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Rollergirl - Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg

 

 

 

Derbydamensolidarität

Nicht spektakulär, aber hinreißend ist Drew Barrymores Regiedebüt "Rollergirl", in dem Ellen Page in der texanischen Provinz sich durchs rustikale Roller Derby befreit.

In "Rollergirl" (im Original schnalzt es mehr: "Whip it"), dem Regiedebüt von Drew Barrymore, wird das Rad nicht neu erfunden. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist in ihren groben Zügen aus Kino, Literatur, Funk, Fernsehen bekannt: Eine junge Frau in der Provinz ermächtigt sich durch Triumphe in einem Outsider-Sport selbst dazu, die zu sein, die sie sein will, gegen den Widerstand von Umfeld, Herkunft und Eltern. Sie hat einen day job, sie verliebt sich, sie ficht Kämpfe, findet neue Freundinnen, bricht aus, kehrt zurück, solche Dinge. Oft erzählt, oft gesehen: fast schon ein Genre. Und doch sieht man der Nichtneuerfindung des Rades in "Rollergirl" außerordentlich gern zu. Das hat mit den Details zu tun, in denen das eine so zum anderen kommt, dass es trotz gelegentlicher Züge des Märchenhaften glaubwürdig bleibt.

Viele Asse hat Barrymore schon in der Besetzung im Ärmel. Es spielen Ellen Page, Juliette Lewis, Marcia Gay Harden, Kristen Wiig, Zoe Bell und dann, um einen der hier grundsätzlich nicht so wichtigen Männer zu nennen, auch noch der Comedian Jimmy Fallon. Die eigentliche Schau ist aber der Sport, auf den sich der Film kapriziert: Roller Derby der Frauen. Teams kämpfen, auf Rollschuhen durch ein Stadion-Oval kreisend, auf ruppige Art darum, jeweils eine der Frauen dem Feld nach vorne entkommen zu lassen. Für diesen Durchbruch nach vorne gibt es, wenn ich recht verstehe, dann Punkte. Der Kampf selbst hat nichts von der feinen englischen Art. Da wird wunderbar unladylike wie im Rugby gerempelt, da wird gegen die Bande geschleudert und auch in gegenseitigen Anfeuerungs- und Beleidigungsrufen geht es schön rustikal zur Sache.

Ellen Page ist Bliss. Ihre Mutter arbeitet bei der Post. Man lebt im nicht real existierenden Kaff Bodeen, Texas, in der Nähe der liberalen Slackerstadt Austin. In Bodeen geht es nicht so liberal und auch nicht slackerhaft zu. Bliss' Mutter hofft auf den Sieg der Tochter im lokalen Schönheitswettbewerb. Bliss aber hat das Roller Derby für sich entdeckt. Natürlich wissen die Eltern erst nichts davon. SAT class, my ass. Im Kreis der älteren, angenehm vulgäreren Frauen, die den Rollschuhsport schon länger betreiben, blüht sie auf und lernt rempeln. Die Chemie zwischen den Derby-Ladies, die wunderbar stimmt, ist ein wichtiger Grund fürs Funktionieren des Films. Hart, aber herzlich geht es zu, einmal wird grandios mit Essen geschmissen, draußen im Stadion reißt nicht unsexistisch, aber immer von urtexanischer Freundlichkeit der Master of Ceremonies seine Witze und setzt zur Feier des Endspiels auch mal einen großen roten Cowboyhut auf.

Natürlich spitzt sich das ganze auf die Alternative zwischen Auftritt hier (Schönheitswettbewerb) oder da (Endspiel) zu. Schön jedoch ist, wie Barrymore beim Zuspitzen so cool bleibt wie ihre Heldin. Die Spitze ist keineswegs stumpf, aber wird auf kluge Weise so in das texanische Konfliktfeld gestellt, dass sich keiner dran wirklich verletzt. Es wird das Menschliche in seinen Facetten gut und von allen verstanden. Der Konflikt wird nicht sehr heiß gekocht und dann sogar recht wohltemperiert und friedlich verspeist. Siegen ist keineswegs alles, hoch nämlich lebe die Derbydamensolidarität. Bleibt noch der Mann, der als Musiker ganz gute Indie-Musik macht und sich auf die Sexanbahnung unter Wasser versteht. Das ist freilich eine Stelle, wo man denkt, sieht zwar gut aus, liebe Drew, jedoch im richtigen Leben... Andererseits, wer hat das mit der Unterwassersexanbahnung selbst mal versucht? Vielleicht geht es ja doch. Der Film gibt einem Hoffnung, dass vieles leicht von der Hand geht, wenn man nur will.

Mit den Dialogen, das muss man sagen, stimmt alles. Von Shauna Cross, die den Roman schrieb, stammt auch das Drehbuch. Sie hat Witz, zu dem sich der Sinn für Timing von Regie und Darstellerinnen gesellt. Sie kennt sich aus, denkt man: mit Texas im Großen und Kleinen (kleiner Schönheitsfehler: der Film ist trotz Waterloo Records und Daniel-Johnston-T-Shirt-und-Wandzeichnung vor allem in Michigan gedreht), mit dem Heranwachsen in etwas widriger Umgebung, mit Roller Derby der Frauen, mit dem Verstehen von Menschen und auch wenn es natürlich ein etwas konventioneller heterosexueller Affe ist, dem sie hier Stück für Stück Zucker gibt, schwebt eine Liebe zur Toleranz, ruppig durchgeführt, schwebt eine texanische Hi-How-Are-You-Lässigkeit in der Darstellung des Zwischenmenschlichen über dem Film, die ihn zum Genuss macht in Phasen, in denen die Neuerfindung des Rades grade mal nicht stattfinden muss.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Roller Girl - Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg
USA 2009 - Originaltitel: Whip It - Regie: Drew Barrymore - Darsteller: Ellen Page, Landon Pigg, Marcia Gay Harden, Kristen Wiig, Juliette Lewis, Jimmy Fallon, Alia Shawkat, Zoë Bell, Ari Graynor, Eulala Scheel - FSK: ab 12 - Länge: 110 min. - Start(D): 1.9.2011

 

 

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