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Scultura - Hand.Werk.Kunst.

 



Schnauze nach vorn

In Francesco Clericis Dokumentarfilm "Scultura - Kunst. Hand. Werk." kann man einem postheroischen Bronzehund bei der Entstehung zusehen.

Es entsteht im Laufe des Films vor unseren Augen kein hochgereckter Männerkörper in Heldenpose, auch kein idealisierter, vielleicht sogar göttlicher Frauenkörper, sondern die Gestalt eines Hundes, der entspannt auf dem Boden liegt, in der brennenden Mittagshitze vielleicht, die Schnauze nach vorn geschoben, die Beine seitlich neben dem Rumpf ruhend. Die Technik, die diesen freundlich erschlafften Hundekörper hervorbringt, ist dieselbe, die seit mehreren Jahrtausenden andere, zumeist vermutlich deutlich heroischere und transzendentalere Gestalten hervorgebracht hat: Der Hund wird in einer Mailänder Werkstatt hergestellt, die sich auf das sogenannte Wachsausschmelzverfahren, eine Technik der Bronzeverarbeitung spezialisiert hat.

In der Fonderia Artistica Battaglia, in der der Film "Scultura - Hand. Werk. Kunst" komplett gedreht ist, entstehen seit 1913 Bronzeskulputuren nach dieser aufwändigen, nur arbeitsteilig zu bewältigenden Methode - die ihrerseits freilich noch deutlich älter ist und sich seit dem 6. Jahrhundert vor Christus kaum verändert hat. Lediglich einige wenige mechanisierte und motorisierte Hilfsmittel sind dazu gekommen - bei einem Stromausfall wären sie problemlos zu ersetzen. Gelegentlich montiert der Regisseur Francesco Clerici historische Aufnahmen in seinen Film, die in derselben Werkstatt in den 1960ern entstanden sind und die zeigen, wie damals mit fast identischen Mitteln an einer anderen Skulptur gearbeitet wurde.

Wenn es nach der klassischen europäischen Kunsttheorie geht, beginnt der Film erst, wenn sich das Entscheidende schon vollzogen hat. Die Form, die das fertige Werk annehmen soll, ist bereits vorhanden, der geistige Schöpfungsakt des Künstlersubjekts vollbracht: Da kauert er schon in der dritten Filmminute, der Hund, auf einem Blechtisch in der Werkstatt. Noch ist er knallrot eingefärbt und besteht aus einer nicht allzu langlebigen, wächsernen Substanz, aber er ist doch schon jetzt zweifellos eine Materie gewordene Idee. "Scultura" zitiert dagegen am Ende den Bildhauer Giacomo Manzu: "Sculpture is not a concept. Sculpture is the hand gesture." Noch genauer, mit dem italienischen Originaltitel "Il gesto delle mani" gesprochen: Kunst ist nicht das Produkt eines autonom wirkenden, kreativen Subjekts, sondern das Werk vieler unterschiedlicher Hände.

Als systematisches Argument überzeugt mich das nur halb: Auch Clericis Film kann sich am Ende, wenn im "fertigen" Hund eben doch die Gestalt seines wächsernen Provisoriums wieder durchscheint, vom tief im abendländischen Kulturschaffen verankerten Primat des Konzepts (und also der Form) über die Ausführung (und also die Materie) nur bedingt freimachen. Insbesondere wird das in jenem einen Moment deutlich, in dem aus einer amorphen Lehmmasse die Hundegestalt wieder herausgeklopft wird: Als Zuschauer kann man in dem Moment gar nicht anders, als die wiederauferstandene Form mit ihrem Original - und damit mit einer Idee - zu vergleichen.

Allerdings ändert das nichts daran, dass "Scultura" den Blick in beeindruckender Weise auf einen anderen, auf den kollaborativen, materialistischen Aspekt der Kunstproduktion lenkt. Auf die Arbeitsschritte und vor allem Handgriffe, die notwendig sind, um den lächerlich und ein wenig untot anmutenden Wachshund in den matt glänzenden, auf verschmitzte Art erhabenen Bronzehund umzuformen. Von den kurzen Abschweifungen ins letzte Jahrhundert abgesehen filmt Clerici strikt eines nach dem anderen. Erst, wie auf der Wachsfigur ein Gestell angebracht wird, dann, wie sie mit einer weiteren Substanz übergossen wird, die bald zu verhärten beginnt; anschließend, wie sie ausgebrannt und wie die dabei entstehende Hohlform mit der flüssigen Bronze gefüllt wird. Oder wenigstens so ungefähr. Tatsächlich gibt es dazwischen noch jede Menge weiterer Arbeitsschritte, die ebenfalls aufgezeichnet werden. Und gerade die Details sind wichtig: Besonders genau schaut der Film hin, wenn es darum geht, die Verstrebungen des Gestells, das auf dem Hund errichtet wird, zu verschmelzen. (Überhaupt scheint es beim Wachsausschmelzverfahren vor allem um die Dienstbarmachung des Feuers zu gehen).

Es gibt in dem Film, der sich darin seinem Gegenstand (also dem Wachsausschmelzverfahren sowie seiner Durchführung; aber in gewisser Weise auch der schmucklos schönen Hundeskulptur) gleich macht, keinen Schnörkel zuviel. Oder fast keinen: Einmal sieht man, wie einer der Männer im Bildhintergrund eine Schaufel mit Effet in die Ecke schleudert. Ein andermal meint eine Frau zu einem Kollegen in scherzhaft genervtem Tonfall, sie würde ihn umbringen, wenn er eine Flüssigkeit, mit der er gerade hantiert, über ihrem Schreibtisch verschütten sollte. Es sind nicht ganz, aber fast die einzigen Sätze, die im Film gesprochen werden (und sie ist die einzige Frau, die in ihm auftaucht).

Ansonsten gibt es keine Werkstattimpressionen, keine ethnografischen Miniaturen, keine tote Zeit. Nur die konzentrierte Arbeit an der postheroischen Kunst. Und diese Arbeit ist nicht nur im besten Sinne routiniert (die Handgriffe sind tradiert und eingeübt, aber nicht zu Automatismen verkommen), sondern auch bis ins Kleinste funktional; wie zum Beispiel in jener Szene, in der einer der Arbeiter sich mithilfe eines Stabs ein Seil angelt, das sich oben auf dem Regal, außerhalb der Reichweite seiner Arme befindet. Clericis gewissermaßen konstruktivistische Montage - tatsächlich ist der Film verhältnismäßig schnell geschnitten, weil der Regisseur für jede einzelne Geste nach der idealen, ihr zugehörigen Kameraposition sucht - verdichtet den Arbeitsprozess, indem sie ihn vom Ergebnis her denkt. Das wäre ein weiterer Einspruch, den ich gegen Manzu (nicht aber gegen diesen wunderbaren Film) anmelden würde: Die Gesten, die "Scultura" einfängt, stehen nicht für sich selbst, sondern im Dienst des entstehenden Hundes.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

 

 

 

Scultura Hand. Werk. Kunst.
(Il Gesto Delle Mani) - Alternativer Titel: Hand Gestures - Italien 2014 - 80 Min. - Kinostart(D): 22.10.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Francesco Clerici - Drehbuch: Francesco Clerici, Martina De Santis - Produktion: Francesco Clerici, Velasco Vitali - Kamera: Francesco Clerici - Schnitt: Francesco Clerici - Musik: Claudio Gotti - Mitwirkende: Caled Saad, Velasco Vitali, Luigi Contino, Simion Marius Costel, Mario Conti, Nicolae Ciortan, Elia Alunni Tullini, Lino de Ponti, Tommaso Rossi, Ilaria Cuccagna - Verleih: drei-freunde

 

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