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Das schlafende Mädchen

 

Nach 1968. In Düsseldorf, an der Kunstakademie. Draußen vor der Tür wird noch die „Rote Fahne“ für 50 Pfennig verkauft, drinnen lehrt Professor Joseph Beuys seine Studenten schon früh und absichtsvoll, dass man Kunst nicht lernen kann. Was also ist Kunst? Hegel sagt, Adorno ergänzt, Heidegger hält dagegen. Theoretische Konzepte kursieren. Spielerisch, aber nicht unverbindlich. Manchem wie Hans geht es ums Ganze, aber es gibt auch vitale „Freaks“ an der Kunstakademie, für die geht die Kunst eher ab „wie Luzi, turnt einen ein in den kosmischen Orgasmus“. Ist die Zeit der „großen Erzählungen“ Anfang der 1970er- Jahre nicht auch schon vorbei? Hans, der introvertierte und unsichere Beuys-Schüler, sucht nach einer „eigenen Stimme“ und setzt dabei auf die neue Video-Technologie, um die Differenz zwischen Kunst und Leben avantgardistisch aufzuheben. Wobei das Leben zunächst entschieden zu kurz kommt, denn während Hans im Stadtpark mit der Technik und den perfekten Einstellungsgrößen ringt und dabei eine durchaus komische Figur abgibt, spielt sich das „wahre“ Leben gewissermaßen hinter seinem Rücken ab, wo ein junges Mädchen vor zwei Polizisten flieht. Hans bemerkt das Mädchen erst, als es quer durch seine kunstvoll eingerichtete Cadrage läuft. Er ist irritiert von diesem Einbruch in seine Kunst, aber zugleich fasziniert von dem Mädchen, das, so wird später deutlich, als Streunerin im Stadtpark lebt und Ruth heißt. Ruth bringt buchstäblich Bewegung ins Bild, auch weil sie Positionen jenseits der Kunstakademie formuliert. Angesprochen auf die Allgegenwart seiner Video-Kamera, erklärt Hans: „Ich will verstehen, was um mich herum vorgeht!“ Worauf Ruth ganz naiv reagiert: „Aber du hast deine Augen! Bist du blind ohne deine Kamera?“ Längst wissen wir, dass Hans gerade aufgrund der Kamera blind ist.

Hans nimmt Ruth mit zu sich in sein Loft-Atelier und schwärmt als Künstler in warholscher Emphase von seinem neu entdeckten Medium: „Video ist instant!“ Hans versucht, eine tragfähige Kunstform für das neue Medium experimentell zu erkunden und neben der Selbsterkundung bzw. -inszenierung scheint ihm die Fremd-Beobachtung reizvoll, wobei er dank Heisenberg weiß: „Der Beobachter ist immer Teil der Beobachtung.“ Und verändert deshalb auch das Objekt der Beobachtung: Ruth. Die nämlich entwickelt sich vom „wilden Kind“, das ganz naiv die Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel bestaunt, zu einer „Art Groupie“, das im legendären Tanzlokal „Creamcheese“ in der Neubrückstraße tanzt und sich ein paar Mark als Akt-Modell hinzuverdient. Kunst-Theorie trifft auf die Reize der Bohème. Was jetzt beginnt, ist eine Variation des „Pygmalion“-Motivs: das Objekt/Modell will sich zum Subjekt vom Maler/Filmer emanzipieren, aus dem Rahmen fallen: „Mach’ die Kamera aus! Ich will tanzen!“, ruft Ruth einmal im Club. Doch dafür ist Hans, der weiß, dass „Kunst ist, wenn du Kunst bist“, nicht der richtige Ansprechpartner – er kann lediglich beobachten, wie Ruth mit seinem besten Freund Philipp tanzt. Ratlos angesichts und überfordert von der Situation stellt Hans schließlich eine extreme Laborsituation her: Er sperrt Ruth in seinem Loft-Atelier ein. Aber ist dieses Setting jetzt noch im Geringsten authentisch? Und kommt es darauf an? An einer Stelle sagt Hans: „Vielleicht ist der Künstler der einzig natürliche Feind der Kunst.“ Es wird böse enden, und nicht grundlos erinnerten die überbelichteten Videoaufnahmen des Stadtparks zu Beginn an den trügerischen Kamerablick in Antonionis „Blow up“ (fd 14 724).

Mit „Das schlafende Mädchen“ kehrt der Filmemacher, Künstler und Autor Rainer Kirberg, der Anfang der 1980er-Jahre mit „Die letzte Rache“ (fd 24 370) reüssierte, einem der wenigen New-Wave-Artcore-Filme im Umfeld der Band „Der Plan“, auf die Kinoleinwand zurück. Sein neuer Film bezieht seinen Reiz daraus, dass er ein anachronistisches Pastiche konsequent und sehr bewusst als offenes Ausstattungsdelirium gestaltet. In Hans’ Loft-Atelier hängt beispielsweise ein Plakat von Scorseses „Who’s that knocking at my door?“ (fd 27 533), den Hans in New York gesehen haben will. Sein Film soll Anfang der 1970er-Jahre spielen und bastelt auch mit viel Liebe zum Detail am Zeitkolorit. Aber durch den konsequenten Einsatz der Video-Technik mit ihren Unschärfen und Bildverlusten wird jeder Anflug von verbindlicher Pop-Nostalgie gleich wieder gebrochen, so wie auch die Musik der „Sleeping Man“ eben nur an die Musik der frühen 1970er-Jahre „erinnert“, sie aber nicht etwa nachstellt oder inventarisiert.

So wird ein gewisser No-Budget-Appeal des Films als verfremdende Distanzierungsstrategie eingesetzt. Gleichzeitig aber wird zeitgenössisches, von Hans-Peter Böffgen im Umfeld der Düsseldorfer Kunstakademie gedrehtes Beuys-Material auf eine Weise in die Fiktion integriert, die dem Film eine hinterlistige Tendenz zur „Fake-Documentary“ einschreibt, die dem Kunst-Projekt von Hans ja gleichfalls innewohnt. Gerade weil die Düsseldorfer Szene der frühen 1970er-Jahre mit Beuys und seinen Schülern Palermo oder Dahn und Bands wie „NEU!“ oder „Kraftwerk“ eine popkulturelle Scharnierfunktion zwischen Post-68er-Depression und Früh-80er-Aufbruch mit Punk und „wilder Malerei“ darstellt, Nachgeschichte und Vorgeschichte gleichzeitig ist, entfaltet die unscharfe, augenzwinkernde, aber nicht ironische Textur der Bilder und Atmosphären von „Das schlafende Mädchen“ einen unerhörten Reiz. Nicht nur, aber auch für Pop-Archäologen.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 2/2013

 

Das schlafende Mädchen
Deutschland 2011 - 105 min.
Regie: Rainer Kirberg - Drehbuch: Rainer Kirberg - Produktion: Caroline Kirberg, Rainer Kirberg, Jonas Knudsen, Tøni Schifer - Kamera: Birgit Möller - Schnitt: Ansgar Wacker - Verleih: Arsenal - Institut für Film und Videokunst - Besetzung: Jakob Diehl, Natalie Krane, Christoph Bach, Andreas Frakowiak, Erwin Leder, Mario Mentrup, Aljoscha Weskott
Kinostart (D): 17.01.2013

 

 

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