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San Andreas


 

Temporäre Inseln

Total anstößig: Brad Peytons "San Andreas", ein Katastrophenfilm im doppelten Sinn.

"We'll sink with California,
when it falls into the sea." -
Youth Brigade: Sink with California (1983)

Vielleicht hat es der Hollywoodblockbuster dem 11. September nie ganz verziehen, dass er in Sachen erschütternder ikonischer Wucht dem terroristischen Großanschlag aus dem Jahr 2001 bis heute nicht recht das Wasser reichen kann. Vielleicht auch deshalb häufen sich seit einigen Jahren die Bilder einstürzender Skylines in den entsprechenden Großproduktionen: Durch inflationären Gebrauch wird jedes ikonische Bild irgendwann abgenutzt - und der Blockbuster kann sich wieder freier entfalten. Vor allem aber bietet sich im redundanten, jedes Jahr dank technologischem Fortschritt immer noch ein bisschen beeindruckenderen Hochhaus-Einsturz die Möglichkeit, lustvoll jene Leerstellen auszukundschaften und spekulativ zu füllen, die 9/11 als reales Ereignis ohne Postproduktion und die Vorzüge einer agilen Kamera notwendig hinterlassen hat: Wie hat das wohl aus der Ich-Perspektive auf den letzten Metern ausgesehen, als das Flugzeug mit vollem Karacho ins World Trade Center crashte? Was ging in dem Gebäude wohl unmittelbar nach dem Crash ab, insbesondere in den zwei, drei, vier Stockwerken unter Einschlaghöhe?

Nun bietet ein Film wie "San Andreas", in dem das stärkste jemals in der Menschheitsgeschichte verzeichnete Erdbeben weite Teile Kaliforniens erst vom Festland abzutrennen droht und schließlich die Metropolen dank Tsunami weitgehend unter Wasser setzt, keine Möglichkeit, ein Flugzeug in ein Wolkenkratzer rasen zu lassen, doch dafür allerlei lustvoll aneinander gereihte Möglichkeiten zu äquivalenten Szenarien, in denen beispielsweise eine Kamera, narrativ völlig unmotiviert, wie ein Projektil auf die Glasfassade eines erschütterten Gebäudes zurasen und selbige durchschlagen darf, um dann aus einer gefräßigen Quasi-Ich-Perspektiven-Plansequenz den Zuschauer dabei zusehen zu lassen, wie alles auf der Etage den Bach runtergeht und sich dem Chaos überantwortet. Wenn dann noch in einer sichtlich aufgeführten Choreografie immer mal wieder Leute ins Bild hopsen, um im Nu von irgendetwas wieder aus demselben gerissen zu werden, entwickelt das einen rustikalen, obwohl wahrscheinlich unfreiwilligen Humor, der seine Krönung in einem Ballett der Unwahrscheinlichkeiten erfährt: Einer Frau (Carla Gugino) gelingt es tatsächlich, sich aus diesem Schlamassel aufs Dach zu retten, wo just in diesem Moment ihr in Scheidung befindlicher Ehemann (Dwayne Johnson) mit einem Hubschrauber vorbeifliegt, der sich zu dieser Sekunde an einem völlig anderen Ort aufhalten sollte. So viel unverschämtes Glück hätte man den Leuten aus dem World Trade Center auch gewünscht. Vielen von ihnen blieb nur der Sprung in die Tiefe, wodurch sie sich als Schemen und Striche ins mediale Gedächtnis der 2001 noch wenig hochauflösenden Fernsehbilder einschrieben. Auch diesbezüglich liefert "San Andreas" in HD und 3D verspätete Konkretisierungen nach.

Kurz: "San Andreas" ist nach Jahren voller Subtextausdeutungen, vermuteten oder konkreten Traumaverarbeitungen im Hollywoodkino nicht nur - erst recht im brachial pathetischen Schlussbild, das an der Kippe zur Parodie schwer ins Straucheln gerät - eine auf Restauration drängende Angelegenheit, sondern auch, wohl wegen der immerhin schon 14 Jahre historischer Distanz, auf ziemlich unbekümmerte Weise beherzt, bzw. eben deppert im Zugriff. 9/11 hatte zwei towers, "San Andreas" kippt nach Lust und Laune Türme, Türme und wieder Türme um, gerade so, wie es dem Drehbuch passt; fast grenzt das an infantile Insistenz gegenüber dem bildgebenden Großereignis. Geprägt ist das Ganze von einer Sensationslust, die sich gerade noch am Riemen reißen kann, aber fast platzt vor Prahllust: In den für Katastrophenthriller dieses Zuschnitts obligatorischen "Wissenschaftler werten im Labor Daten aus"-Szenen darf Paul Giamatti in der Rolle eines Erdbebenforschers mit grimmiger Miene darauf hinweisen, dass dies nun wirklich, aber mal wirklich das verdammt größte Erdbeben aller Zeiten ist (im kurzen Vorspiel referiert er kurz die Geschichte der schwersten Erdbeben - schon da hat der Film seine lieben Schwierigkeiten, in froher Erwartung dessen, was noch kommen mag, an sich zu halten). Worin sich die Rolle dieser Figur im wesentlichen auch erschöpft: Im Labor sitzen, ab und an gerüttelt werden, Richterskala-Werte durchgeben als stünden sich Deutschland und Brasilien im Halbfinale gegenüber.

Jedes Kamera-Panorama in (im übrigen: beeindruckenden) 3D dient dem Zweck lustvoll zu präsentieren, was auf jeden Fall in absehbarer Zeit zu Klump gehauen wird - so, als wäre die Leinwand das Schaufenster einer Konditorei. Derart genießerisch hat schon lange kein Film mehr seine Katastrophen antizipiert und ausgekostet. Richtig awesome wird es beim Tsunami, der ebenfalls der größte seiner Art ist und ordentlich Luxusdampfer in die Stadt spült: Dagegen sieht Al-Qaida alt aus - einen Dampfer dieses Ausmaßes haben die Terroristen nachweislich nicht ins Zentrum von Manhattan geschmissen, hier ruiniert ein solcher auf beeindruckende Weise das Straßenbild. In diesem Kräftemessen geht der Blockbuster eindeutig in Führung.

Das Drumherum ist Schema F - und das tritt teils schmerzhaft zutage. Die Zutaten kennt man von Katastrophen-Fachmann Roland Emmerich: Wissenschaftler-Kokolores, unwahrscheinlicher Held, eine Trümmer-Ehe, die über den Trümmern der Zivilisation gekittet wird, Kinder, um die zu bangen ist. Doch wo Emmerich seinen Teig vielleicht nicht unbedingt gut, aber doch auf seine Weise organisch verrührt, bleibt bei Brad Peyton jeder Bestandteil samt Funktion als solcher deutlich zu erkennen - bis hin zum nervigen Klugscheißerkind (frühes Karrieretief: Art Parkinson). Frivoles Amüsement bietet der Film immerhin denjenigen, die sich auf den Subtext einlassen können, der darin verborgen liegt, dass die San-Andreas-Spalte dem phallischen Äußeren der Hochhäuser den Krieg erklärt hat, in dessen Verlauf der nicht minder phallische, glatzenbedingt auch tatsächlich penishaft wirkende Dwayne Johnson alle Hände voll zu tun hat, Schlimmstes abzuwenden.

Möseale gegen phallische Formen - "San Andreas", ein Film über den aus dem Erdreich heraus wirkenden Mythos der Vagina Dentata samt in Folge reihenweise auftretenden Erektionsstörungen? Dazu passt ganz gut, dass auch eine Ehe gerettet, dem Mann die Gespielin wieder gefügig gemacht werden muss: Wenn Johnson seine Ehefrau Gugino im Kombi-Fallschirm mit leichter Hand auf den sicheren Boden eines Baseball-Stadions bringt, kommt ihm ein so verschmitztes wie eindeutig zweideutiges "Been a while since I brought you to second base" über die Lippen. Immerhin darf Johnsons Tochter (Alexandra Daddario) im Nebenstrang der Handlung als taffe, smarte Tochter ihres Vaters regelmäßig gute Ideen haben, fortlaufend einen ziemlichen Wimp und Verzichter (Hugo Johnstone-Burt) vor dem Schlimmsten bewahren und sich dennoch in ihn verlieben. Zur Strafe für diese progressive Rollenverteilung hat sich der Film für sie ausgedacht, dass sie erst ihr Shirt ausziehen muss und dann im Unterhemd nass gemacht wird. Höhö.

Oder kurz: Dieser gigantische Desasterfilm ist ein gigantisches Desaster. Man muss sich schon sehr anstrengen, um ihn sich ein wenig lustig zu machen.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im. www.perlentaucher.de

 

 

  

San Andreas
USA 2015 - 114 Min. - Start(D): 28.05.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Brad Peyton - Drehbuch: Allan Loeb, Carlton Cuse, Carey Hayes, Chad Hayes, Jeremy Passmore, Andre Fabrizio - Produktion: Rob Cowan, Beau Flynn, Hiram Garcia, Tripp Vinson - Kamera: Steve Yedlin - Schnitt: Bob Ducsay - Musik: Andrew Lockington - Darsteller: Alexandra Daddario, Dwayne Johnson, Carla Gugino, Colton Haynes, Ioan Gruffudd, Paul Giamatti, Archie Panjabi, Will Yun Lee, Kylie Minogue, Hugo Johnstone-Burt, Art Parkinson, Morgan Griffin, Vanessa Ross, Matt Gerald, Marissa Neitling - Verleih: Warner Bros. GmbH

 

 

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