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Rocksteady - The Roots of Reggae

Long Time No See

 

Der Reggae ist weithin bekannt, Ska ist ein stehender Begriff, aber was, zum Rastafari, ist denn nun Rocksteady? Der Schweizer Dokumentarfilmer Stascha Bader bringt uns den leider ausgestorbenen jamaicanischen Musikstil der sechziger Jahre mit seinem dokumentarischen Film „Rocksteady – The Roots of Reggae“ näher, indem er seine überall in der Welt verstreuten Protagonisten nach über vierzig Jahren zurück nach Jamaica einlädt und sie zu Recording Sessions versammelt: ein herzliches Wiedersehen alter Freunde und Pioniere des jamaicanischen Stils. „How you‘re doin? Long time no see!“ Darunter Musiker, die zusammen noch, inspiriert vom Rhythm and Blues, vom Mento, der ursprünglicheren jamaicanischen Popmusik,  und den Anfängen der Soul-Musik der Endfünfziger, den Ska erfanden, diese Identität stiftende, vitale Tanzmusik im Off-Beat und Up tempo-Stil , den Kingstoner Soundtrack der 1962 erlangten Unabhängigkeit von Großbritannien.

 

Gemeinsam erinnern sich die freundlichen älteren Damen und Herren an die „romantische“ Zeit, in der Jamaica daraufhin erblühte, in der es wenig materielle Nöte und viele Gründe zum Feiern gab – und einen Anlass, nämlich die Hitzewelle von 1966, die treibende Unruhe des Ska zu drosseln, um jener neuen kollektiv empfundenen Gelassenheit Ausdruck verleihen und verlangsamt tanzen zu können.

 

Rocksteady also hieß das kaum bekannte Bindeglied zwischen Ska und Reggae, dazu gehörten Namen wie z.B. The Tamlins, Stranger Cole, Marcia Griffith und schon auch Reggae-Ikonen wie Sly Dunbar oder Rita und Bob Marley. Evergreens wie „The Tide is High“, „No No No (You Don’t Love Me)“ oder das Original des bei uns in den siebziger Jahren von den entsetzlichen Boney M. zur Idiotenhymne zersungene „The Rivers of Babylon“ stammen aus dieser Zeit.

 

Naturgemäß gestaltete es sich schwierig, im Jahr 2009 noch die wichtigsten maßgeblichen Musiker zusammen zu bekommen, ein Wettlauf gegen die Zeit, so der Regisseur im Presseheft. Im Film aber schweigt und überlässt er dem gelegentlich lückenhaften Erinnerungsvermögen der noch lebenden Legenden allein das Wort - und ihren „spontanen“ Begegnungen das Bild,  Reunionen vor schöner Landschaft und pittoreskem Verfall , die in ihrer gutgelaunten Exaltiertheit auf die Dauer doch ein wenig inszeniert wirken. Dabei erfährt man über die Geschichte dieser Musik und dieses Landes kaum mehr als dieses: Auf Jamaica gab es eben jene harmonische kurze Phase, Mitte der Sechziger, dann zogen immer mehr junge Leute vom Land in die Stadt, um Arbeit zu suchen, ohne sie zu finden, es entstand eine neue Armut, etwa im Ghetto Trenchtown, die Kriminalität und Gewalt auf den Straßen Jamaicas wuchsen an, der neue Begriff „Rude Boy“ für „Gangster“ wurde geprägt und fand Einlass in die Texte des Rocksteady. Den positiven Vibrationen mischten sich kritische Untertöne bei und die Politisierung des Rocksteady läutete nach bereits 2 Jahren sein Ende ein.

 

Die erweiterten politischen und sozialen Kontexte bleiben rudimentär und sind sogar, je nach Erzähler, widersprüchlich. Dafür aber zeigt uns Rita Marley die Küche, in der sie ihren ersten Sex mit Bob hatte und ein netter Mann mit Mütze, namens Stranger Cole, berichtet von dem mystischen Tag, als der äthiopische Kaiser Haile Selassie 1966 Jamaica besuchte, für die Anhänger der Rastafari-Religion also der Messias aus der „Offenbarung“; Was es nun mit den Rastas auf sich hat, warum ihr Glaube ein maßgeblicher Bestandteil jamaikanischer Musik ist, verrät der Film nicht.

 

Lose Enden also um die gern wiederholte Kernaussage herum, dass Rocksteady doch die herzlichste Musik war, die Jamaica hervorgebracht hat. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Rocksteady-Helden ein bisschen müde geworden sind, entweder weil ihre Stimmen nach all den Jahren in New York, Kanada, London, brüchig geworden sind, oder weil der Musikrichtung Rocksteady, eventuell nicht ganz grundlos, nur eine knapp begrenzte Dauer beschieden war. Dieser Eindruck aber könnte auch von den im Film völlig fehlenden Originalaufnahmen aus den Sechzigern herrühren, von deren „Frische und Direktheit“ (Rita Marley) bei den vorwiegend im Sitzen praktizierten Live-Sessions leider nicht immer übermäßig viel übrig geblieben ist. Ausnahmen sind der energiegeladene Derrick Morgan oder der großartige U-Roy, einer der ersten „Toaster“ (nennen Sie es ruhig: Rapper) der Weltgeschichte, von den Anfängen des Ska bis heute musikalisch aktiv.

 

Dann aber ertappt man sich heimlich dabei, doch lieber ein bisschen Bob Marley hören (und sehen) zu wollen oder die Skatalites oder gar die Specials, also ein bisschen weniger Frieden und ein bisschen mehr „Soul Rebel“, doch von Ska oder Reggae handelt der durchaus gemütliche und freundliche und absolut marihuanafreie Film über die durchaus gemütliche und freundliche Musik des Rocksteady leider eben nicht.    

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

Rocksteady - The Roots of Reggae

Schweiz / Kanada 2009 - 98 min.

Regie: Stascha Bader - Produktion: Robert Boulos, Valentin Greutert, Simon Hesse, Betty Palik, Michael Prupas - Kamera: Piotr Jaxa - Schnitt: Teresa De Luca, Mathieu Grondin - Musik: Gladstone Anderson, Ken Boothe, Stranger Cole, Marcia Griffiths, Derrick Lara, Hopeton Lewis, Rita Marley, Sylvanus Moore, Derrick Morgan, Judy Mowatt, Dawn Penn, Leroy Sibbles, Carlton Smith, The Tamlins, U-Roy - Ton: Matthew Cerantola, Scott Donald, Roger Guérin, Steven Gurman, Dieter Meyer, Ariel Santana - Verleih: Rapid Eye Movies - Besetzung: Gladstone Anderson, Ken Boothe, Stranger Cole, Marcia Griffiths, Derrick Lara, Hopeton Lewis, Rita Marley, Sylvanus Moore, Derrick Morgan, Judy Mowatt, Dawn Penn, Leroy Sibbles, Carlton Smith, The Tamlins, U-Roy

 

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