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Sex & Crime

 

 
Theo geht es nicht so gut. Zwar haben ihm seine trivialen, aber kommerziell erfolgreichen Sex & Crime-Stories ein modernes Eigenheim im seelenlosen Speckgürtel einer x-beliebigen deutschen Großstadt beschert, aber eine Fortsetzung des großen Wende-Romans, mit dem er einst angetreten war, sollte man nicht mehr von ihm erwarten. Zudem kriselt es in seiner Ehe mit Katja, die sich vielleicht schon nach was Neuem umgeschaut hat. Theos bester Freund Valentin, der sich lieber „Val“ rufen lässt, weiß Rat. Ein unverbindlicher One-Night-Stand würde der geschundenen Seele des Bestsellerautors guttun, obwohl es um dessen Gesundheit auch nicht gerade zum Besten steht. Dafür aber ist Theos nächster Bestseller gerade als Manuskript fertig geworden, um den sich die Verlage reißen werden.

Es dauert etwas, bis die komplexe Figurenkonstellation von „Sex & Crime“ für den Zuschauer so weit etabliert ist, dass der atemlose Budenzauber beginnen kann. Denn hier ist nichts so, wie es auf Anhieb scheint. Wer hätte schon erwartet, dass Theo ausgerechnet in einer Spelunke auf eine verrucht tätowierte Kellnerin wie Mörli trifft, die nicht nur gut aussieht, sondern auch noch so sehr Fan seiner Bücher ist, dass sie mit ihm nach Hause geht, um sich ein paar Seiten aus dem unveröffentlichten Manuskript vorlesen zu lassen. Nur: nach Hause geht nicht, denn da wartet ja Katja. Glücklicherweise stellt Freund Val seine Wohnung zur Verfügung, damit die Affäre beginnen kann. Doch mitten in der Nacht ruft Theo Val aufgeregt zu Hilfe, weil im Wohnzimmer eine Frauenleiche liegt, die nun entsorgt werden muss.

Die Vorbilder des Spielfilmdebüts von Paul Florian Müller sind unschwer zu erkennen: die „blutige Beziehungskomödie mit liebenswerten Figuren“ (Müller) zielt mit ihrem Sinn für Doppelbödigkeiten und schwarzen Humor auf ein Publikum, dass sich auch noch der Epigonen von Tarantino, Fincher & Co. erfreut. Erlaubt ist, was das Drehbuch an Einfällen hergibt, Genre-Klischees sind dazu da, dass man mit ihnen spielt. Dummerweise werden die Überraschungen berechenbar, wenn man erst einmal den zentralen Kniff des Ganzen durchschaut hat. Was, wenn Freundschaft gegen Geldnot steht? Wenn Geldgier Liebe ersetzt? Wenn Tote gar nicht tot und Nachbarn Ex-Polizisten sind? Wenn Literatur zum MacGuffin wird? Und ein Drehbuchautor so begeistert von seinem Talent ist, dass er nicht mehr bemerkt zu haben scheint, dass seine Figuren immer wieder den einen Satz zuviel sagen, den es gar nicht mehr bräuchte?

„Sex & Crime“ will sein Publikum spielerisch emotional auf eine Achterbahnfahrt mitnehmen, aber unterschätzt dabei leider, dass das Spiel mit Genre-Versatzstücken auch ansatzweise intellektuell tragen sollte. Unberechenbarkeit um der Unberechenbarkeit willen wird berechenbar und langweilig, wenn man sich nicht für die Figuren interessieren kann, weil diese nur Pappkameraden sind. Letztlich sollte es zu denken geben, wenn der Autor trivialer Kriminal- und Sexgeschichten in eine Intrige hineingerät, die ihm so kein Lektor durchgehen lassen würde. So bleibt es bei einer Talentprobe, die man beim nächsten Mal gerne mit etwas sozialer Realität und zumindest ansatzweise tragfähiger Figurenpsychologie geerdet sähe.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 6/2016

 

 

 

 
Sex & Crime
Deutschland 2016 - Produktionsfirma: Weydemann Bros./Zischlermann Filmprod./Cine Plus Filmprod. - Regie: Paul Florian Müller - Produktion: Jonas Weydemann, Jakob D. Weydemann, Paul Zischler, Susanne Mann - Buch: Paul Florian Müller - Kamera: Tobias von dem Borne - Musik: Gary Marlowe - Schnitt: Sebastian Bonde - Darsteller: Wotan Wilke Möhring (Valentin), Fabian Busch (Theo), Pheline Roggan (Katja), Claudia Eisinger (Mörli), Oliver Stokowski (Hagü), Jörg Moukaddam (Schneeflocke) - Start(D): 24.3.2016 - 81 Min. - FSK: ab 12; f - Verleih: Camino

 

 

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