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Sen Kimsin?

 

 

Melodramen im Kopf

In Ozan Açiktans Komödie "Sen Kimsin?" verbeißt sich ein Detektiv in seine eigenen Hirngespinste und ist am Ende trotzdem erfolgreich.

Tekin (Tolga Çevik) ist ein Privatdetektiv der unglücklicheren Sorte: Gleich zu Beginn gerät er, auf der Jagd nach einem untreuen Ehemann, einem aufwändigen Polizeieinsatz in die Quere. Als er bald darauf mit seinem noch derangierteren Bruder und Partner Ismail in seinem zugemüllten Büro (inklusive handbetriebenem Ventilator) sitzt, klopft Suzan, eine, wie könnte es anders sein, geheimnisvolle Blondine, an die Tür. Sie muss nur kurz erwähnen, dass ihre Tochter seit ein paar Tagen verschwunden sei, schon glauben Tekin und Ismail zu wissen, was passiert ist: Gangster haben die Tochter, Pelin, entführt, sie anschließend an einen Nachtclub verkauft, wo sie sich prostituieren muss und wo ihr zu allem Überfluss vielleicht auch noch diverse Organe entnommen werden. Auf diese Hypothese kommen die beiden Detektive nicht aufgrund ihrer Kombinationsgabe, sondern aufgrund ihrer Kenntnis der Filmgeschichte. Denn die Geschichte vom gefallenen Mädchen in den Fängen der Unterwelt hat das türkische Kino wieder und wieder erzählt, in unzähligen Variationen.

Die sechziger und siebziger Jahre, in denen derartige Melodramen wie am Fließband produziert wurden, waren das goldene Zeitalter der türkischen Filmindustrie, die damals, nach der italienischen die zweitproduktivste Europas war. In den Achtzigern und Neunzigern brach der Markt dann fast komplett zusammen - etwas später als in den westeuropäischen Ländern, aber dafür umso gründlicher. In den letzten zehn Jahren jedoch gelang dem türkischen Kino ein erstaunliches Comeback: Die einheimischen Produktionen haben sich, mit neuen Stars und neuen Genres, ihr Publikum zurückerobert, sowohl 2010 und 2011 waren die fünf erfolgreichsten Filme des jeweiligen Jahres türkische Produktionen.

Der neue Kinoboom hat auch Ärgernisse hervorgebracht, insbesondere die inzwischen offen antisemitische "Tal der Wölfe"-Serie, getragen aber wird er von spielerischen, liebevoll gemachten Komödien. Die besten dieser Comedy-Blockbuster drehen der Regisseur Hakan Algül und sein Star Ata Demirer. Kaum irgendwo auf der Welt werden derzeit Filme gemacht, die so zärtlich mit ihren Figuren umgehen, wie "Eyyvah Eyvah", der Nachfolger "Eyyvah Eyvah 2" oder "Berlin Kaplani" (der neueste Film des Teams, der noch immer in mindestens einem Berliner Kino zu sehen ist) es tun.

Deren Qualität hat "Sen Kimsin?" nicht, dazu sind sowohl seine Geschichte, als auch seine Bilder zu eng gestrickt, dazu weiß der Film immer etwas zu schnell Bescheid darüber, was die Aufgabe und die Wesensart seines Personals ist. Eine schöne, dynamische, elegant gefilmte Komödie ist dem jungen Regisseur Ozan Açiktan aber dennoch gelungen: "Sen Kimsin?" ist ein Film voller Missverständnisse, Verfolgungsjagden und falscher Bärte, in dem dennoch gelegentlich Raum bleibt für schöne Nebenfiguren wie einen Teeverkäufer, der vergeblich versucht, im Detektivbüro Schulden einzutreiben.

Mit der hard-boiled-Parodie des Beginns hält sich der Film glücklicherweise nicht allzu lange auf, es geht dann eher um Tekin selbst. Der Hauptdarsteller Tolga Çevik ist ein Körperkomiker, kein Tollpatsch im engeren Sinne, eher ein verhinderter Meister der Selbstinszenierung, der sich in immer neue Posen zu werfen versucht und dabei nicht an Unvermögen, sondern an übersteigertem Ehrgeiz, an einer inneren Ungeduld scheitert. Wenn er sich wie eine Cartoonfigur unter einem tief hängenden Balken hindurch biegt, zeigt Çevik außerdem, dass in ihm ein großer Slapstickschauspieler steckt, einer, der auch im Stummfilmkino gut aufgehoben gewesen wäre - ein Potential, das der Film ansonsten leider etwas verschenkt.

Es geht auch um das Träumen von einem anderen Leben. Andauernd stellen sich die Figuren in dem Film gegenseitig die titelgebende Frage "Sen kimsin?", "Wer bist Du?". Ein wirkliches Interesse am Gegenüber aber hat kaum jemand, es geht lediglich um die Suche nach Bestätigung der eigenen Projektionen. Und niemand stürzt sich so enthusiastisch in die eigenen Hirngespinste wie Tekin, der sich von so etwas Banalem wie der Wirklichkeit grundsätzlich nicht aus der Bahn werfen lässt, den schon eine Sonnenbrille in die funky Siebziger zurückbefördern kann. Die Melodramen im Kopf sind längst auch im türkischen Kino überzeugender als die in der Aktualiät; dass der arme Tekin am Ende tatsächlich die reiche Pelin bekommen könnte, das glaubt außer ihm selbst niemand mehr. Die - ohnehin eher dilletantisch und halbherzig durchgeführte - Verschwörung, hinter der selbstverständlich kein organmafiöser Zuhälter steckt, sondern (das ist wirklich kein nennenswerter Spoiler) die Auftraggeberin Suzan selbst, scheitert dann auch nicht an der Deduktionskraft des Detektivs, sondern an der unberechenbaren Sturheit, mit der sich der Detektiv in seine eigenen Fantasien verbeißt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Sen Kimsin?
Türkei 2012 - Regie: Ozan Açiktan - Darsteller: Tolga Çevik, Köksal Engür, Pelin Körmükçü, Zeynep Özder, Toprak Sergen, Zeynep Özder, Çetin Altay, Orçun Cevher, Hikmet Günay - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 105 min. - Start: 8.3.2012

  

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