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Schwerkraft 

 

 

 

Anfangs denkt man, dies sei die Sorte männlicher Nachwuchsfilm, der schon im Vorspann seinen jungen Helden in die emotionale Einsiedelei verabschiedet, nur um umso brachialer dessen Versuche der Kontaktaufnahme in Szene setzen zu können. Reichten dem 18-jährigen Schulversager in „Falscher Bekenner“ (fd 37 612) noch anonyme Briefe aus, um seiner Langeweile zu entkommen, müssen in „Der Räuber“ (fd 39 764) schon veritable Banküberfälle her, um die chronisch poröse Verbindung zur Außenwelt eines 40-jährigen Marathon-Läufers aufrecht zu erhalten. Der von Fabian Hinrichs fulminant gespielte Banker Frederick ist ein weiteres Exemplar aus dem Labor bedrohter Männer-Existenzen, die sich am Ende ihres mehr oder weniger spektakulären Amoklaufs gerne lächelnd die Handschellen anlegen lassen. Als ein Kunde wegen falscher Beratung bankrott geht und sich vor Fredericks Augen in dem Besprechungsraum erschießt, ist das nur der vorläufige Höhepunkt eines auf Eigenvorteil und Gefühlsstau bauenden Arrangements mit einer Unternehmenskultur, die längst den menschlichen Faktor unter Kollateralschaden verbucht.

 

Anstatt, wie von seinem Vorgesetzten empfohlen, zur Tagesordnung überzugehen und mit dem Verkauf fauler Kredite fortzufahren, steigt der Geläuterte nicht etwa aus, sondern schaltet einen Gang höher. Für die nötige Inspiration sorgt ein krimineller, auf Rache sinnender Ex-Freund in Gestalt von Jürgen Vogel, dem es trotz Knasterfahrung gelingt, seinem existenziell verunsicherten Gegenüber das wilde Leben als Hobby-Einbrecher schmackhaft zu machen. Bewaffnet mit spät erkannten Lebensweisheiten wie „Normalität ist etwas für Arschlöcher“ bricht der erste Anzeichen einer psychopathischen Hyperaktivität versprühende Frederick zunächst in die Wohnung seines Chefs ein. Einmal auf den Geschmack der Grenzüberschreitung gekommen, nimmt er Kunden seiner Bank ins Visier und übertrifft seinen Lehrmeister bald an Unberechenbarkeit. Der verkappte Melancholiker wollte ohnehin eigentlich aussteigen und sich genau in dem grauen Dasein versuchen, das Frederick hinter sich lassen möchte. Wenn da nicht die Vergangenheit gnadenlos zurückschlagen würde.

 

Solche Konstellationen liebt das Genrekino: zwei ungleiche Männer gegen den Rest der Welt, von den verflossenen Frauen im neuen Licht bewundert, von Gesetzeshütern gejagt, vereint in tiefer Männerfreundschaft, die jede Entgleisung überdauert – und die gibt es reichlich, wenn sich die Regie an Vorbilden wie Tarantino oder den Coen-Brüdern orientiert. Maximilian Erlenwein hält in seinem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Debüt diese Kräfte gekonnt im Gleichgewicht. Auf die Romantik und das Freiheitsversprechen des Verbrechens lässt er die obligatorische Ernüchterung folgen und überzeugt durch frühreifes Handwerk, rabiate Komik und einen Sinn für die Vorzüge eines eigenständigen Soundtracks. Dass sein Porträt eines Anzugträgers auf unkonventioneller Selbstsuche jenseits des unterhaltsamen Schauwerts dennoch kaum berührt, liegt vielleicht an der Abgestandenheit seines Zeitgeistes und der Unwilligkeit, ohne Rückgriff auf Klischees an die Schmerzgrenze zu gehen. Dafür hätte sich seine Buddy-Geschichte aber über den Prolog hinaus an die gesellschaftlichen Problemzonen wagen müssen. Die Arbeit am Genre war Erlenwein wichtiger. Man verzeiht es ihm gern.

 

Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

 

Schwerkraft

Deutschland 2009 - Regie: Maximilian Erlenwein - Darsteller: Fabian Hinrichs, Jürgen Vogel, Nora von Waldstätten, Jule Böwe, Eleonore Weisgerber, Thorsten Merten, Jeroen Willems, Fahri Ogün Yardim, Maren Kroymann - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 25.3.2010

 

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