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Die Schadenfreundinnen

 

 

Nick Cassavetes hat sein geschlechtervertauschtes buddy movie "The Other Woman" gründlich gegen die Wand gefahren.

Mit Mark King muss man nun wirklich kein Mitleid haben, auch nicht als Geschlechtsgenosse: Als größtes anzunehmendes Beziehungsarschloch lügt und betrügt er sich durchs Leben, steigt erst mit Carly Whitten (Cameron Diaz) ins Bett, bringt in der nächsten Szene ohne mit der Wimper zu zucken eine Morgenroutine mit der unvorteilhaft zerzausten Ehefrau Kate (Leslie Mann) hinter sich; später schnappt er sich noch Amber (Kate Upton), ein, wie Carly bemerkt, wandelndes Klischee mit enormer Oberweite. Pfauenartig stolziert er durch den Film, beruflich macht er passenderweise irgendwas mit Investmentbanking (in Filmen wie diesen machen die bad guys stets irgendwas mit Investmentbanking; die good guys dagegen irgendwas mit Innenarchitektur).

Durchaus Mitleid haben darf man dagegen, als fellow human being, mit Nikolaj Coster-Waldau, der diese Schießbudenfigur, der es nicht einmal vergönnt ist, sich in ihrer Niedertracht zu suhlen, spielen muss. "Figur" ist eigentlich schon zuviel. Eher ist dieser Mark King eine Planstelle, exakt auf den Effekt und die finale, weibliche Rachefantasie hin konzipiert (und in diesem Finale beginnt Coster-Waldau dann allerdings gar fürchterlich zu chargieren). Man könnte natürlich meinen, dass es eine gewisse Konsequenz hat, wenn in diesem geschlechtervertauschten buddy movie für einmal der Mann in einer Weise instrumentalisiert wird, wie Frauen in Jungsfilmen regelmäßig instrumentalisiert werden. Besser macht das den fürchterlich tumben und vor allem ungelenken "The Other Woman" leider nicht.

Denn erst einmal stimmt in dem Film gar nichts. Das Drehbuch geht im Zweifel stets den Weg des geringsten Widerstands: Selbstverständlich lassen beide Mistresses sofort die Finger von Mark, sobald sie von seinem Ehestand erfahren. Und damit auch wirklich niemand Diaz für eine und sei es auch nur unwissentliche Homewreckerin hält, wird außerdem betont, dass die Ehe von Mark und Kate kinderlos geblieben ist. Die Regie - inszeniert hat den Film immerhin der Sohn des großen John Cassavetes - gibt sich alle Mühe, das Ding erst recht gegen die Wand zu fahren. Das beginnt schon bei den credits zu Beginn: Verzärtelte New-York-Bilder, ätherische Frauen über der Stadt, dann auch noch in Zeitlupe. Immerhin gibt es dazu noch gute Musik (Etta James). Die Musikauswahl bringt ansonsten die Einfallslosigkeit des Projekts am besten auf den Punkt: Einmal wird eine Verfolgungsjagd mit dem Mission-Impossible-Theme unterlegt und selbst für "New York, New York" ist sich Nick Cassavetes nicht zu schade. Auch ansonsten kein Gespür für Tonlagen und timing - "The Other Woman" dürfte der unmusikalischste Film sein, den ich seit langem gesehen habe.

Wenn "The Other Woman" einen trotzdem irgendwie bei der Stange hält, dann als Schauspielerinnenkino. Im Gegensatz zu Coster-Waldau dürfen sich die weiblichen Mitglieder des cast immerhin ein paar Freiräume erkämpfen gegen das eher durch Auslassungen doofe als wirklich übergriffige Drehbuch (das "female bonding", auf das der Film hinaus will, braucht man trotzdem nicht ernst zu nehmen: das läuft auf nicht viel mehr heraus als auf Postkartenkitsch am Sandstrand). Lediglich Kate Upton bleibt als sinnliches Dummchen konsequent one note, vermutlich ist sie lediglich mit von der Partie als eine Wunscherfüllungsfantasie nicht für Mark, sondern für die männliche Kinobegleitung. Eine größere Rolle verdient gehabt hätte statt dessen Popsternchen Nicki Minaj. Die spielt, mit schwarzem Pony über dem Plastikgesichtchen, Kates Sekretärin. In ihren drei, vier Szenen wirkt sie bitchier und cleverer als alle drei Hauptfiguren zusammen - mit Coster-Waldau wäre sie jedenfalls alleine und mit links fertig geworden. Und als einziger Figur wird ihr wenigstens ein Hauch von Reflexionsvermögen zugemutet: "Selfish people live longer". Cameron Diaz wiederum bekommt nicht allzu viel Interessantes zu tun, ist aber trotzdem wie immer eine Wucht. Mit ihrer stets ein wenig prollig anmutenden, durch allen Hollywood-Glamour nicht ganz gebändigten, kommodifizierten Lebendigkeit hat sie schon viele schlechte Filme gerettet; und diesen - besonders schlechten - muss sie nicht einmal alleine retten.

Tatsächlich leistet den größeren Teil der Arbeit die neben ihren robusten Co-Stars zerbrechlich wirkende Leslie Mann, die den einzigen echten Grund darstellt, diesen Film vielleicht doch nicht links liegen zu lassen. Mann ist schon länger, vor allem dank ihrer Rollen in den Filmen ihres Mannes Judd Apatow, festgelegt auf leicht verbiesterte, oder vielleicht eher sich penetrant unverbiestert gebende Ehefrauen, auf Figuren, die sich mit ihrer sozialen Rolle als ewig lächelnder, ihr eigenes Leben wie das der Ihren mit watteweicher Härte kontrollierender Powermutter oder wenigstens -ehefrau überidentifizieren. In "The Other Woman" explodiert das Selbstgefängnis, das sie zum Beispiel in dem - ansonsten in jeder Hinsicht um Längen stärkeren - "Immer Ärger mit 40" so ausführlich, und durchaus glaubwürdig, performiert hatte, auf eindrucksvolle Weise. Genüsslich zelebriert der Film, oft in Großaufnahmen ihrer erstaunlich plastischen Mimik, der die Gesichtszüge immer noch ein wenig weiter entgleisen, einen Hausfrauennervenzusammenbruch nach dem anderen, und gönnt ihr sogar einige Szenen exzessiver Körperkomik (ansonsten beschränkt sich der Humor leider auf Körperflüssigkeitswitze, die Adam Sandler nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde). Einmal rennt sie betrunken mit voller Wucht aus der Haustür gegen ein Taxi; als Cameron Diaz sie anschließend in dieses verfrachten will, sträubt sie sich so lange, bis sie tatsächlich zwischen dem Auto und Diaz quer in der Luft hängt (vielleicht sträubt sie sich auch gegen den Film, in den sie eingesperrt ist ...). In solchen Szenen hat man tatsächlich den Eindruck, der Geburtsstunde einer großen Slapstick-Komikerin beizuwohnen. Die hoffentlich bald würdigere Gelegenheiten erhalten wird, ihr Talent unter Beweis zu stellen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

Die Schadenfreundinnen
(The Other Woman) - USA 2014 - 109 Minuten - Kinostart(D): 01.05.2014 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Nick Cassavetes - Drehbuch: Melissa Stack - Produktion: Julie Yorn - Kamera: Robert Fraisse - Schnitt: Jim Flynn, Alan Heim - Musik: Aaron Zigman - Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Cameron Diaz, Leslie Mann, Kate Upton, Nicki Minaj, Don Johnson, Taylor Kinney, Deborah Twiss, Alyshia Ochse, Meki Saldana, Stefano Villabona, Brooke Stacy Mills, Raushanah Simmons, Kaitlyn M. Burgoon, Jian

Verleih: © 20th Century Fox

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