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The Revenant

 

 

Gewebe der Wirklichkeit

Ein Film für die Oscarsaison: Alejandro González Iñárritus grandioser Kunstporno "The Revenant" sucht die äußerste Realität und ein verloren gegangenes Erfahrungsspektrum.

Lange hatte es bei den frühlingshaften Temperaturen der letzten Wochen so ausgesehen, als müsste man für ein zünftiges Winterfrosterlebnis in diesem Jahr ins Kino gehen. Neben "Star Wars - Die Macht erwacht" und Quentin Tarantinos "The Hateful Eight" (Kinostart: Ende Januar) kommt dafür besonders Alejandro González Iñárritus Survival-Western "The Revenant" in Frage: Basierend auf der wahren, von Michael Punke im Roman "Der Totgeglaubte" frei erzählten Geschichte des Trappers Hugh Glass (im Film: Leonardo DiCaprio), der bei einer Expedition im Jahr 1823 von einem Bären angefallen und für tot erklärt wurde, den Angriff tatsächlich aber überlebt und sich schwerverletzt 300 Kilometer weit durch die Wildnis geschlagen hatte, ist Iñárritus transzendent überhöhter Film bestens geeignet, einem selbst noch im warmen Kinosaal virtuelle Frostbeulen zu bescheren.

Auf kleine Gesten lässt es Iñárritu, der im Gegenwarts-Autorenkino auf ausgestellte Virtuosität vielleicht versessenste Filmemacher, gar nicht erst ankommen. "The Revenant" ist große Strapaze, transzendente Schmerzüberhöhung, existenzialistische Erfahrung, Erhabenheitsporno und Kunstwollen mit der Brechstange. Oder kurz: Heilige Kino-Kathedrale, auf eine Weise hochgepitcht, dass es bei der Pressevorführung mitunter zu Abwehrreaktionen in Form von glucksendem Gegiggel kam, da "The Revenant" sich, seiner Figur und seinem Publikum als demonstrative Extremzustand-Erfahrung im Pathos heiligen Ernsts wirklich nichts schenkt.

Auch die ersten Berichte und Kritiken lesen sich so. Wohl von Produktion und Verleih lanciert, geht es vor allem um Produktionsaspekte, die zugegeben hinreichend beeindruckend sind: Gedreht mit der neuen, ungewöhnlich klare Bilder hervorbringenden Digitalkamera Alexa 65, deren beträchtlicher Sensorgröße nachgesagt wird, nicht nur an die Qualität von klassischem 70mm-Material heranzureichen, sondern auch eine höhere Lichtempfindlichkeit im Vergleich zu Filmmaterial aufzuweisen, ohne bei dunklen Szenen Artefaktrauschen hervorzurufen, entstand der Film im wesentlichen in Wildnis und klirrender Kälte unter Naturlicht-Bedingungen. Kameramann Emmanuel Lubezki erklärt in Interviews, dass die Alexa 65 ein besonders immersives Erlebnis begünstigt, bei dem die Leinwand als trennende Membran ein Stück weit aus dem Bewusstsein verschwindet (was tatsächlich der Fall ist); und DiCaprio lässt die Academy indirekt wissen, dass die Dreharbeiten tatsächlich so strapaziös waren, wie es nunmal ist, wenn man in Kanadas Wintermonaten mit wenig Kleidung durch den Wald robbt oder gleich im kalt dampfenden Flusswasser landet. Und selbstredend kommen alle auf den (Entwarnung: digital, aber beeindruckend bewerkstelligten) Bären zu sprechen, der in einer der intensivsten Sequenzen DiCaprio, nein, nicht etwa vergewaltigt, wie es gelegentlich hieß, aber auf eine Weise minutenlang in die Mangel nimmt, die um Leib und Leben des Weltstars fürchten lässt.

Uninteressant ist dieses Diskursrauschen nicht, aber es handelt sich dabei um Sensationsgeklimper, das im Segment des technisch hochavancierten Arthouse-Blockbusters aus Werbezwecken notwendig geworden ist. Vielsagend ist es aber doch, zumal Aspekte der Produktion auch im Fall des zweiten großen Winterfilms der Saison, "The Hateful Eight", den bisherigen Diskurs beherrschen. Beide Filme spielen vor zivilisationsabgeschiedener Kulisse in der amerikanischen Wildnis des 19. Jahrhunderts, doch anders als "The Revenant" ist Tarantinos Western auf 70mm und im seit den 60ern nicht mehr genutzten Ultra Panavision 70 gedreht. Beide versprechen ein Erfahrungssubtrat, das ein physisch besonders anspruchsvoller Produktionsaufwand glaubhaft in Aussicht stellt (und auch beim neuen "Star Wars" legte man Wert auf die Feststellung, dass er auf 35mm gedreht wurde und digitale Effekte, im Verhältnis zum Genre-Standard, zögerlich einsetzt).

Falls der Befund also stimmen sollte, dass im Zuge der Vergadgetisierung des Alltags die äußere Realität abhanden kommt (oder sie zumindest im Erfahrungsspektrum ihre privilegierte Position verliert) und die Welt sich zusehends insofern verfenstert, als wir an ihr mehr und mehr über Displays teilhaben, dann stellen die hartnäckigen Intensitäten eines Films wie "The Revenant" vielleicht so etwas wie eine outgesourcte, nostalgisch-melancholische Reverenz dar; beziehungsweise eine (unter aktuellen technischen Bedingungen) maximale Totemisierung dessen, was den westlichen Industrienationen in ihren (selbstredend: zum Glück) relativen Behaglichkeitszonen als Erfahrungsfundus abhanden gekommen ist: Die Geworfenheit in eine erbarmungslose, für den Menschen und seine Bedürfnisse zunächst nicht gemachte Welt vor deren Bändigung durch den (europäisch gedachten) Zivilisationsprozess, der in "The Revenant" nur in schlammig-holziger und mit sichtlichem Genuss texturreich ausgeschmückter Frühform ins Bild tritt. Umso wichtiger werden die Umstände der Produktion, um diese Erfahrungsgüte vorab zu beglaubigen - begleitet von der Versicherung, dass der technische Apparat beim Filmerlebnis zum Verschwinden gebracht werde.

Als Kinoerfahrung ist das, man kann es nicht anders sagen: zutiefst beeindruckend und über weite Strecken von hypnotischer Qualität (solange man keine glucksend-giggelnde Ulknudel ist). Was auch am körperlichen Spiel Leonardo DiCaprios liegt, mit dessen Grind und Schorf und schiefen Zähnen man im Verlauf des Films auf intime Weise bekannt wird, mehr noch aber an Emmanuel Lubezkis Kameraarbeit, dessen im Lauf der letzten zehn Jahre verantworteten Filme man als eigenständig auteuristischen Zusammenhang begreifen müsste: Der Look des späten Terrence Malick ist zum nicht unwesentlichen Teil ihm zuzuschreiben, daneben war er für so ziemlich jeden weiteren relevanten Arthouse-Blockbuster der letzten Jahre verantwortlich und verfeinerte und intensivierte dabei sein Konzept einer einerseits scheinbar frei schwebenden, andererseits von einer ganz eigenen Gravitas gebundenen, das Gewebe der Wirklichkeit auf immer neuen Bahnen neu durchdringenden Kamera (auch "Gravity" stammt von ihm). Iñárritus "Birdman" und nun "The Revenant" stellen die vorläufigen Höhepunkte dieses Projekts einer aufs Neue entfesselten Kamera dar: In "The Revenant" interessiert Lubezki vor allem die dynamische Opposition von extremer Nähe und extremer Ferne - seine Kamera umschmiegt die Figuren auf beinahe obszöne Weise, nur um immer wieder umzuschlagen in brillante Landschafts-Panoramen, die dem Postkarten- und Jugendzimmer-Kitsch aus der Ferne zwar zuwinken, sich in ihn aber nicht verstricken.

Einzig schade, dass Iñárritu seinen Film über dann doch zu sehr kunstwollende Rückblenden mit Spiritualitätsgehuber auflädt: Da wird dem Trapper eine Hintergrundgeschichte angedichtet, die ihn als Grenzgänger zwischen Pionieren und indigener Bevölkerung in Szene setzt, der mit einer Frau unter den Native Americans gelebt hatte, die bei einem von Weißen durchgeführten Massaker ums Leben kam. Wenn DiCaprio im Rückblick vor Schädelstätten sinniert und seine tote Gattin über ihm schwebt, wirkt das wie Westentaschen-Spritualität für sensorisch Arme. Dem Quasi-Actionfilm mit klar definiertem Bewegungsvektor, der "The Revenant" (darin, als Schnee-, Zufuß- und Zentimeter-für-Zentimeter-Film, dem Wüsten-, Auto- und Meile-für-Meile-Film "Mad Max: Fury Road" gar nicht mal unähnlich) über weite Strecken auch ist, stehen diese Ausflüchte ins verquast Esoterische etwas im Wege. Zum Glück reicht die Wucht, die der Film entwickelt, locker aus, diese Sequenzen in den Hintergrund zu rücken.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

The Revenant Ė Der Rückkehrer
(The Revenant) - USA 2015 - 150 Min. - Kinostart(D): 06.01.2016 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Alejandro González Iñárritu - Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Michael Punke, Mark L. Smith - Produktion: Steve Golin, Alejandro González Iñárritu, David Kanter, Arnon Milchan, Mary Parent, Keith Redmon, James W. Skotchdopole - Kamera: Emmanuel Lubezki - Schnitt: Stephen Mirrione - Darsteller: Tom Hardy, Leonardo DiCaprio, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Paul Anderson, Brendan Fletcher, Lukas Haas, Javier Botet, Brad Carter, Kristoffer Joner, Robert Moloney, Kory Grim, Vincent Leclerc, Joshua Burge, Dave Burchill - Verleih: 20th Century Fox

 

 

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