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Redacted

“While I’m over here I’m gonna be shootin’ whatever the fuck’s going on.” Sagt Angel Salazar, ein im irakischen Samarra stationierter US-Soldat, gleich zu Beginn von Brian De Palmas „Redacted“ in eine Videokamera. „So don’t be expecting any Hollywood action flick, no smash cuts, no adrenaline pumping soundtrack, no logical narrative to help make sense of it. Basically here shit happens.“ Absolute Authentizität also. Die Wahrheit über den jüngsten Irakkrieg der USA. Doch was, wenn bereits an dieser Stelle, der Film ist noch keine fünf Minuten alt, ein anderer Soldat, Lawyer McCoy, ebenfalls mit einer Videokamera in der Hand, behauptet hat, wie es übrigens auch auf dem Filmplakat steht, dass die Wahrheit das erste Opfer dieses Krieges sein wird? Was, wenn wir im Folgenden Wahrheiten über Wahrheiten zu sehen bekommen werden, auf allen Seiten und soweit das Auge reicht? Und was, wenn diese Wahrheiten, wie ja schon hier bei zwei Soldaten, die auf derselben Seite kämpfen, in derselben Einheit, anfangen, sich zu widersprechen? Wem können wir trauen in diesem Krieg, der, das zeichnet sich hier bereits ab (zumindest für uns Außenstehende), vor allem ein Krieg sich widersprechender Bilder ist?  

 

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, erzählt „Redacted“ von ausdrücklich erfundenen Ereignissen, rund um ein ausdrücklich reales Verbrechen: Die Vergewaltigung eines fünfzehnjährigen irakischen Mädchens und ihre anschließende Ermordung und die ihrer Familie durch US-Soldaten. 

 

Erzählt wird diese Geschichte durch die Aufnahmen Salazars, mit denen er sich nach dem Krieg an einer Filmhochschule bewerben will.

Erzählt wird diese Geschichte durch einen inszenierten Dokumentarfilm, in dem ein französisches Ehepaar einen kritischen Blick auf die US-amerikanischen Kontrollpunkte wirft, an denen vorbeifahrende Autos durchsucht werden, ehe man sie passieren lässt.

Erzählt wird diese Geschichte durch die Berichterstattung zweier großer Nachrichtensender, eines westlichen und eines arabischen (Wobei die Parallelen zu CNN auf der einen und Al-Dschasira auf der anderen Seite so deutlich sind, dass man eigentlich kaum noch von Anspielungen sprechen kann.).

Erzählt wird die Geschichte durch Aufnahmen einer Überwachungskamera in dem Militärstützpunkt, durch Videoaufzeichnungen von Verhören der an dem Verbrechen beteiligten Soldaten und, last but definetly not least, durch Videos, die auf verschiedenen Seiten im Internet veröffentlicht wurden.

 

Ein Krieg zerfällt. In ein Stakkato der Bilder. In partikulare Blicke, hinter denen partikulare Interessen stehen. Die zerfallende Narration, für Brian de Palma einziges probates Mittel, um von einem zerfallenden Krieg zu erzählen, bleibt dabei jedoch immer, und darauf legt der Film großen Wert, vor allem immer eins: Narration. Zwar gibt es keinen „objektiven“ Kamerablick in „Redacted“, keine Einstellung, die die verschiedenen Partikularblicke und Partikularinteressen transzendieren würde, und doch wird, gerade in der ersten Hälfte des Films, durch kunstvolle Überblendungen zwischen den einzelnen Elementen, auf die eigene Inszenierung aufmerksam gemacht. Außerdem wird das Dokumentarische durch eine gewisse Motivstruktur, etwa ein sich von Beginn an durch die Dialoge ziehender Subtext um die Doppelbedeutung des Wortes „rat“ (wörtlich: Ratte, metaphorisch: Verräter), sowie durch einige eindeutig filmische Pointen, etwa in einer äußerst makabren Szene, in der ein Sergeant betont, dass das wichtigste sei, den Irak „in one piece“ zu verlassen, Sekundenbruchteile, bevor er von einer Mine in Stücke gerissen wird, unterminiert. (Und: Sollte es etwa ein Zufall sein, dass der ‚gute’ Soldat, der im Film, das zeigt De Palma in aller Drastik, daran scheitert, im entscheidenden Moment das (moralische) Gesetz aufrecht zu erhalten und somit einen falschen Krieg ‚menschlicher’ zu machen, mit Vornamen Lawyer heißt?)

 

Der ganz und gar heutige Krieg, von dem de Palma erzählt, ist als Krieg der Bilder auch immer noch ein Krieg der Zeichen, ein Kommunikationskrieg, wie der, den Hernán Cortés, folgt man den Deutungen Todorovs, gegen die Azteken führte. Doch scheinen es hier gerade die Besatzer zu sein, die durch ihre Unfähigkeit oder ihren Unwillen, die gegnerischen Zeichen zu lesen, ihre Überlegenheit verspielen. Zunächst verhalten sich die US-amerikanischen Truppen im Umgang mit den Zeichen noch ganz imperial, wie die spanischen Konquistadoren, die etwa Besitzansprüche an Hand von Verträgen gültig machten, die man die Indianer „unterschreiben“ ließ, ohne dass sie sie lesen konnten. Ein wahrer Schilderwald weist, vorbildlich auf amerikanisch und irakisch, auf die Kontrollpunkte hin. Zu dumm nur, dass neueren Untersuchungen zu Folge die Hälfte der irakischen Bevölkerung nicht lesen kann. Jegliche (scheinbare) Legitimation ihres Krieges, scheitert dann aber gerade an der Ignoranz, die man den Zeichen Kultur, Religion und Sprache der Iraker gegenüber an den Tag legt. Bei der Durchsuchung des Hauses, das später zum Schauplatz des Verbrechens wird, behauptet ein Soldat in einem Satz, die Papiere, die er in der Hand hält, seien wichtiges Beweismaterial, um im nächsten zu erkennen zu geben, dass er nicht einmal weiß, wie die Sprache heißt, in der diese Dokumente geschrieben sind. Um ihr eigenes Verbrechen zu vertuschen, schieben die Soldaten es auf den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Eine Lüge, die zwangsläufig dubiose Früchte tragen muss - wissen die Soldaten doch gar nicht, welcher der beiden verfeindeten Glaubensrichtungen ihre Opfer angehörten, weil es ihnen doch im Kriegsalltag sonst völlig egal ist, welche „sand niggas“, so die typische Bezeichnung der Feinde, sie gerade töten. 

 

Der Krieg der Bilder, von dem „Redacted“ erzählt, ist niemals ein einseitiger. Wo auf der einen Seite die Soldaten ihr abscheuliches Verbrechen filmen, filmen ihre Gegner, wie sie einen der Soldaten für dieses Verbrechen enthaupten. Den rassistischen und frauenfeindlichen Schimpftiraden einiger Soldaten (nicht aller, wohlgemerkt), steht ein Video auf einer Internetseite, deren Logo geschwärzt wurde – wir brauchen es nicht, um zu erkennen, dass es sich um „YouTube“ handelt –, gegenüber, bei dem ein junges Mädchen ihrer Wut über die Soldaten Luft macht. Ihr jugendlich-anarchischer Antiamerikanismus argumentiert dabei aber eben nichts anderes, als die Verfechter des Krieges, den sie anprangert. Einmal mehr sollen, wenn auch unter verkehrten Vorzeichen, Menschenleben durch Menschenleben aufgewogen werden. Sie fordert Rache statt Gerechtigkeit und kann so letztlich - die Logik der medialen Berichterstattung und Verarbeitung des Krieges, die sie selbst anprangert, umdrehend - US-amerikanische Kriegsverbrechen gar nicht thematisieren, ohne gleichzeitig das Massaker vom 11. September 2001 zu verharmlosen.

 

Die Gratwanderung, die de Palma meisterhaft gelingt, besteht vor allem darin, dass er die Vielfältigkeit der präsentierten Standpunkte in diesem Krieg der Bilder nicht als Ausrede für eine vermeintlich neutrale Position zwischen allen Fronten nutzt. Dadurch, dass der Regisseur auf den einen imperialen Kamerablick verzichtet, zugunsten einer Vielzahl von verschiedenen widersprüchlichen Blicken, wird nicht größere Authentizität und somit eine neue ‚bessere’ Form der Objektivität behauptet, sondern gerade die Unmöglichkeit eines objektiven Standpunkts verdeutlicht. Wenn es um Kriegsverbrechen, um Folter, Vergewaltigung und Mord – egal von welcher Seite – geht, gibt es für ihn keine postmoderne Beliebigkeit, kein „das kann man aber auch anders sehen“. So bezieht De Palma mit seinem großartigen Irakkriegsfilm eindeutig Stellung. Zum Feldzug der USA, zur Dummheit und Arroganz, mit der er geführt wird, und am Schluss noch einmal (vielleicht etwas zu) deutlich zu dem Zynismus, der das Leid der irakischen Zivilbevölkerung als Kollateralschaden verstanden wissen möchte. 

 

Nicolai Bühnemann

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Redacted

USA 2007, Buch und Regie: Brian de Palma; Länge: ca. 87 Minuten; Produktion: Mark Cuban, Jason Kliot, Simone Urdl, Joana Vicente, Todd Wagner, Jennifer Weiss; Kamera: Jonathon Cliff; Schnitt: Bill Pankow Besetzung : Francois Caillaud (McCoys Freund), Patrick Carroll (Reno Flake), Rob Devaney (Lawyer McCoy), Izzy Diaz (Angel Salazar), Mike Figueroa (Sgt. Vazques), Ty Jones (James Sweet), Paul O'Brien (Bartons Vater), Kel O'Neill (Gabe Blix), Abigail Savage (Teenager), Daniel Stewart Sherman (B.B. Rush)

 

 

DVD

Erschienen bei: Kinowelt Home Entertainment

Veröffentlichungsdatum: 06.02.2009

Bildformat: 1,78:1 (anamorph)

Ton/Sprache: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch

Extras:

Interview mit Brian de Palma, Interviews mit Flüchtlingen, Hinter den Kulissen, Trailer

 

 

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