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The Raid

 

 

Gareth Evans inszeniert in "The Raid" einen testosterongesättigten Höllentrip und lässt dabei das Herz von Fans des Martial-Arts-Kinos überlaufen.

2003 eroberte ein kleiner thailändischer Martial-Arts-Film die Welt im Sturm: "Ong Bak" erzählte eine selbst fürs Genre eher banale Geschichte um eine gestohlene Statue und einen jungen Mann, der sie wiederzubeschaffen versucht, begeisterte aber mit atemberaubenden Kampfszenen und dem vorher völlig unbekannten Hauptdarsteller, dem Muay-Thai-Artisten Tony Jaa (hier eine Arbeitsprobe). Für Genreliebhaber war der kleine, dynamische B-Film damals ein willkommenes Gegengift gegen die in ornamentalem, staatstragendem Prunk erstarrenden chinesischen Kampfkunst-Epen. Es folgte eine Welle thailändischer Prügelfilme, inzwischen allerdings scheint sich selbst Jaas Karriere in einer Sackgasse zu befinden. Diese Woche stellt sich in den deutschen Kinos ein potentieller Nachfolger vor: Was "Ong Bak" für das Thaiboxen und für Jaa geleistet hat, soll nun "The Raid" für die indonesische Martial-Arts-Variante "Pencak silak" und für den Hauptdarsteller Iko Uwais leisten.

Die Filme selbst unterschieden sich dann aber doch gehörig voneinander. "Ong Bak" und die Nachfolger waren zwar allesamt weitgehend unfiligrane Knochenbrecher, aber sie erzählten gleichzeitig naive, fast märchenhafte Geschichten mit nostalgischem Unterton. Und sie hatten stets auch einen gewissen touristischen Wert - man prügelte sich vor malerischer Kulisse, umgeben von südostasiatischem Kunsthandwerk, gelegentlich liefen sogar Elefanten durchs Bild. Über "The Raid" dagegen wird sich das indonesische Tourismusministerium kaum freuen können.

Am Morgen vor dem Einsatz ein kurzes Gebet und ein liebevoller Blick auf seine schwangere Frau: das muss genügen, um den Helden Rama (Uwais) einzuführen, nur ein zarter Hauch von zivilisatorisch abgeschirmter Intimität, mehr Glücksversprechen gibt es nicht in diesem Film. Der Rest ist Konfrontation: Knochen gegen Knochen, Fleisch gegen Beton. Der Plot dreht sich um Polizeikorruption und urbane Verwahrlosung; genauer gesagt um eine Spezialeinheit der Polizei, die den Auftrag erhält, den Gangsterboss Tama Riyadi gefangen zu nehmen, der sich in einem riesigen, stadtweit berüchtigten Wohnblock verschanzt hat. Dieser Wohnblock, den die Polizeieinheit früh im Film betritt und anschließend  bis zum Abspann nicht mehr verlässt, ist ein außen wie innen gleichermaßen hässlicher Betonklotz, ein Gebäude auf dem absteigenden Ast, irgendwo zwischen vor die Hunde gekommenem Sozialbau und crack house. Die wenigen Spuren einer besseren, lebenswerten Vergangenheit - alte Möbelstücke, Tapetenreste - lassen den gegenwärtigen Verfall nur noch absoluter wirken.

Gleichzeitig ist das Gebäude ein gut funktionierendes Ökosystem der Kriminalität, das Tama Riyadi Millionen einbringt und Kinder als Frühwarnsystem verwendet. Kein Lebensraum, eher ein Mikrouniversum der Entmenschlichung und in der Art, wie der Film es absolut setzt (so konsequent, dass man irgendwann kaum noch an die Existenz einer Außenwelt glaubt) eine düstere Allegorie auf die indonesische Gesellschaft der Gegenwart; "Brutalität in Stein" (Alexander Kluge). Dazu passend ein reduziertes Farbschema, grünlich-gräuliche Monotonie, aufgesprengt nur von roten (Kunst-)Blutspritzern.

Inszeniert hat den testosterongesättigten Höllentrip der junge walisische Regisseur Gareth Evans, den ursprünglich die Liebe und ein Dokumentarfilmprojekt nach Indonesien verschlagen hatten. Dass nun allerdings Hollywood winkt, wundert nicht: Die Actionszenen - und nach der ersten Viertelstunde reiht sich eine an die nächste, ohne Atempause - sind schlichtweg großartig inszeniert; viele Szenen wirken fast schon analytisch in der Art, wie sie die Bewegungen auf den Raum und beides auf die Kamera abstimmen, wie sie zum Beispiel Türen, Möbelstücke, falsche Wände oder, in der vielleicht besten Szene des Films, den Boden eines Appartements als dramatische Akteure in Szene setzen. Schnelle Schnittkaskaden wechseln dabei ab mit länger gehaltenen Totalen, die vor allem den epischen Endkampf bestimmen.

Ob der fraglos kompetente, aber doch etwas profillos erscheinende Iko Uwais allerdings tatsächlich ein hell leuchtender Star am Martial-Arts-Himmel werden wird? Ich setze da ja eher auf Yayan Ruhian, der in "The Raid" den Bösewicht Mad Dog spielt und der in jeder einzelnen Szene, in der er auftritt, unter Hochspannung steht. Besonders ein Moment im erwähnten Endkampf wird jedem Fan des Martial-Arts-Kinos das Herz überlaufen lassen; ein Moment, in dem der Film auf alle Handlungslogik pfeift, in dem nur noch die Logik des Spektakels und der verquere Ethos des Kampfkünstlers gelten: Als Uwais Ruhian stellt, hat der bereits einen anderen Widersacher außer Gefecht gesetzt und gefesselt. Aber weil ihm eins gegen eins nicht Herausforderung genug ist, bindet Ruhian seinen ersten Kontrahenten wieder los und nimmt den Kampf gegen beide Widersacher gleichzeitig auf.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

 


The Raid
Indonesien / USA 2011 - Originaltitel: Serbuan maut - Regie: Gareth Evans - Darsteller: Iko Uwais, Ray Sahetapy, Joe Taslim, Doni Alamsyah, Yayan Ruhian, Pierre Gruno, Tegar Satrya - FSK: Keine Jugendfreigabe - Länge: 101 min. - Start: 12.7.2012

 

 

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