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Senna

 

 

Von Einstieg bis Aufprall

Den Rennfahrer als Volkshelden lässt Asif Kapadia in seiner Doku "Senna" aus Archivmaterial wiederauferstehen.

"Senna" - kurz und ikonisch: "Senna" - ist ein Volksheldenfilm. Der Autorennfahrer als Liebling der Götter (bis sie ihn töten), wiederauferstanden aus Archivmaterial. Nicht von Göttern jedoch spricht er, Ayrton Senna, sondern von Gott, der ihm in den letzten Runden des Rennens persönlich erscheint. Man kann verstehen, dass sein großer Rivale, Alain "der Professor" Prost, ein nüchterner Mann, davon eher nichts hält. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden steht im Zentrum des Films, weil erst der Gegner und tendenziell Schurke den Helden so richtig heldenhaft macht. Erst vertrugen sich Senna und Prost, wie man sich im selben Team zwischen Titelverteidiger und unbestritten hochbegabtem Supertalent eben verträgt: mit Hintergedanken und gemischten Gefühlen. Vermutet man. Und so suggeriert auch der Film, der sich auf Zeitlupen"beweise" und freeze frames der unterstellenden Art bestens versteht. Und dann war Schluss mit Vertragen, es folgten die Schlachten in Blicken, Worten und Karambolagen, die bis heute berühmt sind bei allen, die sich für die Geschichte des Autorennsports interessieren.

Mit heutigen Augen und gewohnt an Maß und Betragen der Wagen staunt man beim Wiedersehen der Bilder über die in nervösester Unruhe über die Rennstrecken zickenden, zackenden, zuckenden Boliden, stets am äußersten Rand und Band der Kontrolle der Fahrer. Senna, der Sohn reicher Eltern, kam, wie am prominentesten Michael Schumacher, das nächste große Fahrergenie, aus dem Kinder-Kart-Garten und brachte den dort gepflegten und dort auch nicht lebensgefährlichen aggressiv-rabiaten Rennstil ins Formeleinsfahrerfeld. Wie später Schumacher auch bewies er sein Können im die Qualitätsdifferenzen der Autos nivellierenden Regen und jagte Prost im hoffnungslos unterlegenen Toleman durch die Straßen von Monte Carlo und holte ihn wegen des wetterbedingten Rennabbruchs nur ganz knapp nicht ein. Den Abbruch nahm Senna, der auf den Sieg brannte, sehr übel. Es war der Beginn des durchaus begründeten Hasses auf Formel-1-Chef Balestre, der zu Fairness und Recht und Gesetz das für die großen Sportverbände üblich problematische Verhältnis pflegte und seinem Landsmann Prost die eine oder andere Extrawurst briet.

Tamburello war der Name der Kurve, die 2904., die letzte Führungsrunde in Sennas Leben, wir schreiben das Jahr 1994: Von Einstieg bis Aufprall zeichnet Asif Kapadia das Porträt eines Mannes nach, den die Menschen in seiner Heimat wie einen Gott selbst verehrten. Man sieht seine Eltern, man sieht seine Freundin, eine Fernsehmoderatorin, die ihn vor laufender Kamera mit Kussmündern überhäuft. Man sieht ihn zu Lande, zu Wasser und auch in der Luft. Man sieht das Rennen aus seiner Perspektive, man sieht ihn der Ohnmacht sehr nahe nach dem Sieg beim heimischen Interlagos-Grand-Prix, bei dem er nicht nur über die Gegner, sondern auch über ein rundenlang im sechsten Gang feststeckendes Auto triumphierte. Man hört ihn von Gott sprechen, man hört ihn Prost beschimpfen und sieht, wie ihm mitgespielt wird und wie er selbst unlautere Mittel keineswegs scheut. Weil die Filmemacher von der Senna-Familie jede Unterstützung erfuhren, wird mancher problematische Zug nach Möglichkeit ins Heldische umretuschiert. Nur die Humorlosigkeit Sennas, seinen verbissenen Ehrgeiz, die kriegt man nicht ohne weiteres weg.

Paradox ist der Effekt, auf den Regisseur Kapadia zielt: Eine Dramaturgie der Unmittelbarkeit, die sich dem Verzicht auf anderes als das Archivmaterial verdankt. Die konventionelle Musik tut mit gefühlsidentischen Klangstoffen Ihres dazu, Kommentare aus heutiger Perspektive finden sich nur auf der Tonspur. Interessant ist der Vergleich mit der auf DVD greifbaren eine Stunde längeren Fassung des Films: Hier ist das Heldenbild durch Talking-Head-Sequenzen mit diversen Experten, Ex-Formel-1-Moderatoren und vor allem einem nicht unsympathischen Alain Prost deutlich ins Analytischere runtergedimmt. Triumphe jedoch erlebt die rasantere Fassung, die nicht zum Denken einlädt, sondern zum Mitgerissenwerden, Blödrumfühlen, Heldenverehren und Klagen: Das Ende sei dem Betrachter ein innerer Staatstrauertag. (In Brasilien waren es einst und ganz offiziell sogar drei.) Beim Festival in Sundance gewann der Film den Publikumspreis. In der IMDB ist bei einer Gesamtbewertung von 8.9 die Pole Position durchaus noch in Sicht.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Senna
Großbritannien 2010 - Regie: Asif Kapadia - Darsteller: (Mitwirkende) Alain Prost, Frank Williams, Ron Dennis, Viviane Senna, Milton da Silva, Neide Senna, Jackie Stewart, Sid Watkins, Galvão Bueno, Reginaldo Leme - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 104 min. - Start: 12.5.2011 

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