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Sebastiane

1976. Derek Jarmans Aplomb in der Filmgeschichte. Damals gab es allerlei Entrüstung. Heute ist „Sebastiane“ ein Meisterwerk des Films – und der Bildenden Kunst. Ein Monumentalgemälde in filmischer Bewegung, jede Einstellung ein Pinselstrich. Jarman war vor seinem ersten Film production designer bei Ken Russel gewesen. Die lange frech-schwülstige Anfangssequenz wirkt wie eine Hommage an Russells schön-dekadente Frauen. Wir sind in Rom am Hof des Kaisers Diokletian, gefeiert wird der 25. Dezember, die Geburt der Sonne, die zum Gott wird. Eine Orgie. Der Fokus liegt auf Frauen in wild-farbigen Kostümen. Sie, die Farben, schreien nach einem Kontrast, und dieser lässt nicht auf sich warten. Den Film hindurch eine sardische Steinwüste. Neun Soldaten verloren auf einem Außenposten, aufeinander angewiesen, nackt oder doch in einem etwas, das man heute als Striptanga bezeichnen würde. Raue Kerle, auch Rüpel, allein unter Steinen, schwankend zwischen Lust und Abneigung, Liebesküssen und Kräftemessen, Spiel und Mobbing. Opfer ist Sebastian, jung, schön und im Alter unserer Kriegsdienstverweigerer. Er widersetzt sich den Befehlen von Kommandant Severus, seinerseits schön und blond behaart. Sebastian bleibt bei seinem Glauben, der zwischen Sonnengott und Christengott oszilliert. Seine Kameraden binden ihn ans Kreuz, durchbohren ihn mit Pfeilen und schlagen ihn tot. So hatte es der Kaiser im fernen Rom befohlen.

 

Der gemarterte Hl. Sebastian ist seit dem 15. Jahrhundert eine Ikone der Bildenden Kunst. Mantegna, Botticelli, Schöngauer, Dürer, Riemenschneider. Sodoma malte ihn im Lendenschurz, durchbohrt, verzückt zur Sonne blickend, im Helldunkel (Florenz, Palazzo Pitti). Jarman gibt ihm im brutalen Licht der Sonne Sardiniens körperliche Präsenz. Im Alltag der Außenpostensoldaten, realistisch dokumentiert, authentisch. Die Kameraden langweilen sich. Sie sprechen ein Soldatenlatein, sparsam, den Zuschauern des Films zu Untertiteln verhelfend. Sie kauen Kaugummi und spielen Frisbee.

 

Momentmal. Hat jemand eine Frage? Aus der Zeit springen, - das werden wir in einem späteren Film wieder erleben. In Jarmans „Caravaggio“ wird Zur Zeit des Barocks wie selbstverständlich eine Schreibmaschine bedient und auf Motorrädern gefahren. Die Zeitvorwegnahmen holen die Filme in die Gegenwart und ziehen die Zuschauer in die fern vergangenen Szenen rein. Das gibt den Kontakt. Frisbee hab ich auch gespielt.

 

Körperlichen Kontakt gibt es also real im Film „Sebastiane“ und virtuell mit dem Film. Was zur Frage führt, ob das was für Schwule ist. Ja, sicher ist es das. Aber nicht nur. Jarman hat es hingekriegt, die neun nackten Soldaten, die miteinander umgehen, völlig natürlich und alltäglich erscheinen zu lassen und schon wieder kultig. Körperkult könnte es sein. Ist es aber nicht. Es fehlt das Pathos. Klar war das 1976, als der Film erschien, ein Skandal. Jarman (1942-94) wurde seinerseits mit dem Film zur Ikone der Homosexuellenemanzipation. Und zum größten englischen Filmemacher der Bildenden Filmkunst. Bilder und Töne erheben sich gegen die literarische und narrative Tradition und finden „eine Sprache, die eher Poesie als Prosa ist, und glücklich mit dem, was sie zu sagen hat“ (Jarman): den schwulen Subtext der antiken Mythologie. Die wahre Geschichte ist die eigene. Um sich in Szene zu setzen und Szene zu sein, braucht man keinen anderen. Das wussten schon die Punks von 1976. Jarman war einer von ihnen. Seit „Sebastiane“ machte er seine Filme zusammen mit Freunden, seiner Familie, zu der auch wenig später auchTilda Swinton gehörte. In „Sebastiane“ wird als Co-Regisseur Paul Humfress genannt. Er sollte einspringen, wenn Jarman bei diesem, seinem ersten großen Film ausfallen sollte. Humfress kam nicht zum Einsatz. Aber er blieb präsent zusammen mit Jarmans Familie, mit dem Team, das seinerseits Außenposten in Steinwüste und sengender Sonne war.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Sebastiane

Großbritannien 1976

Regie: Derek Jarman, Paul Humfress - Darsteller: Leonardo Treviglio, Barney James, Neil Kennedy, Richard Warwick, Ken Hicks, Janusz Romanov, Steffano Massari - Fassung: lateinische OF mit dt. UT – Dt. Wiederaufführung: 16.10.2008

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