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Der Schatz

 

 

Dezenter Drift ins Zwangsgestörte

In Corneliu Porumboius kluger Komödie "Der Schatz" fällt eine Bewegung in der Gegenwart mit einer historischen Exploration in eins.

Costi (Toma Cuzin) ist ein loyaler Angestellter: Am Tag, nachdem er sein Büro für ein paar Stunden unbefugt verlassen hat, meldet er sein Vergehen beim Chef. Als er freilich - ungefragt - den Grund für die Abwesenheit nennt, glaubt ihm der Vorgesetzte nicht: Du behauptest, ein Geschäft für Metalldetektoren aufgesucht zu haben, weil Du hoffst, gemeinsam mit deinem Nachbarn einen seit vielen Jahrzehnten vergrabenen Schatz zu heben? Unsinn, sag doch gleich, dass Du mit der jungen Frau am Nachbarschreibtisch schläfst, verstehe ich ja, wir sind beide Männer. Diese Frau am Nachbarschreibtisch will Costi, auch als Kollege loyal und anders als sein Chef kein Alltagssexist, allerdings nicht mit in die Sache hineinziehen. Glücklicherweise fällt ihm postwendend ein Ausweg aus dem argumentativen Dilemma ein: Ja, er habe eine Affäre, aber nicht mit der Kollegin, sondern mit einer Frau, die Metalldetektoren verkauft.

Solche - schreiend komischen und dabei stets deadpan vorgetragenen - Dialoge sind eine Spezialität von Corneliu Porumboiu, dem staubtrockenen Minimalisten unter den Regiestars des nach wie vor hochgradig produktiven rumänischen Autorenkinos. Es wird in seinen Filmen oft reichlich verschrobenes Zeug daher geredet - aber stets mit System. Auch verschrobenes Zeug hat eine innere Logik, und seine Figuren sind Meister darin, ihre eigenen Gedankengebäude fein säuberlich bis in den letzten Winkel auszuleuchten, ganz unabhängig von einem möglichen praktischen Nutzen einer solchen Unternehmung. Alles ganz genau wissen zu wollen ist manchmal auch nur eine Form von Dummheit. Und Dummheit ist seit jeher eine zentrale Triebkraft guter Komödien. Die leicht windschiefe Anmutung von Porumboius oft ausnehmend schlaksigen Figuren, die sich selten komplett wohl in ihrer Haut zu fühlen scheinen, ist eine weitere.

Der in physischer wie in psychischer Hinsicht eher subkutan als offensichtlich angeknacksten Disposition seiner Figuren, insbesondere ihrem dezenten Drift ins Zwangsgestörte, entspricht Porumboius dezidiert unaufgeregte und gleichzeitig hochkontrollierte Filmsprache, die Vorlieben für (im Fall von "Der Schatz" cinemascopebreite) Totalen und für aufgeräumte, übersichtliche Dekors hat - Costis spartanisch eingerichtete Wohnung könnte fast, falls es so etwas gäbe, einem realsozialistischen Möbelhausprospekt entsprungen sein. Zu sich selbst kommt dieses Kino in geduldigen Rekonstruktionen prozessualen Handelns, entlang derer der Regisseur eine Poetik der expressiven Redundanz entwickelt: Seine Filme zeigen, gerade aufgrund ihrer nüchternen Aufmachung, dass Prozesse im sozialen Raum, wenn man sie in ihrer Eigendynamik ernst nimmt, nicht auf funktionale Bestimmungen, beziehungsweise Kosten-Nutzen-Rechnungen reduzierbar sind, sondern bei jeder Gelegenheit von Planungsparadoxien und psychologischen Fehlleistungen heimgesucht werden.

Für knapp die Hälfte der Laufzeit entfaltet sich sein hochgradig ökonomische 89 Minuten langer neuester Streich in einer einzigen Szene, die zeigt, wie drei Männer in einem verwilderten Garten mithilfe diverser Gerätschaften den erwähnten Schatz suchen. Und sich dabei alsbald gegenseitig auf die Nerven gehen - nicht etwa, weil es Streit um die potentielle Beute geben würde, sondern weil der Teufel im methodischen Detail steckt. Als heimliche Stars der hochgradig unterhaltsamen Unternehmung erweisen sich die beiden (ihrerseits miteinander konkurrierenden) Metalldetektoren, an deren unbestechlichen Maschinenlogik die Menschen zu verzweifeln drohen: Das durchdringende Piepsen, das ein Metallvorkommen anzeigt, wenn ein gebogenes Aluminiumgerät über das richtige Fleckchen Erde bewegt wird, mag beim ersten Ertönen freudiges Entzücken auslösen; es kann sich aber nur zu schnell in ein Folterinstrument verwandeln.

Porumboius Filme haben auf der erzählerischen Makroebene oft etwas von intellektuellen Spielen, deren Einsatz die politische Geschichte des Heimatlandes des Regisseurs ist (und die ohne den oben beschriebenen, glücklicherweise reichlich vorhandenen Sinn fürs Komödiantische leicht in bloßen Schematismus umkippen könnten). In diesem Fall ermöglicht es das Motiv der Schatzsuche, eine Bewegung in der Gegenwart mit einer historischen Exploration in eins fallen zu lassen. So stellen sich die Goldgräber unter anderem die Frage, ob die vermuteten Reichtümer aus der Zeit der Rumänischen Revolution von 1848, oder doch eher aus der des Russisch-Türkischen Kriegs von 1877/78 stammen. Die Auflösung entspricht der hintersinnigen Ironie, die Porumboius Werk auf allen Ebenen prägt. Die Tiefe der Ausgrabung steht gerade nicht in einem Verhältnis zur Tiefe der historischen Zeit. In einem Land, in dem, laut einer anderen Dialogzeile, nur zwei Prozent der Bewohner ab und zu ein Buch in die Hand nehmen, hat sich inzwischen sogar die kapitalistische Euphorie der 1990er Jahre in ein legitimes Objekt archäologischer Nachforschung verwandelt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

   

Der Schatz
(Comoara) - Rumänien, Frankreich 2015 - 89 Min. - Kinostart(D): 06.10.2016 - Regie: Corneliu Porumboiu - Drehbuch: Corneliu Porumboiu - Produktion: Marcela Ursu - Kamera: Tudor Mircea - Schnitt: Roxana Szel - Darsteller: Radu Banzaru, Toma Cuzin, Florin Kevorkian, Dan Chiriac, Iulia Ciochina, Corneliu Cozmei, Cristina Toma, Ana Maria Stegaru, Clemence Valleteau, Laurentiu Lazar, Marius Coanda, Nicodim Toma, Ciprian Mistreanu, Adrian Purcarescu - Verleih: Grandfilm

 

 

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