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Der serbische Anwalt

 


Aleksandar Nikolics "Der serbische Anwalt" porträtiert ruhig und konzentriert den Karadzic-Verteidiger Marko Sladojevic.

Es ist eine Frage, die man sich bei vielen juristischen Verfahren stellen kann: Was geht in diesen Rechtsanwälten vor? Wie kann man einen solchen Menschen nur verteidigen, womöglich sogar auf Freispruch plädieren oder auf einen solchen hinarbeiten? Konkret geht es um Radovan Karadzic, der sich nach seiner Festnahme im Jahr 2008 am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für seine Rolle im Bosnienkrieg verantworten muss. Unter anderem dreht sich der Prozess um das Massaker in Srebrenica im Juli 1995. Die Frage, die der Filmemacher Aleksandar Nikolic in "Der serbische Anwalt" umkreist, lautet: Wie rechtfertigt ein Anwalt, konkret: Marko Sladojevic, der Nikolic bemerkenswert nahe an sich heran lässt, sein Engagement in diesem Prozess, über den zumindest nach Ansicht der Öffentlichkeit das Urteil völlig absehbar ist? Welches Verhältnis findet der junge, aufstrebende Anwalt zu diesem Mandanten und dessen mutmaßlichen Taten?

Eine mögliche Antwort steht schon frühzeitig im Raum: Ein solcher Prozess kann, ganz unabhängig von seinem Ausgang, nur förderlich für die eigene Karriere sein. Reiner Opportunismus also? Hinzu kommt: Sladojevic stammt selbst aus dem untergegangenen Jugoslawien. Als junger Mann stand er in heftiger Opposition zu Karadzic und Milosevic, als Belgrad Ende der 90er Jahre bombardiert wurde, verließ er das Land, um in den Niederlanden Asyl zu suchen und ein neues Leben aufzubauen. Der Film legt implizit die Ahnung nahe, dass es vielleicht gerade diese Diaspora-Erfahrung mit den erlebten Ausgrenzungen ist, die zu einer Wiederannäherung geführt hat: Führt man im Innern noch politische Auseinandersetzungen, wird man von Außen zum widerspruchsfreien Serben erst gemacht.

Wobei es ein Missverständnis wäre, den Rechtsanwalt zum Komplizen seines Mandanten zu erklären. In dieser Hinsicht stellt "Der serbische Anwalt" eine Lektion in Rechtsstaatlichkeit dar. Sladojevics Ehefrau, die ebenfalls aus Serbien stammt und in Karadzics Kanzlei arbeitet, bringt es an einer Stelle beim Abendessen mit den Eltern auf den Punkt: Damit zweifelsfrei Recht gesprochen werden kann, ist ein möglichst umfassendes Bild der Situation zu dessen Evaluation nötig. Die Rolle der Strafverteidigung bestehe nun darin, zu diesem Gesamtbild beizutragen und Übergangenes ans Tageslicht zu holen, um eine Basis für einen gerechten Schuld- oder auch Freispruch zu schaffen. Eine Position, der sich auch Sladojevic glaubhaft anschließt.

Auch wenn einen im Verlauf dieses intimen Porträtfilms nie ganz die Ahnung verlässt, dass es sich um eine Rationalisierung handelt, die mögliche Schuldkomplexe abwehrt: Dass es beim Sichten von mitunter brutalstem Dokumentarmaterial zu eingestandenen Unterschlagungen kommt, die der eigenen Argumentation vor Gericht abträglich werden, räumt der Anwalt ebenso ein, wie die Tatsache, dass es ein gewisses Maß an emotionaler Abtötung braucht, um sich auf Jahre so intensiv mit einem Genozid und dessen Beurteilung auseinanderzusetzen. Bei seinen Landsleuten, früheren Weggefährten und Familienmitgliedern stößt Sladojevic regelmäßig auf Unverständnis und verteidigt seinen Mandanten schließlich noch im Privaten: In den Medien würden viele Lügen erzählt, einzelne Sätzen würden aus dem Zusammenhang gerissen und Karadzic sei beileibe nicht das Monster, als dass er dargestellt werde. Fraglich bleibt in solchen Momenten, wie sehr Sladojevic diesen Fall tatsächlich zur eigenen Sache gemacht hat.

"Der serbische Anwalt" ist ein ruhiger, konzentrierter, dennoch mulmig-intensiver Film. Er umkreist die komplexe Sachlage eher, als dass er sie auf einfache Antworten und Parolen zuzuspitzen würde. Es geht nicht um Thesen, sondern um Facetten, die auch im Widerspruch zueinander stehen dürfen: Wenn die Gerichte jahrelang um die Wahrheitsfindung kreisen, kann es einem Dokumentarfilm nicht gelingen, diese in knapp 90 Minuten auf einem Servierteller zu präsentieren.

Vielleicht geht es auch um einen Zustand post-jugoslawischer Melancholie: Gegen Ende des Films reist Sladojevic in seine Heimat, im Autoradio hört er einen schwärmerisch-emphatischen Song, der einstige Heldentaten der jugoslawischen Fußball-Nationalmannschaft preist. Mit Freunden bildet er ein neues (gesamt-)jugoslawisches Feierabend-Team. Über den Bildern liegt ein Hauch von Nostalgie, die Erinnerung, dass es am Rande Mitteleuropas einmal ein Land gab, dem trotz aller Missststände die sympathische Idee zu Grunde lag, verschiedene Völker in einem Staat zu einen, der letztlich am völkisch-nationalistischen Denken zugrunde ging.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

 
Der serbische Anwalt - Verteidige das Unfassbare!
The Serbian Lawyer (Alternativer Titel: The Serbian Lawyer - Der Mann der Karadzic verteidigte) - Deutschland, Großbritannien, Serbien, Slowenien, Niederlande, Bosnien-Herzegowina, Haiti 2014 - 92 Min. - Kinostart(D): 08.10.2015 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Aleksandar Nikolic - Drehbuch: Aleksandar Nikolic - Produktion - Aleksandar Nikolic, Gregor Streiber, Esther van Messel - Kamera: Aleksandar Nikolic - Schnitt: Aleksandar Nikolic, Andreas Preisner - Musik: Enrica Sciandrone - Verleih: Barnsteiner-Film

 

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