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Das Schmuckstück

Eine "Potiche" (so der Originaltitel) ist laut Wörterbuch eine »japanische oder chinesische Porzellanvase«, im französischen Alltagssprachgebrauch auch ein häusliches weibliches Dekorationsstück zu männlichem Distinktionsgewinn. Dieses spielt in Ozons Film seine Rolle erst mal perfekt, ganz egal, ob die leicht matronige Suzanne Pujol (Catherine Deneuve) in blaugepunkteter Schürze Schlager trällernd die Spülmaschine bewirtschaftet, Rosen andichtet oder dem Hausherrn die Kristallkaraffe für die Herztropfen reicht. Ja, selbst im knallroten Laufanzug ist die mit Catherine Deneuve fabelhaft besetzte Suzanne zu 150 Prozent Grande Dame. Alles in bester Ordnung, wäre da nicht Gatte Robert, der selbst für einen bourgeoisen Patriarchen fast ein bisschen zu patriarchal ist und seine cholerischen Anfälle im heimischen Chateau an der Ehefrau ablässt, und in der gleich nebenan angesiedelten Regenschirmfabrik an den Mitarbeitern. Sexuell lässt er sich während der Dienstzeit von der Sekretärin beglücken, feierabends im Badaboum-Club vollprofessionell.

In Schwung gebracht wird die Komödie mit einer gewerkschaftlich-körperlichen Parallelaktion: Erst bricht im Werk ein Streik aus, ein Herzinfarkt kommt hinzu – und plötzlich ist der böse Patron im Krankenhaus und Suzanne rückt mit Hermelinstola und Schmuck behängt (»die Arbeiter haben die Werte ja erarbeitet, da sollen sie auch etwas davon haben«, sagt sie) zur Betriebsversammlung an. Und siehe da: Trotz ihres grässlichen Auftritts ist die neue Chefin nicht nur höchst kompromissbereit, sie führt das einst von ihrem Vater gegründete Familienunternehmen auch innerhalb weniger Monate zu paradiesisch sozialpartnerschaftlicher Blüte – an ihrer Seite ein erzneoliberales Töchterlein und ein Sohn, der seine künstlerische Neigung mit der Kreation von Kandinsky-Schirmen ausagieren darf. Erwähnt werden muss noch, dass Madame in ihrer Jugend ein radpannenbedingtes Techtelmechtel mit einem Pujol-Arbeiter hatte, der mittlerweile als schwergewichtiger kommunistischer Bürgermeister (Gérard Depardieu) auch politisch Einfluss hat. Selbstverständlich schickt der vergangene Vorfall seine amourösen Spuren auch ins filmische Jetzt.

Dieses liegt in der Vergangenheit, denn François Ozon hat seine freie Adaption eines 1980 entstandenen Bühnenstücks im Jahr 1977 angesiedelt, in einer Zeit, in der die Kommunisten noch eine Macht in Frankreich waren und Disco die Musik der Stunde, was im Film mit Songs von Baccara und den Bee Gees im Soundtrack und einer schönen Tanzszene des Traumpaars Depardieu/Deneuve gewürdigt wird.

Er habe die Retro-Ansiedlung gewählt, um Spitzen auf die heutige Politik spielerisch freier gestalten zu können, sagt Ozon selbst, nutzt die Situation aber vor allem, um – wie schon in "8 Frauen", seiner ersten Zusammenarbeit mit Deneuve – lustvoll im Dekor zu schwelgen: Alles sitzt perfekt, selbst die haarspraysatten Frisuren sind farblich exakt auf das herbstgestimmte Mobiliar der Pujol-Villa abgestimmt. Und das poppige Farbdesign der Regenschirmfabrik erinnert an Deneuves frühe Filme mit Jacques Demy, dessen "Die Regenschirme von Cherbourg" hier ja auch motivisch ein hübsches Denkmal gesetzt wird.

Die Schwächen des dennoch höchst ansehnlichen Films liegen in der Durchführung des Plots, der nach der hoffnungssetzenden Exposition mit groben Inkonsequenzen und Detailarmut in eigentlich komödienträchtigen Aspekten enttäuscht: So wird der innerbetrieblichen Zusammenarbeit des gegensätzlichen Mutter-Tochter-Gespanns keine einzige Filmsekunde gewidmet. Besonders erstaunt aber, dass Ozon selbst seinen Film als Beitrag zur Emanzipation der Frau sieht. Ohne zu viel von der Handlung preiszugeben: Suzanne hört am Ende doch genau da auf zu kämpfen, wo sie eigentlich anfangen müsste. Dass sie stattdessen ohne sichtbares Programm in einen privat motivierten Wahlkampf zieht, kann eigentlich nur als hämische Parodie weiblicher Politambitionen verstanden werden. Ozon hatte 1998 seine Filmkarriere als junger Wilder begonnen. Hier kämpft er als Don Quixote gegen das im 70er-Jahre-Look verkleidete Frauenbild der 50er.

Silvia Hallensleben

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Das Schmuckstück

POTICHE Frankreich 2010. R,B: François Ozon (nach dem Stück von Barillet und Grédy). P: Eric und Nicolas Altmayer. K: Yorick Le Saux. Sch: Laure Gardette. M: Philippe Rombi. A: Katja Wyszkop. Pg: Mandarin Films/FOZ/France2. V: Concorde. L: 104 Min. Da: Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Jérémie Renier, Sergi López.

 

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