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Die Schimmelreiter

Lars Jessen schickt in "Die Schimmelreiter" zwei Lebensmittelkontrolleure übers flache Hamburger Umland

 

Mit Storm haben "Die Schimmelreiter" nix zu tun, wenngleich einer der beiden - in dem Fall sagen wir doch: - Protagonisten Literaturwissenschaft studiert hat. Es handelt sich bei diesem Titel vielmehr um den mittelschweren Fall eines Wortspiels. Die Helden des Films, ein Mann namens Fuchs (Peter Jordan) und ein Mann namens Tilmann (Axel Prahl, der auch fließend italienisch und englisch parliert), sind Lebensmittelkontrolleure. So ungefähr wie dieser Witz ist dann auch der Film, der keinesfalls vom Studium der Filmgeschichte zeugt, immerhin von genauer Kenntnis eines Werks namens "Indien" und wohl auch des Frühwerks von Detlev Buck.

 

Der eine der beiden Protagonisten ist eine Nervensäge, der andere auch. Sie gehen einander auf die Nerven und dem Zuschauer auch. Im Buick, den Fuchs gleich anfangs erwirbt, fahren sie übers flache Land zwischen Hamburg und Dithmarschen. Dabei kommen sie sich an finsteren Theken und über stinkenden Fritteusen nahe und näher und werden glatt sowas wie Freunde. Der eine ist einer zum Fremdschämen, macht aus seinem Herzen eine Häschengrube und wenn ihm dann Wurstkopp auf die Stirn geschrieben steht, ist das noch freundlich. Ich fürchte fast, wir sollen ihn mögen. Der andere trägt ein falsches Bild einer italienischen Freundin mit sich herum, trinkt und trinkt und schluckt auch Tabletten, zitiert Goethe und immer wieder tut Alkoholikermund zynische Wahrheiten kund. Aber: Schale, Kern etc.

 

Filmemacher Lars Jessen arbeitete mit ganz kleinem Team und hatte kein Geld, das ist keine Schande. Nur: Gute Ideen kosten ja nichts. Tolle Dialoge gibt es, wenn man sie schreiben kann, ganz umsonst. Die Vermeidung der nächstliegenden Klischees ist nicht teuer. In jeder dieser nicht unbedeutenden Hinsichten atmet "Die Schimmelreiter" sehr flach. Ein ganzer Landstrich benimmt sich in diesem Film, die beiden Lebensmittelkontrolleure inklusive, wie von alkoholfreiem Bier ganz besoffen. Ein schrecklicher horror vacui kommt dazu: Über jedes Bild werden Dialoge oder wird, wenn mal keiner spricht, Soundtrackmusik geschmiert. Am Ende macht die Wirklichkeit, von der das Werk zu handeln vorgibt, nicht mehr den leisesten Mucks.

 

Eins nimmt für den Film nicht ein, verhindert aber, dass man ihn allzu übel aufnimmt: seine Unbedarftheit. Die Kamera taumelt durch die Landschaften und Räume wie nicht ganz gescheit, steht mal hier und wackelt mal da und weiß nie warum. Was so vor den Augen zerfällt, bringt der Schnitt mit dem Feingefühl einer Schrottpresse wieder zusammen. Wenn das Ganze einen Charme entwickelt, dann den des Legasthenischen: Nichts daran stimmt, aber darin, wie es nicht stimmt, ist es immerhin eigen.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de  

 

Die Schimmelreiter

Axel Prahl, Peter JordanDeutschland 2008 - Regie: Lars Jessen - Darsteller: Peter Jordan, Axel Prahl, Katharina Wackernagel, Bjarne Mädel, Jan Peter Heyne, Marc Zwinz, Rudy Ruggiero, Vivien Uhlig, Alexander Scala, Siir Eloglu, Uwe Rohde - FSK: ab 6 - Länge: 92 min. - Start: 21.5.2009

 

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