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Rio das Mortes


Die Freunde Michel (Michael König) und Günther (Günther Kaufmann) besitzen eine Landkarte von Peru, auf der ein Schatz eingetragen ist, in der Gegend des Rio das Mortes. Gegen den Widerstand von Hanna (Hanna Schygulla), die Michel heiraten will, planen die Freunde eine Reise nach Peru. Ihre Versuche, das erforderliche Geld zu bekommen, schlagen fehl, bis sie eine Mäzenin (Hanna Axmann-Rezzori) finden,die vom Plan der Schatzsuche fasziniert ist und ihnen das Geld vorstreckt. Hanna kann die Freunde nicht zurückhalten. Flanna zielt mit einer Pistole auf die beiden, als sie über das Flugfeld gehen, läßt die Waffe aber wieder sinken: ein Auto geriet in die Schußbahn.

RIO DAS MORTES ist unter Fassbinders Filmen der komödiantischste. Viele Szenen, in denen Günther und Michel Geld beschaffen wollen, ihre Recherchen über die Verhältnisse in Peru, ihre Rentabiltätsberechnungen für Schafzucht oder Baumwollanbau gewinnen eine bizarre Komik aus dem Kontrast zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und ihren naiven Vorstellungen. Dieser Kontrast läßt sich denn auch nur im Traum aufheben. Der (jedenfalls für den Augenblick befreiende) Märchenschluß ist nur möglich, weil die Figuren des Films stärker in der Realität verankert sind als die der Gangsterfilme [Fassbinders - die Redaktion der filmzentrale]. Auf ihnen lastet kein Fatum, das Komik ebenso verbietet wie märchenhafte Wunscherfüllungen. Michel ist Fließenleger. Günther, ein »Besatzungskind«, ein bayerisch redender Schwarzer, kommt gerade von der Bundeswehr, zu der er freiwillig gegangen war, um zu beweisen, daß er auch ein »richtiger« Deutscher ist. Halma möchte Hausfrau und Mutter werden. Daß sie am Ende nicht schießt, sagt Fassbinder, läge nicht nur am Auto, das plötzlich in die Schußlinie fährt: »Wenn es ein Film wäre wie die anderen, die ich gemacht habe, würde sie schießen, da würde sie es so wichtig nehmen, wie sie es in Wirklichkeit nimmt«, (Fernsehen und Film. 2 / 1971. S.43).

RIO DAS MORTES enthält auch einen für Fassbinder ungewohnten Cinéma-Vérité-Einschub: Michel, plötzlich ganz beschlagen über die Zustände in Südamerika, interviewt Carl Amery über die Rolle der Kirche in der dortigen politischen Situation.

Dic Figuren des Films sind nicht in ein System eingezwängt wie in den Gangsterfilmen, wie auch in WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? Der Film ist offener, nicht auf eine einzige Stimmung festgelegt. Das nimmt für ihn ein, auch wenn er, gemessen an der stilistischen Geschlossenheit anderer Arbeiten, eher ein kleiner Film ist.

Wilhelm Roth

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rainer Werner Fassbinder; Band 2 (5. Auflage) der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1985, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags und des Autors Wilhelm Roth.

 

 

RIO DAS MORTES. BRD 1970 Regie, Buch:Rainer Werner Fassbinder (nach einer Idee von Volker Schlöndorff). Kamera: Dietrich Lohmann. Schnitt: Thea Eymèsz. Musik: Peer Raben. - Ausstattung:Kurt Raab.- Regie-Assistent:Hiarry Baer, Kurt Raab. - Darsteller: Hanna Schygulla (Hanna), Michael König (Michel), Günther Kaufmann (Günther), Katrin Schaake (Katrin, Hannas Freundin), Joachim von Mengershausen (Joachim, Katrins Freund), Lilo Pempeit (Günthers Mutter), Franz Maron (Hannas Onkel), Harry Baer (Kollege von Michel), Marius Aicher (Meister), Carla Aulaulu (Kundin), Walter Sedlmayr (Sekretär), Ulli Lornmel (Autohändler), Monika Stadler (Angestellte im Reisebüro), Hanna Axmann-Rezzori (Mäzenin), Ingrid Caven / Kerstin Dohbertin / Magdalena Montezuma / Elga Sorbas (Kolleginnen von Hanna), Kurt Raab (Tankwart), Rudolf Waldemar Brem (Kneipenbesucher), Carl Amery (Bibliothekar), Rainer Werner Fassbinder (tanzt mit Hanna in der Discothek), Eva Pampuch (seine Freundin). Produkrion:Janus Film und Fernsehen / Antiteater-X-Film. Kosten:ca.125 000 DM. - Drehzeit:20Tage/Januar 1970. - Drehort: München - TV-Erstausstrahlung: 15.2.1971 (ARD). - Format: 16 mm, Farbe. - Länge: 84 min.
  

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