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Scream 4

 

 

Schrift an der vierten Wand

Wes Craven testet mit einem weiteren Sequel die Dehnbarkeit der gemeingefährlich selbstreflexiven Horrorfilm-Serie "Scream".

Es fällt einem heute eher schwer, nachzuvollziehen, warum "Scream" einmal, es ist allerdings doch schon wieder ein gutes Jahrzehnt her, ein richtig großes Ding war - nicht nur an den Kinokassen, sondern auch zum Beispiel in den deutschen Feuilletons. Kreischende Jungschauspielerinnen, augenzwinkernd-nerdige Smartness, ein sympathisch tumber Polizist und der Killer Ghostface, dessen herausragende Eigenschaft in seiner Eigenschaftslosigkeit beziehungsweise in seiner völligen Kontingenz besteht, der also nichts mehr von dem biografischen beziehungsweise psychopathologischen Ballast benötigt, den seine Vorgänger mit sich herumschleppten (und dessen Edvard-Munch-Maske dann konsequenterweise von Anfang an vor allem nach einem Merchandise-Artikel aussieht, der bereits innerhalb des Films beworben wird).

Unterm Strich waren das dann drei durchaus unterhaltsame, allerdings stets berechenbare, weil allzu deutlich am Reißbrett entworfene, untereinander außerdem problemlos austauschbare Filme, die selbst in der Filmografie ihres Regisseurs Wes Craven neben Genreklassikern wie "A Nightmare on Elm Street" oder "The Hills Have Eyes" inzwischen eher alt aussehen. Der vierte Teil der "Scream"-Saga, wieder inszeniert von Craven und wieder geschrieben von Kevin Williamson, stellt ein weiteres Mal Sidney Prescott (Neve Campbell, die sich ihre post-"Scream"-Karriere auch anders vorgestellt haben dürfte) in den Mittelpunkt. Sidney hat ihre Rolle als ewiges Ghostface-Opfer inzwischen zu einem Bestseller verarbeitet und kehrt für Promotionzwecke in ihre Heimatstadt Woodsboro zurück. Der maskierte Killer, der sich natürlich schnell wieder an ihre Fersen heftet, scheint es außerdem auf ihre Nichte Jill abgesehen zu haben.

"Scream 4" ist exakt so, wie man ihn sich vorgestellt hat - oder vielleicht eher: wie man ihn sich vorgestellt hätte, wäre er zehn Jahre früher gedreht worden. Also: alles genau wie in den ersten drei Episoden, nur mehr von allem; Entwicklung, Veränderung, Differenz sind dem postmodernen Zitatkino zutiefst fremd. Es fließt mehr Blut (aber glücklicherweise unternimmt Craven nicht den Versuch, mit den Folterknechten der "Saw"-Konkurrenz mitzuhalten), es kreischen mehr scream queens [eine davon sogar (nur kurz am Leben allerdings): Kristen Bell aka "Veronica Mars"], vor allem gibt es mehr Selbstreflexivität. Wie in den Vorgängern werden die "Regeln" des eigenen Genres innerhalb des Films reflektiert und strategisch gebrochen, gefühlte fünfzig Horrorfilmtitel tauchen in den oft doch etwas angestrengt-geekigen Dialogen auf, die Filmreihe-im-Film "Stab" hat das Mutterfranchise längst überholt und ist inzwischen bei Seriennummer Sieben angelangt; neuerdings hat außerdem jede Filmfigur eine eigene Kamera, der Killer wird bei seinen Taten gefilmt und filmt zurück. Die vierte Wand kollabiert fast im Minutentakt.

Das Problem ist allerdings, dass der Film immer sehr genau zu wissen meint, was für eine Art von Zuschauer sich vor dieser befindet. Öffnen tut sich da nichts, statt dessen entstehen geschlossene Kreisläufe. Dass das mehr denn je bild- und mediengesättigte Verweissystem nicht nur ein leeres, blutiges Zentrum, sondern auch ein Außen jenseits des hermetischen Horrorfilmuniversums haben könnte, gerät mehr noch als in den Vorgängern aus dem Blick, auch wenn immer noch gelegentlich zwischen den oneliners das nicht uninteressante Panorama einer amerikanischen Provinzstadt durchscheint. Die Postmoderne frisst ihre Kinder. Spätestens nach diesem vierten Teil dürfte, dafür spricht auch das wenig berauschende Einspielergebnis in den USA, die "Scream"-Reihe bis auf die Knochen abgenagt sein.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Scream 4
USA 2011 - Regie: Wes Craven - Darsteller: Neve Campbell, David Arquette, Courteney Cox, Emma Roberts, Hayden Panettiere, Rory Culkin, Nico Tortorella, Marielle Jaffe, Marley Shelton, Mary McDonnell - FSK: ab 16 - Länge: 104 min. - Start: 5.5.2011

 

 

 

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