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Der Schaum der Tage

 

Vorsicht, eine Überdosis Fantasie! Seit vielen Jahren kokettierte Michel Gondry mit dem Plan, Boris Vians „Der Schaum der Tage“ ein weiteres Mal zu verfilmen. Der surreale Liebesroman gilt nicht nur unter Vian-Fans als unverfilmbar, zumal unter jenen, die sich noch an Charles Belmonts ambitioniert gescheiterten Versuch von 1968 erinnern. Auch hierzulande wird „Der Schaum der Tage“ wohl alle zehn Jahre aufs Neue zum „Kultroman“ ausgerufen. Mit wechselndem Erfolg, was sich in den repertoirehaften Wiedervorlagen spiegelt. Jenseits des Rhein sieht die Sache etwas anders aus: In Interviews mit dem Regisseur und seinen Hauptdarstellern (Romain Duris, Audrey Tautou, Gad Elmaleh) im Umfeld der Neuverfilmung wird deutlich, dass Vians Roman von 1947 bei der Generation der 40- bis 50-Jährigen als Teil des kulturellen Kanons behandelt wird, den man gelesen hat und verehrt. Und natürlich kennen und verehren alle Schauspieler auch die Filme von Michel Gondry und stehen augenblicklich bereit, wenn sich die Gelegenheit zur Zusammenarbeit bietet. Das ist selbstredend ein PR-Kalkül, doch andererseits resultiert daraus auch das Bild einer gesteigerten Distanzlosigkeit zum Stoff und seiner Verfilmung, aus der das Resultat der gemeinsamen Arbeit schwer beschädigt hervorgeht. Die Fähigkeit zur Selbstkritik wäre hier angebrachter gewesen; statt dessen obsiegt nun ein geradezu spleeniger Hang zum Originellen.

Das überrascht allerdings nur bedingt: Tatsächlich scheinen ja die surrealen, vom Jazz getriebenen Forciertheiten, die poetischen Einfälle und Bilder und die nicht nur die Übersetzer herausfordernden Wortspiele Vians den mal überschwänglichen, mal tieftraurigen und zumeist nur sehr verspielten Roman geradezu für eine Adaption durch Gondry zu disponieren, dem nach (schwachen) Filmen wie „The Science of Sleep“ (fd 37 809) oder „Abgedreht“ (fd 38 638) eine ähnliche Neigung zum auf Dauer doch erschöpfenden Manierismus nachgesagt werden muss. Der Glücksfall „Vergiss mein nicht!“ (fd 36491), bei dem Gondrys ausufernde Fantasie durch Charlie Kaufmans fantastisches Drehbuch fokussiert und diszipliniert wurde, liegt ja bereits eine ganze Weile zurück.

Man sollte also gewappnet sein: Gondry und sein Co-Autor Luc Bossi haben sich entschieden, die Romanvorlage „wörtlich“ zu nehmen und all die lustigen Einfällen und Bilder Vians ihrerseits betont kreativ in Filmbilder zu übersetzen: „Herzzerreißend, detailverliebt und voller Poesie“, warnt das Presseheft zutreffend. Da fehlt eigentlich nur noch das übliche „wunderbar“! Tatsächlich wimmelt es im Film nur so vor lustigen Gadgets, seltsamen Erfindungen, Dingen mit Stop-Motion-Eigenleben, gemorphten Tänzern, wolkigen Raumkapseln und allerlei „poetischen“ Filmtricks. Augsburger Puppenkiste goes Retrofuturismus, aber so galore, dass der Effekt ein visuelles „L’art pour l’art“-Kalauergewitter ist.
Dummerweise bleibt dabei die romantisch absurde Liebesgeschichte komplett auf der Strecke.

Der Bohèmian und Erfinder Colin sehnt sich nach der großen Liebe und trifft auf einer Party die liebreizende Chloé, deren Anmut dadurch noch gesteigert wird, dass es ein gleichnamige Komposition von Duke Ellington gibt, so dass Jazzfan Colin sie sogleich fragen kann, ob sie von Ellington arrangiert worden sei. Très charmant! Schon während der Hochzeitsreise erkrankt Chloé an einer Seerose, die in ihrer Lunge wächst. Um die Therapie zu finanzieren, muss Colin sich auf den Ernst des Lebens einer absurden Arbeitswelt einlassen. Vorbei die Zeit, als man noch ausgelassen Jazz hören und auf neue Bücher und Fetische des großen Philosophen Jean-Sol Partre (!) warten konnte.

Nein, man hätte diese gleichermaßen leidenschaftliche wie beklemmende Geschichte nicht als von sich selbst besoffene Ausstattungs-Extravaganza im Früh-Sixties bis Mid-Seventies-Look erzählen müssen. Man tut auch dem Roman mit dieser nerdigen Verfilmung keinen Gefallen, stehen doch die Anspielungen auf den Existentialismus und die Hingerissenheit vom Duke-Ellington-Jazz längst quer zum aktuellen Zeitgeist und dürften bestenfalls noch jazzaffine Literaturhistoriker beeindrucken, aber bestimmt nicht das Comeback eines Ex-Kultromans bei einer jungen Generation von Lesern befördern. Selbst die an sich schöne Liebesgeschichte wird vom selbstgefällig aufgetürmten visuellen Kehricht beschädigt und wirkt so nur noch bemüht, streberhaft, uninteressant und sehr, sehr unsexy.

P.S. Diese Kritik bezieht sich auf die internationale Fassung des Films, die in die deutschen Kinos kommt. Die französische Originalfassung wurde dabei um 31 Minuten gekürzt. Unter Umständen ist diese längere Fassung irgendwann greifbar und könnte Anlass zu einer neuen Einschätzung des Films sein.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 20/2013

 

 

Der Schaum der Tage

(ll'écume des jours) - Frankreich 2013 - 125 Minuten - Start(D): 03.10.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Michel Gondry - Drehbuch: Luc Bossi - Produktion: Luc Bossi - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: Marie-Charlotte Moreau - Musik: Étienne Charry - Darsteller: Audrey Tautou, Omar Sy, Romain Duris, Gad Elmaleh

 

 

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