zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Sascha


 

 

 

Coming Out in Köln-Eigelstein

 

„Jetzt bist du schon schwul, dann will ich auch was davon haben!“, antwortet die Chinesin Jiao, als Sascha ihr bei einem Spaziergang am Rheinufer gesteht, dass er sich in seinen Klavierlehrer Gebhard verliebt hat. Jiao und Sascha haben sich an der Musikschule kennengelernt, beide stehen kurz vor der Aufnahmeprüfung, um Musik studieren zu dürfen, auf ihren Schultern lasten die großen Hoffnungen ihrer Eltern. Und eigentlich ist Jiao ja auch in Sascha verliebt - und jetzt das! Jiao verliert nur kurz die Fassung, dann erkennt sie ihre Chance: „Ich war noch nie auf einer Schwulenparty!“ Die Abschiedsparty schmeißt der Klavierlehrer und Konzertpianist Gebhard, denn der will Köln verlassen und eine Professur in Wien antreten. Jetzt hat Sascha die Bescherung: noch vor dem Coming out wird dem 19jährigen das Herz gebrochen. Und Saschas Vater Vlado, ein Bär von einem Montenegriner, lebt zwar schon seit 20 Jahren in Köln, aber seine Präferenzen für Geschlechterrollen sind noch von altem Schrot und Korn. Tradition und Moderne.

Blickt man etwas genauer hin, ist „Sascha“ recht eigentlich ein Film über verlorene Träume, Pragmatismus und Hoffnungen, die auf Stellvertreter projiziert werden. War es bei Vlado einst eine Verletzung, die seine Karriere als Basketballer beendete, so spielt Mutter Stanka in ruhigen Minuten gerne mal Klavier: die Söhne Boki und Sascha werden zu Stellvertretern der einstigen Träume ihrer Eltern. Aber auch für Gebhard ist die Professur in Wien die ersehnte Chance, seinen Traum vom Leben als Konzertpianist zu realisieren. Fast mühelos integriert der Film auch noch die Mentalitäten der unterschiedlichen Volksgruppen Ex-Jugoslawiens und die Erinnerungen und Verwerfungen der Balkankriege in seine Familien-Geschichte.

Diese komplizierte, weil zumindest unausgesprochene Gemengelage mischt Saschas Konflikt nun auf: mit teils grotesken, teils durchaus schmerzhaften Konsequenzen. Am Ende wird kaum noch etwas so sein wie zu Beginn, aber die Figuren haben ihre Konturen auf den aktuellen Stand ihrer Biografie gebracht. Man kann dem Spielfilmdebüt von Dennis Todorovic vielleicht vorwerfen, dass der Film ein, zwei Konflikte zu viel etwas schematisch zu schultern versucht, aber dafür ist diese ausgesprochen charmante Komödie mit Migrationshintergrund und ernsten Zwischentönen erfrischend bissig und schwungvoll. Sie steht zudem in der Tradition des osteuropäischen Films, kann also auch ohne viele Worte komisch sein, nämlich mittels pointierter Bildmontagen und treibender Balkan-Beats. Den direkten Vergleich mit dem harm- und zahnlosen „Almanya“ und dessen von Kritikern nachgerühmter Warmherzigkeit braucht „Sascha“ bestimmt nicht zu scheuen. Im Gegenteil: hier hat man immerhin nicht das Gefühl, dass einem aus Gefallsucht im Kino die Hucke vollgelogen wird.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Sascha
OT: Saša
Deutschland 2009 - 101 min.
Regie: Dennis Todorovic - Drehbuch: Dennis Todorovi - Produktion: Ewa Borowski - Kamera: Andreas Köhler - Schnitt: Britta Strathmann - Musik: Peter Aufderhaar - Verleih: Edition Salzgeber - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Saša Kekez, Željka Preksavec, Pedja Bjelac, Jasin Mjumjunov, Ljubiša Lupo Grujcic, Yvonne Yung Hee, Tim Bergmann
Kinostart (D): 24.03.2011 

zur startseite

zum archiv

zu den essays