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Ruined Heart : Another Lovestory Between a Criminal & a Whore


Ungezügelter Bewegungsdrang

Originelle Raumerkundungen in der philippinischen Unterwelt unternimmt Khavn de la Cruz in seinem neuesten Streich "Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore"

This is not a film by Khavn. Mit dieser Ansage, tätowiert auf einen Torso, der sich wenig später als der eines frisch gemeuchelten Mordopfers erweisen wird, beginnt "Ruined Heart", der neue Film des philippinischen Faktotum Khavn (de la Cruz), der für Buch, Regie und Originalkompositionen verantwortlich zeichnet. Auch Khavns früheren Arbeiten ist dieser quasi Bartleby'sche Wahlspruch vorangestellt, zum Zeichen, dass sich hier einer verweigert, den Bruch sucht, nicht lediglich mit den Konventionen des narrativen Films, sondern mit dem Medium Film selbst. Was immer das im Medium Film heißen mag. Vor "Ruined Heart" war Khavns Schaffen eine schlecht abgemischte und gerade darum rauschende Dekonstruktion filmischer Parameter, die zur professionalisierten Produktion schöner Bewegtbilder auf maximale Distanz ging - nur halbwegs zusammenhängende Punk-Gesten, angetrieben von einem ungezügelten Bewegungsdrang, der nichts bezweckt als sich selbst, im Endeffekt also doch wieder eine Form von (reinem) Kino, aber derart ungeschliffen, ins Unreine gefilmt, dass Khavn sagen konnte: not a film.
 
Viel ist in "Ruined Heart" noch vorhanden von der rüden Anmutung Khavns früherer Nichtfilme: Weitwinkelkameras jagen durch enge Gassengefüge oder blicken durch eine Schicht Wasser auf die Welt; eine Magensonde stürzt uns in organische Untiefen, während die Zeitlichkeit des Films mehr mit einer wilden Prozession gemein hat denn mit planvoller narrativer Entfaltung. Die minimale Geschichte, die "Ruined Heart" dabei erzählt, ist im angemessen wegwerfenden Untertitel des Films bereits vollständig aufgehoben: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore [sic]. Nicht nur die Rollennamen - eingeführt in einer Szene am Anfang des Films, die Brecht mit Wong Kar-wai kreuzt - verzichten auf Individuierung. Der Ganove, die Geliebte, die Hure, der Gangsterboss kommen fast ganz ohne Dialog aus (sie sprechen auch gar nicht dieselbe Sprache). Zwischenmenschlichkeit ereignet sich rein pantomimisch, auf sehr schmalem Ausdrucksspektrum.
 

Die Chronologie ist auf eine Weise durcheinander gebracht, die ich bis zuletzt nur im Ansatz rekonstruieren konnte. Aber das macht nichts: Die Genre-Situationen, die "Ruined Heart" nebenhin durchexerziert, mögen (ohne festen Platz auf der Zeitachse) frei im Raum schweben, sind in diesem sonderbar dekontextualisierten Zustand dennoch sofort wiedererkennbar. Der Ganove muss irgendwie dem Gangsterboss ins Gehege kommen, die Hure irgendwie den Opfertod sterben. "Irgendwie", weil Khavn sich für den genauen Tathergang überhaupt nicht interessiert. Was bleibt, sind isolierte Genre-Affekte ohne verbindenden Bogen, was unsere Aufmerksamkeit freistellt für Khavns immer originelle Raumerkundungen.
 
Mit "Ruined Heart" orientiert Khavn seine Praxis in neuer Weise aufs World Cinema: seine beiden Leads sind aus dem Festivalbetrieb vertraute Gesichter (die Mexikanerin Nathalia Acevedo war zuletzt in Carlos Reygadas' "Post Tenebras Lux" zu sehen, der Japaner Tadanobu Asano ist ein altgedienter Genre-Darsteller, den man z.B. aus Takashi Miikes "Ichi the Killer" kennen könnte), und für die Kameraarbeit hat Khavn den stilprägenden DP Christopher Doyle (notorisch in Kollaboration mit Wong Kar-wai) gewonnen. Rapid Eye Movies tritt als Koproduzent auf, den eklektischen Soundtrack, der unter anderem "Ich lieb sie" von Grauzone beinhaltet, hat Brezel Göring von Stereo Total mitausgesucht.
 
Eine Konsequenz von Khavns Globalisierung des philippinischen Independentkinos in "Ruined Heart" ist die schleichende Konsolidierung eines professionellen Looks - eine Politur, welche die sehr heterogenen Bestandteile umschließt und tendenziell vereinheitlicht. Der vergleichsweise konzentrierte Schnitt, die präzise Tonmischung und vor allem Doyles schwärmerische Kamerabewegungen und Primärfarbdramaturgie geben "Ruined Heart" genau den Schliff, den Khavns Nichtfilme bisher gemieden hatten. Der Produktionslärm, der früher aus den Nahtstellen zwischen den Bildern drang, aber auch in den Bildern selbst lag (in ihrer erratischen Führung, ihrer niedrigen Auflösung, ihrem reiterativen, geloopten Gebrauch), ist zum intratextuellen Störsignal sublimiert. Rasch nerven die gesuchten Surrealismen, abgestandenen V-Effekte und Wong-Kar-wai-ismen in Zeitlupe; was eine ästhetische Bereicherung sein sollte, entpuppt sich als deren Gegenteil. Das hätte alles nicht sein müssen. Energie genug, um die kurze Laufzeit von einer guten Stunde wie wild am Rad zu drehen, weiß Khavn auch so zu mobilisieren.

Nikolaus Perneczky

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de  

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

  

Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore
OT: Pusong wasak - Deutschland / Philippinen 2014 - 73 min. - Regie: Khavn de la Cruz - Drehbuch: Khavn de la Cruz - Produktion: Stephan Holl, Achinette Villamor - Kamera: Christopher Doyle - Schnitt: Carlo Francisco Manatad - Musik: Khavn de la Cruz, Scott Matthew - Verleih: Rapid Eye Movies - Besetzung: Tadanobu Asano, Nathalia Acevedo, Elena Kazan, Andre Puertollano, Vim Nadera - Kinostart (D): 26.03.2015

 

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