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Restless

 

 

Gus van Sants "Restless" beeindruckt mit Charme und Aufrichtigkeit, auch wenn so manches marktwirksam zurechtgebogen wurde.

Zweimal zeichnet Enoch (Henry Hopper), mit seinen weichen Gesichtszügen an der Schwelle zwischen Milchgesicht und Erwachsensein, seinem melancholischen Blick und dem zerzausten Haar ein weiterer der typisch gewordenen, leicht androgyn wirkenden Gus-van-Sant-Jugendlichen, zweimal also zeichnet Enoch mit Kreide einen "Leichenumriss", wie man ihn von Unfall- und Tatorten kennt, um sich auf den Boden. Zweimal legt er sich nicht ganz passend hinein, eine Hand bleibt draußen: Ein Lebender, der tot sein will, oder aber ein Toter, der als solcher noch nicht recht fixiert ist? Oder vielleicht auch ein Lebender, der sich wie tot und darin eingesperrt fühlt und mit der Hand nach Hilfe und Nähe eines anderen sucht. Zumindest aber lässt ihn der Tod nicht mehr los: Wie sein filmhistorisches Vorbild Harold aus "Harold und Maude" (1971) pflegt er zu Beerdigungen ein touristisches Verhältnis, wie Harold trifft er dort auf seine Maude, in diesem Fall Annabel (Mia Wasikowska), beide verlieben sich zaghaft ineinander und haben, genau wie ihre Vorbilder, doch keine Zukunft: Annabel hat einen Hirntumor im Endstadium, noch drei Monate sind ihr beschieden, "Harold und Maude" trifft "Love Story".

Dazu gesagt werden muss allerdings, dass die Ähnlichkeiten hier auch schon aufhören: Bleibt "Harold und Maude" schwarze Komödie mit Herz, erzählt "Restless” vor allem davon, wie sich zwischen zwei verschrobenen, traumatisierten - bei einem Unfall hat Enoch seine Eltern verloren - jungen Menschen den Widrigkeiten zum Trotz Nähe entwickelt, obwohl es aussichtslos ist. Nicht, dass es sich um einen reinen Problemfilm handeln würde: Viele morbide, auch etwas todesromantische Episoden - etwa wenn die beiden Annabels Tod theatralisch in Szene setzen, wie das vielleicht Kinder machen würden, wenn sie Filmszenen nachspielen und sich dabei glatt über das Drehbuch in die Haare kriegen - bleiben zumindest in Blickkontakt zur schwarzen Komödie.

Das Zeitlose des Films einerseits, aber auch den Umstand, dass beide in der Zukunft nicht leben können und an der Vergangenheit schwer zu tragen haben, unterstreicht die Gestaltung des Films: Smartphones und iPods, die obligatorische Googlesuche oder anderes Web2.0-Kolorit fehlen, wenn ich mich recht erinnere, völlig, spielen aber zumindest keine (visuelle) Rolle in diesem Film. Stattdessen: Flohmarktkleidung, alte Möbel (Enoch wohnt sogar in einem Tim-Burton-esken Haus) und viele alte ornithologische Bücher, die Annabel regelrecht absorbiert. Der Vorspann des Films zeigt eine herbstliche USA, mit vielen melancholischen Blicken aus Zugfenstern auf alte Brücken und rot schimmernden Bäumen, die Farben wirken entsättigt - wie ein 16mm-Film aus den 70ern vielleicht; die musikalische Untermalung des Films - darunter viel aus der aktuellen Low-Fi-Kultur des amerikanischen Indiepops - zelebriert ebenfalls das Vergangene, nicht Zeitgemäße. Auch der Film selbst blickt also vor allem zurück.

Dass er sich dabei nicht zur Nostalgieshow verdichtet, gehört zu seinen zentralen Stärken: Enoch und Annabel mögen in einer Welt aus alten Bettgestellen und alten Kaffeetassen leben, ihre Kleidung mag vom Flohmarkt eingesammelt sein, doch wird kein Objekt fetischisiert, zur ebay-Trophäe oder gar zum ironisch gebrochenen Retro-Accessoire erhoben - Enoch und Annabel entäußern sich nicht in diese Dingwelt, sondern leben in und mit ihr. Auch der Film selbst begreift seine eingestreute "70ies-ness" eher als Latenz, vielleicht auch einfach als nützliche Form und nicht als postmodernes Vexierspiel mit dem filmhistorischen Kenntnisstand seines Publikums. Gerade der Vergleich zum schrecklich infantilen "The Future" von Miranda July, dieses Jahr auf der Berlinale zu sehen und demnächst auch im Kino, in dem zwei junge Menschen ebenfalls um ihre Zukunft bangen und sich in eine Vintage-Welt einigeln (und natürlich sieht man beide zuerst vor dem Laptop sitzen), bietet sich da an - "The Future" kann man fast schon als Zombiefilm bezeichnen, so stark sind die Figuren in ihrer Gadget- und Objektwelt absorbiert.

Zwei Seelen wohnen in Gus van Sants Brust: Da ist zum einen der kompromisslose Filmemacher mit stark auteuristischem Projekt, der sich als solcher schon in seinem Debütfilm "Mala Noche" (1986), einem zentralen Werk des amerikanischen Indie-Kinos der 80er Jahre, empfahl. In seiner "Todestrilogie" - "Gerry", "Elephant" und "Last Days" - unterstrich er dies in den letzten Jahren. Daneben steht der gefälligere Gus van Sant, der neben konventionellen, aber meist doch interessanten Arthouse-Filmen ("Milk") auch mal gepflegten, unerträglichen Rotweintrinker-Schmalz abliefert. "Restless" bewegt sich zwischen diesen Polen: Einerseits wirkt der Film mitunter stark demographisch kalkuliert (Produzent: Ron Howard, eine der zentralen bösen Figuren im Hollywood-Circuit), nicht zuletzt durch die musikalische Untermalung, die dann eben doch sehr unverhohlen auf das Publikum von "The Future" zu schielen scheint, zum anderen aber arbeitet Gus van Sant vor allem in den Szenen, in denen Annabel und Enoch ganz dicht bei sich und die Kamera dicht bei ihnen ist, dem entgegen: Die Liebesszene zwischen den beiden etwa ist ungeheuer intim und zärtlich, aber immer zurückhaltend, dezent, lässt den Figuren ihre Privatheit.

So bleibt der Eindruck eines in sich leicht zerrissen wirkenden Films: Wunderbarer Charme und Aufrichtigkeit gegenüber den Figuren in ihrer Lage, auch in den gerade für Enoch wenig schmeichelhaften Szenen, steht neben mancher marktwirksam zurechtgebogener Szene. Man kann sehr vieles sehr mögen in diesem Film, muss dafür aber auch manches übersehen können.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de  

Restless
USA / Großbritannien 2011 - Regie: Gus Van Sant - Darsteller: Henry Hopper, Mia Wasikowska, Ryô Kase, Schuyler Fisk, Jane Adams, Lusia Strus, Chin Han, Henry Hopper, Kyle Leatherberry, Victor Morris, Jesse Henderson - FSK: ab 6 - Länge: 91 min. - Start: 13.10.2011

 

 

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