zur startseite

zum archiv

Salò oder Die 120 Tage von Sodom

Pasolinis "Salò oder Die 120 Tage von Sodom", einer der umstrittensten und wichtigsten Filme der Siebziger, kommt wieder in die Kinos.

 

Nur ein paar kurze Anmerkungen zur Wiederaufführung von "Salò oder Die 120 Tage von Sodom", einem Film, der als Gegenentwurf zu fast allem, was sonst in unseren Kinos läuft, viel zu wichtig ist, als dass man ihn in einer Kritik oder dergleichen auch nur annähernd angemessen behandeln könnte.

 

Nicht die Drastik des Dargestellten an sich hat Pier Paolo Pasolinis letzten Film "Salò oder Die 120 Tage von Sodom" bei seiner Erstaufführung in den Siebzigern zu dem Skandal gemacht, der er war. (Zur Reaktion in Deutschland schreibt Dietrich Kuhlbrodt, der sie aus nächster Nähe erlebt hat.) In der Tat ist "Salò", eine in die faschistische Republik "Salò" verlegte Verfilmung der "120 Tage von Sodom" des Marquis de Sade, ein schwer erträglicher Film. Und gewiss braucht man für viele der Szenen, in denen Menschen andere Menschen vergewaltigen, peitschen, skalpieren und demütigen, in denen Scheiße verfüttert und Scheiße gegessen, in denen alles Menschliche vertiert und alle Lust pervertiert wird, einen starken Magen.

 

Das eigentlich Unerträgliche an diesem Film aber ist, dass er dem Betrachter angesichts all der pervertierten Lust, die er vorführt, nicht den mindesten eigenen, nämlich moralischen Lustgewinn erlaubt. "Salò" ist keineswegs moralisch indifferent: Daran, was von dem Treiben der hochmögenden Figuren zu halten ist, besteht nicht der mindeste Zweifel. In keiner Einstellung macht der Film sich mit der Perversion selbst gemein, vielmehr führt er, am Schluss etwa in aller denkbaren Ausdrücklichkeit, die Lust in ihrer ganzen Hässlichkeit vor. Was er jedoch verweigert ist das Schlupfloch, das einem jeder andere Film ließe: die Empathie mit den Gefolterten, Geknechteten und Gedemütigten; einen Standpunkt auf der sicheren Seite, der es einem erlaubte, sich in eine beruhigende Distanz zum Gezeigten zu begeben. Es geht Pasolini vielmehr darum, dass der Zuschauer die Position der Gedemütigten selbst einnehmen muss, die kaum je wirklich den Status von Individuen gewinnen (deshalb ist dieses Einnehmen einer Position etwas ganz anderes als die immer auch wohlige Identifikation eines Betrachters mit einer Figur): "Salò" will den Zuschauer selbst besudeln, ja, am liebsten würde er ihm - ein Löffelchen für den Fürsten, ein Löffelchen für den Bischof, ein Löffelchen für die feine Dame, die zur Klaviermusik die schmutzigen Geschichten erzählt - die Scheiße selbst von der Leinwand herab einflößen. (Es kommt komplizierend und natürlich ganz problematischerweise hinzu, dass man sich selbst von der perversen Lust, als deren Objekt man missbraucht wird, nicht völlig distanzieren und losreißen kann.)

 

Die Drastik ist also Mittel zum Zweck. "Salò" möchte aufräumen nicht nur mit dem Wohlgefallen, sondern vor allem mit der Interesselosigkeit, die der Ästhetik seit Kant immer mal wieder als Zweck unterstellt wird. Das Theater der Grausamkeit, von dem Antonin Artaud schrieb - der, anders als Blanchot, Barthes etc. nicht in den dem Film gleich zu Anfang beigegebenen bibliografischen Angaben auftaucht -, hat ja nicht in erster Linie mit dargestellter Grausamkeit, sondern mit der Grausamkeit der Darstellung zu tun. Und die besteht darin, dass sie nicht Wirklichkeit zurechtschneidet, rahmt, gefühlsmäßig zugänglich macht und dem Zuschauer dann schön oder schön unschön als Stück oder Film oder Buch verpackt hinstellt, sondern gerade den Rahmen, das Schneiden, das Gefühlsmäßig-Zugänglich-Machen, das Verpacken und auch das Hinstellen verweigert.

 

Die eigentliche Pointe von "Salò", der sich ausdrücklich nicht nur auf de Sade, sondern auch auf Dantes Inferno bezieht, ist eine Pointe zur Darstellung von Unmenschlichkeit. Dazu, dass die Verbrechen des Faschismus - die der schwule katholische Marxist Pasolini allerdings im kapitalistischen Konsumismus seiner Gegenwart durchaus gespiegelt sah - sich der ästhetischen Darstellung im traditionellen Sinn entziehen. Pasolini hat sich nun weder auf Topoi der Unaussprechlichkeit des Entsetzlichen zurückgezogen noch auf die Suche nach raffinierten ästhetischen Verfahren begeben, die das Problem in ihrer Form aufheben. Er geht mit "Salò" in gewisser Weise den direktesten Weg, indem er den Betrachter die in die Drastik verschobene Erfahrung des Unerträglichen machen lässt. Mit der in der Faschismusforschung erst nach und nach durchgesetzten de-Sade-Littellschen Zusatzthese, dass die Vertierung des Menschen zum Unmenschen keine Sache des Rückfalls in vorzivilisatorisch-barbarische Urzustände ist, sondern sozusagen ein zivilisatorischer "Lernerfolg", nämlich die Kunst, auf der Höhe der Kultur und großer Raffinesse aus dem Unmenschlichen perverse Lustbefriedigungen zu ziehen, von denen kein Tier je geträumt hat.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Salò oder Die 120 Tage von Sodom

Italien / Frankreich 1975 - Originaltitel: Salò o le 120 giornate di Sodoma - Regie: Pier Paolo Pasolini - Darsteller: Paolo Bonacelli, Giorgio Cataldi, Umberto P. Quintavalle, Aldo Valetti, Caterina Boratto, Elsa De Giorgi - FSK: ab 18 WA (D): 23.10.2008

 

zur startseite

zum archiv