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Saving Mr. Banks

 

 

Das P.T.-Travers-Biopic "Saving Mr. Banks" von John Lee Hancock mit Emma Thompson als "Mary Poppins"-Autorin ist eine faszinierende Selbstbeschreibung der Traumfabriken Hollywoods.

Es beginnt, schon da ganz klassisch, mit zwei parallel geschalteten Reisen. Zum Einen wird die Schriftstellerin P.T. Travers (Emma Thompson, der man die verhärmte Professionalität zu Beginn weitaus eher abkauft als den finalen emotionalen payoff), Autorin der weltweit bestsellenden "Mary Poppins"-Romane, von ihrem Londoner Wohnsitz weg nach Los Angeles gelockt, wo sich Walt Disney schon seit Jahrzehnten um die Filmrechte für ihre Schöpfung bemüht. Zum Anderen unternimmt dieselbe Frau fast sechzig Jahre früher, im Jahr 1906, eine Reise ins australische Outback. Sieben Jahre ist sie da erst alt (und wird in diesen von Sonnenfluten und Graswogen dominierten Rückblenden von Annie Rose Buckley gespielt, deren stille Präsenz durchaus eine Wohltat ist in diesem manchmal etwas aufdringlich ausverbalisierten Film), ihre Familie zieht hinaus in die Einsamkeit; dort, in Allora, Queensland, verfällt der Vater (Colin Farrell mit adrett ungebändigten Stirnlocken) mehr und mehr dem Alkohol, aber die Tochter entfremdet sich nicht von ihm, sondern von ihrer hilflosen, überforderten Mutter.

Nicht mehr allzu oft gelangen Filme in die Kinos, die so unbedingt von ihrer Erzählung her gedacht sind wie "Saving Mr. Banks" es ist; genauer gesagt ist der Film von seinen Erzählbögen her gedacht, von den beiden großen Bögen hauptsächlich, die natürlich nur zu Beginn voneinander streng sich abheben, die dann immer enger miteinander verknüpft werden, bis die ältere, australische Vergangenheit irgendwann zu einem integralen Teil der jüngeren, amerikanischen Vergangenheit geworden ist: als deren Interpretant, als ein jederzeit problemlos zur Verfügung stehendes Bilder-, Erfahrungs- und Innerlichkeitsreservoir, das die sorgfältig gestreuten Irritationen dieses gerade in Details fein gewebten Films nach und nach auflöst; denn "Saving Mr. Banks" ist auch in dem Sinne ein hypernarrativer Film, als dass er die Alltagswelt nicht als neutralen Background, als Kulisse nimmt, sondern (auf fast aggressive Weise) in die Erzählmaschinerie hineinholt: Birnen, Sonnenschein, die Farbe Rot, Taxifahrer, aus allem sprechen Traumata, Erinnerungen, Verstrickungen.

Und schließlich stellt der Film neben seine beiden in der Realgeschichte verankerte Zeitebenen zwei fiktionale Weltschöpfungen: Travers' Romane um die nanny from heaven, sowie deren berühmteste Adaption, die im Jahr 1964 in den Disney-Studios entstand und gegen deren musikalisch-humoristische Schlagseite (hier, zur Erinnerung, die berühmte Pinguinszene) sich die Autorin erst zur Wehr zu setzen versucht hatte. Die Parallelisierungen bleiben meist implizit, nicht jedoch im Titel: Der zu rettende Mr. Banks ist zunächst eine Roman- und Filmfigur; er wird dann überblendet mit Travers' australischem Alkoholiker-und-Träumer-Vater - und schließlich sogar noch mit Walt Disneys Vater Elias.

"Mr. Banks" ist dabei kein postmoderner Film; er stellt die diversen biografischen und popkulturellen Fragmente, die er verhandelt, nicht als Oberflächeneffekte nebeneinander, sondern er ordnet und hierarchisiert sie. Und zwar hierarchisiert er sie, wenig überraschend, aus der Perspektive des Konzerns: Der Disney-"Mary Poppins"-Film überschreibt erfolgreich die literarische Vorlage, und erst in ihm wird auch das biografische Trauma der Autorin (die, das ist eine weitere Ebene, die Australierin in sich zugunsten eines überkultivierten europäischen alter ego verdrängt). Der Konzernchef schließlich wird zu jener Vaterfigur, die Travers' leiblicher Vater nie sein konnte: Auch Walt Disney ist ein Träumer, allerdings einer, der seine Träume zu einem kulturindustriellen Imperium verfestigen konnte (toll die symmetrisch gebauten Einstellungen, die den wundervoll stoischen Hanks vor regelrechten Arsenalen von Plastik-Merchandise zeigen; schwer zu entscheiden, ob man da einen grenzpsychotischen Melancholiker vor sich hat, oder einen Feldherrn) - und der sich trotzdem noch von einem einzigen, gelungenen Musikstück gefangen nehmen lassen kann.

Und eine Theorie des eigenen Erfolges liefert der Film gleich auch noch mit. Die Welten zumindest der klassischen Disney-Ära haben, legt "Saving Mr. Banks" nahe, und ganz falsch ist das wahrscheinlich nicht, wenig gemeinsam mit jenen fiktionalen Großprojekten, die in den letzten zwei Jahrzehnten die Kino-Leinwände in Beschlag genommen haben, wenig mit den synthetischen Epen Tolkiens oder mit den synthetischen Märchen J.K. Rowlings, noch weniger mit dem "Marvel-Universum"oder auch mit der demnächst wieder aktivierten "Star Wars"-Saga. Wo diese narrativen Mammutprojekte zur Selbstabschließung tendieren, zur nur noch internen Ausdifferenzierung in immer neue sequels, spinoffs und reboots, war die Welt des klassischen Disney-Kinos architektonisch simpel gebaut - aber dafür maximal durchlässig auf biografische Erfahrungsdimensionen. Der neue Marvel-Film hat seine primäre Referenz im Marvel-Universum, die klassischen Disney-Cartoons hatten die ihren in den nur auf den ersten Blick schlichten Annahmen der Disney-Autoren und -Produzenten über die menschliche Psyche.

Andererseits: Marvel und "Star Wars" sind inzwischen ebenfalls von Disney aufgekauft worden. Überhaupt muss man darauf hinweisen, dass "Saving Mr. Banks" zwar eine faszinierende Selbstbeschreibung der Traumfabrik Hollywood darstellt (eine weitaus interessantere Selbstbeschreibung auch als zuletzt in "The Artist" und "Argo", beide im Gegensatz zu "Saving Mr. Banks" oscarprämiert); dass aber selbstverständlich auch in dieser Selbstbeschreibung die blinden Flecken nicht nur akzidentiell sind. Und zwar lügt John Lee Hancocks Film vor allem da, wo er einen Konzern, der in den 1960ern längst im Weltmaßstab operierte, als ein überschaubar dimensioniertes, familiär organisiertes Familienunternehmen darstellt - man kommt sich vor wie in einer provinzielleren Filliale der Sterling Cooper-Agentur aus "Mad Men". Das ist umso perfider, als "Saving Mr. Banks" schon qua eigener Existenz beweist, dass sich Disney auch bald fünf Dekaden nach dem Tod seines Gründers wunderbar auf das versteht, was von Anfang an das zentrale Geschäftsmodell war: auf repurposing content, also auf das Neu-, Um- und Weiterschreiben eigentlich längst sattsam bekannter Geschichten. Der finale Clou: Am Ende hat der Konzern nicht nur Travers' literarische Erfindung, sondern noch gleich ihre höchstpersönliche Biografie in Firmenkapital umgewandelt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

  

Saving Mr. Banks
USA, Großbritannien 2013 - 125 Minuten - Kinostart: 06.03.2014 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: John Lee Hancock - Drehbuch: Sue Smith, Kelly Marcel - Produktion: Ian Collie, Alison Owen, Philip Steuer - Kamera: John Schwartzman - Schnitt: Mark Livolsi - Musik: Thomas Newman - Darsteller: Tom Hanks, Colin Farrell, Emma Thompson, Paul Giamatti, Jason Schwartzman, Bradley Whitford, Rachel Griffiths, Ruth Wilson, B.J. Novak, Kathy Baker, Victoria Summer, Dendrie Taylor, Ronan Vibert, Demetrius Grosse, Kimberly D'Armond - Verleih: Walt Disney

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