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Die Räuberin

 

 
Es wird viel zur Zigarette gegriffen in diesem aufs Schönste phlegmatischen Beziehungsfilm. Nächte und Tage vergehen lautlos. Äcker versinken im abendlichen Nebel, das Meer ist vom Frost sediert, die Gemüter der Dorfbewohner sind roh und abweisend. Ausgerechnet in der Ödnis Frieslands will eine 43-jährige Schauspielerin zur inneren Balance finden, die sie nie besaß, ohne die sie aber ihr Leben in München nicht mehr erträgt. Sie mietet ein heruntergekommenes Grundstück, richtet sich provisorisch ein, füttert eine fremde Katze und macht Bekanntschaften. Ein sonderbarer Teenager bedrängt sie, erst großspurig mit Schauergeschichten und körperlichen Übergriffen am Strand, entpuppt sich in der Gesellschaft anderer Jugendlicher aber als Außenseiter, der Demütigungen und Spott über sich ergehen lassen muss.

Obwohl sie eine natürliche Autorität ausstrahlt, scheint die Frau in einer tiefen Krise zu stecken. Sie fühlt sich von der Verletzlichkeit des auf den ersten Blick schlichten 15-Jährigen angezogen. Deshalb bittet sie ihn herein, als er plötzlich vor ihrer Tür steht, und beobachtet jede seiner Reaktionen mit psychologischem Scharfsinn. Als er ihren Garten aufräumt, bezahlt sie ihn großzügig und ignoriert die frechen Forderungen nach mehr. Sie genießt das Katz-und-Maus-Spiel. Den unbeholfenen Annäherungsversuchen begegnet sie mit konkreten Angeboten: „Ich möchte dich haben“, „Du kannst bei mir einziehen“. Es ist ihr eilig, schließlich vergehe die Zeit in ihrem Alter schneller als früher, kommentiert sie aus dem Off. Eine Amour fou bahnt sich an.

Während der Junge unter ihrer sexuellen und emotionalen Zuwendung aufblüht, deutet ihre Bereitschaft, ihm einen Ausweg aus der tristen Arbeiterexistenz zu bieten, verschüttete mütterliche Instinkte an, die mit der Rolle der Geliebten in Konflikt geraten. Sie umwirbt den von seinen Eltern wegen der Mesalliance Drangsalierten regelrecht und ist zu jedem Opfer bereit, um sich seiner annehmen zu dürfen. Die Dorfbewohner funken dazwischen. Sie schneiden die Reifen auf oder verkaufen ihr vergammeltes Brot. Als sich die Beziehung herumspricht, bricht ein dumpfes Männer-Trio in ihr Häuschen ein.

Die „Räuberin“, so der klug gewählte Titel, gerät keine Minute in Panik, sondern trinkt sie lächelnd unter den Tisch. Fortan genießt sie wegen ihrer Kaltblütigkeit Respekt, muss aber noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um den feindseligen Provinz-Mikrokosmos auf ihre Seite zu ziehen. Es mache ihr nichts aus, erzählt sie ihrem Schützling in einem der vielen intimen Gespräche, sie habe nie etwas gespürt. Das hat sich natürlich längst geändert. Selbst das Trauma, das sie nach dem Unfalltod ihrer Tochter davon trug, die sie vor 20 Jahren zur Adoption freigegeben hatte, scheint mit der neuen Aufgabe verarbeitet. Das Drehbuch von Markus Busch, der mit diesem dicht inszenierten Frauenporträt ein beachtliches Regiedebüt präsentiert, faltet die psychologische Landkarte bis in den letzten dramatischen Winkel aus; dabei hätte die spannende und ambivalente Hauptfigur aber auch ohne diesen fernsehtauglichen Kompass funktioniert. Birge Schade, die man bislang primär im Fernsehen wahrgenommen hat, nutzt ihre Chance und überzeugt als sich mutig selbst therapierende, von unstillbaren Sehnsüchten und Abgeklärtheit gezeichnete Kämpferin, eine entfernte und ebenbürtige Verwandte von Juliette Binoche in „Drei Farben: Blau“ (fd 30 507) oder Maren Kroymann in „Verfolgt“ (fd 37 966). Eine späte Entdeckung, die das deutsche Kino nicht ignorieren sollte.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Die Räuberin
Deutschland 2011 - Regie: Markus Busch - Darsteller: Birge Schade, Daniel Michel, Kai-Ivo Baulitz, Anna Stieblich, Burkhard Schmeer, Jens Schäfer, Till Huster, Imke Büchel, Wiebke Wackermann, Eric Golub - FSK: ab 12 - Länge: 94 min. - Start: 21.6.2012

 

 

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