedges Thomas, Timothy Brennen, Krisztina Koltai, Randall Park, Joe Stapleton, James Wilcox

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