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Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

Wow, wow und wow!

 

Übrigens, Jason Schwartzman, dessen sanfte Melancholie in „Darjeeling Unlimited“ in Erinnerung blieb, dessen lässige Stimme „Der fantastische Mr. Fox“ bereicherte, hat eine Band mit dem originellen Namen Coconut Records. Wobei, Band ist vielleicht übertrieben, denn Coconut Records ist ein echtes Soloprojekt. Zwei Alben und eine Handvoll weitere Songs haben Coconut Records bislang eingespielt, darunter ein paar echte Perlen wie „West Coast“. Warum ich das erzähle? Weil Jason Schwartzman in „Scott Pilgrim gegen die Welt“ gewissermaßen den Gipfel der Opulenz darstellt: als Gideon Graves aka G-Man fungiert er als Zielgrade, als Level 7 eines Karneval der Liebe. Und dass die Produzenten von „Scott Pilgrim“ hierfür Jason Schwartzman besetzen, zeugt von einer Kennerschaft in Sachen Pop, die den gesamten Film auszeichnet und weit über die Masse des üblichen Entertainment erhebt.

 

Tatsächlich ist dieser Film, basierend auf der originellen Comic-Vorlage von Bryan Lee O‘Malley, der Pop-Film des Jahres! Es ist der Film, der Christopher Nolans Angeber-Film „Inception“ tatsächlich schon jetzt ziemlich alt aussehen lässt. „Scott Pilgrim“ weiß einen Kult-Comic über Pop-Musik, Computerspiele, Nerd-Kultur und große Liebe derart in Laufbilder zu übersetzen, dass man für fast zwei Stunden hingerissen glaubt, das Kino habe wenn schon keine Zukunft so doch zumindest eine Gegenwart im emphatischen Sinne, nämlich als Kunstform, die unterschiedlichste Medien-Realitäten souverän zu synthetisieren versteht. Suchte man verzweifelt ein Haar in der Suppe, wäre dies allein die Tatsache, dass Ramona Flowers vielleicht ein, zwei teuflische Ex-Lover zu viel hat. Doch dazu später! Filmemacher Edgar Wright, dem wir dies Feuerwerk an Ideen zu verdanken haben, fiel bislang durch Genre-Parodien wie „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“ auf. Hier allerdings wird nicht länger parodiert, sondern auf Augenhöhe schwungvoll und ideenreich mit der Comic-Vorlage gearbeitet - und zwar durchaus auch im bewussten Rückgriff auf die Pop-Heroen Frank Tashlin und Richard Lester.

 

Worum geht es? Scott Pilgrim, gespielt von Michael Cera („Superbad“, „Juno“) ist ein Slacker mit Anorak und hübscher Slacker-Frisur. Er hat keinen Job, ist Bassist der wenig erfolgreichen Indie-Band mit dem schön daher gestotterten Namen Sex Bob-omb, hat mit Knives Chau recht uncool eine viel zu junge Freundin, die aber sowohl Sex Bob-omb als auch deren Bassisten für das Coolste der Welt hält. Scott hat aktuell nicht einmal eine eigene Wohnung, geschweige denn ein eigenes Bett, weshalb er im Wortsinne unter die Decke seines besten schwulen Freundes Wallace Wells schlüpfen muss. Der ist nicht nur ein Ironiker vor dem Herrn, sondern zudem ein Genie darin, Scotts Schwester Stacy über dessen Leben in Echtzeit zu informieren. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Sex Bob-omb nehmen an einem Band-Wettbewerb teil, dessen Sieger eine Begegnung mit dem Superproduzenten G-Man winkt. Gleichzeitig träumt Scott von einem Mädchen mit eigenwilliger Frisur und lernt auf einer Party Ramona Flowers (zum Verlieben: Mary Elisabeth Wiinstead) kennen, die das Mädchen seiner Träume ist. Wenn Scott Ramona »haben« will, muss es der Schlaks mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern aufnehmen. In der Herzensnot verwandelt sich der Nerd in einen Martial Arts-Actionhelden. Jeder Ex-Lover ist ein neues Spiel, ein neues Level auf dem Weg zu Ramonas Herz. Tatsächlich handelt es sich bei „Scott Pilgrim“ um eine romantische Komödie, allerdings konsequent erzählt aus der Perspektive eines Helden, der mit Comics, Pop-Musik, Fernsehen und Computerspielen sozialisiert wurde und erzählt für Zuschauer, die dies mit dem Helden teilen. Am Set, so steht zu lesen, kursierte das Wort von „Hughes Fu“, um den Stilwillen des Films auf den Punkt zu bringen: Man kombiniere die Coming of Age-Klassiker eines John Hughes („Ferris macht blau“) mit den Kampfszenen aus „Kung-Fu“. Das trifft es aber nur partiell, weil die Figuren, abgesehen von Knives Chau, älter sind als das übliche Hughes-Personal. Vielleicht sollte man hier an Joachim Triers „Auf Anfang: Reprise“ erinnern? Symbolisches wird hier wortwörtlich visualisiert. Gleitet Ramona durch die Straßen, schmilzt der Schnee unter ihrem Board. Herzen fliegen durch die Luft. Computerspiel-Historie von Pacman bis Super Mario gibt es gratis dazu -  aufpassen! Das fängt schon extrem früh im Film an!

 

Die Idee, dass man sich als Frischverliebter mit ihren Erinnerungen an ihre Ex-Lover messen lassen muss, ist gar nicht so verquer. Und die Erzählhaltung, so Edgar Wright, soll dem Auftrumpfen und Übertreiben der Altersgruppe entsprechen. Leuchtet ein. So verwandeln sich Action-Sequenzen unvermittelt in Musical-Szenen mit eingeblendeten Lachern wie bei einer Sitcom. Geräusche schwirren als Worte durch das Filmbild, das gerne in mehrere Split-Screens aufgeteilt wird. Das Tempo stimmt, die Dialoge sind vorzüglich gearbeitet - und die Filmmusik trumpft sehr geschmackvoll und insiderhaft mit einem Mix von Dan the Automator über Broken Social Scene und The Flying Burrito Brothers bis hin zu T. Rex („Whatever happened to the Teenage Dream“) und Holy Fuck auf. So haben wir es hier mit dem schönsten und frischesten Pop-Liebesfilm seit „Vergiss mein nicht“ von Michel Gondry zu tun. Und der ist immerhin auch schon wieder sechs Jahre alt.

 

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

OT: Scott Pilgrim vs. the World

USA 2010 - 112 min.

Regie: Edgar Wright - Drehbuch: Michael Bacall - Produktion: Marc E. Platt, Scott Stuber, Edgar Wright, Nira Park, Eric Gitter - Kamera: Bill Pope - Schnitt: Jonathan Amos, Paul Machliss - Musik: Nigel Godrich - Verleih: Universal Pictures - Altersfreigabe: ab 12 Jahre - Besetzung: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Kieran Culkin, Chris Evans, Brandon Routh, Brie Larson, Mae Whitman

Kinostart (D): 21.10.2010

 

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