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Screaming Masterpiece

Die Musik-Doku "Screaming Masterpiece" entführt nach Island, ins Land von Björk und des hochmusikalischen Hoch-Goden Hilmar Örn Hilmarsson, und alles, was sie zeigt, ist interessant.

 

Wichtiger, als alles richtig, ist es in eher mittelinteressanten Genres vielleicht, erst einmal nichts falsch zu machen. Dies, kann man wohl sagen, gelingt Ari Alexander Ergis Magnusson bereits 2005 entstandene Dokumentation der isländischen Musikszene, die in unseren Kinos den Titel "Screaming Masterpiece" und im Original den Namen "Gargandi Snilld" trägt. Was nicht fehlen darf, fehlt entsprechend auch nicht: Björk, die in ihrem Wohnzimmer (sieht jedenfalls so aus) Rede und Antwort steht und in Konzertszenen aus New York ebenso zu sehen ist wie, wirklich interessant, in einem Auftritt mit ihrer Band Tappi Tikarrass von 1981 (da ist sie fünfzehn oder sechzehn - andererseits: ihre erste Platte hat sie mit elf veröffentlicht). Dieser Auftritt wiederum ist ein Auszug aus dem bis anhin bekanntesten Dokumentarfilm über die isländische Musik, dem 1981 entstandenen und von Islands berühmtestem Filmemacher Fridrik Thor Fridriksson gedrehten "Rokk I Reykjavik".

 

Auch nicht fehlen dürfen, versteht sich, die Postrock-Sphäriker Sigur Ros, die Elektro-Experimentalisten Mum oder das Produzenten-Komponisten-Label-Master Mind Johann Johannsson. Der Punk der späten Siebziger, frühen Achtziger wird in Dokumentarmaterial eindrucksvoll eingespielt. Dass es daneben auch einen Rapper gibt, der alle Bewegungen und Gesten westlicher und/oder östlicher Küsten beherrscht, wird deutlich. Der Film mischt Auftritte im Konzert mit Gesprächen vor der Dokumentarkamera. Manche der Musiker philosophieren über den musikalisch exterritorialen Niemandsland-Status Islands, der nicht nur ödes Epigonentum, sondern auch die wildesten Mischungen möglich macht. Aber auch Rückbindungen an Musik-Traditionen der Insel werden gesucht und in der erstaunlichen Figur Hilmar Örn Hilmarssons auch gefunden, der nicht nur sehr erfolgreich Filmmusik macht (Europäischer Filmpreis für Fridrikssons Film "Children of Nature") und mehrfach mit den legendären anglo-amerikanischen Industrial-Rockern von Psychic TV gearbeitet hat, sondern außerdem noch der Hoch-Gode, soll heißen: der oberste Vertreter der als offizielle Glaubensgemeinschaft anerkannten heidnischen Religion Islands ist, die Odin, Thor und Freia verehrt.

 

Wie alle guten Dokumentarfilme macht "Screaming Masterpiece" klar, dass sein Gegenstand - und sei es: noch einmal - viel interessanter ist als man vorher gedacht hätte. Die exzentrische Lage Islands bringt viel Exzentrisches hervor und erobert damit bei Gelegenheit auch mal die Welt. Jeder, auch das wird hier deutlich, kennt jeden und die Grenzen zwischen den Bands sind, wie in vielen überschaubaren Szenen, eher fließend. Aufgrund beträchtlichen Personalmangels haben viele Bewohner Islands mehrere, auf den ersten Blick nicht sehr nahe beieinanderliegende Berufe und/oder Funktionen. Da ist der berühmte Filmmusiker und Hoch-Gode Hilmarsson keine Ausnahme. Island ist ein Labor, das zeigt "Screaming Masterpiece", in dem reichlich mad scientists zugange sind, und was hier brodelnd aus den Studios und aus dem Untergrund kommt, ist des Hinhörens wert.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 12.11.2008 in www.perlentaucher.de

 

 

Screaming Masterpiece

Island / Dänemark / Niederlande 2005 - Originaltitel: Gargandi Snilld - Regie: Ari Alexander Ergis Magnússon - Darsteller: Björk, Sigur Rós, Damon Albarn, Dagur Kári, Hilmar Örn Hilmarsson, Steindór Andersen - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 87 min. - Start: 13.11.2008

 

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