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Radio Heimat

 

 

Ja, nee, is’ klar! Watt ’ne geile Gegend. Der Pott mit seinen Typen und Sprüchen. Alles Originale, hart, aber herzlich. Mit lustigen Rivalitäten zwischen Fußball-Clubs wie Schalke, Borussia oder auch dem VfL. Denn in Bochum spielt „Radio Heimat“ – und zwar gleich zweimal: 1983 und 1964.

In seinem Spielfilmdebüt hat sich Matthias Kutschmann der einschlägigen Erzählungen von Frank Goosen angenommen und daraus mit Unterstützung der alten Pott-Film-Recken Adolf Winkelmann und Peter Thorwarth einen liebevoll ausstaffierten und anspielungsreichen Katalog einschlägiger Klischees gebastelt, der sich temporeich nicht so recht zwischen Selbstironie, Genre-Comedy und Liebeserklärung entscheiden mag.

„Radio Heimat“ erzählt die Geschichte der vier Freunde Frank, Mücke, Pommes und Spüli, denen es neben ihrem Schulalltag hauptsächlich darum geht, die erste Freundin klar zu machen, oder besser: die darüber reden, wie es überhaupt gelingen könnte, die erste Freundin klar zu machen. Weil die Jungs – Popper, Punk oder Normalos – nette Kerle mit großer Klappe sind, wird allerlei ausprobiert: Rock-Band, Tanzkurs, Klassenfahrt. Als Objekt der Begierde fungiert zunächst die schöne Carola, bis andere Mädchen oder auch Jungen viel interessanter sind. Diese freundliche und nicht gerade überraschende Coming-of-Age-Geschichte von 1983 wird vor reichlich Lokal- und Zeitkolorit mit allerlei einschlägigem Personal von Elke Heidenreich über Ralf Richter, Jochen Nickel, Ingo Naujoks und Heinz Hoenig bis Peter Lohmeyer verhandelt, die sich allesamt für den ein oder anderen Sketch einfinden. Es bleibt sogar noch Platz für Pott-Originale wie Manni Breuckmann, Willi Thomczyk, Peter Nottmeier oder Hans-Werner Olm. Hinzu kommt die 1964 spielende Liebesgeschichte zwischen Franks Eltern, die einerseits zeigt, dass die erste Liebe auch damals schon zwischen Macho-Posen, Unsicherheit, Currybude und Tanzschule changierte, andererseits aber auch den Bedeutungsverlust des Fußballs illustriert. War es 1964 noch eine mittlere Katastrophe, wenn ein Junge gleich nach der Geburt beim falschen Verein (hier: Schalke 04) angemeldet wurde, so spielt der Sport im Leben der Jugendlichen von 1983 überhaupt keine Rolle mehr. An seine Stelle treten eine Auswahl zeitgenössischer Pop-Songs von Falco über Fehlfarben und James Brown bis Captain Sensible und Heaven 17, dazu Pop-Insignien wie Poster von Nena oder John Travolta. Aber nie ist mit der Auswahl der Musik ein bestimmter Habitus oder eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur verbunden. Von Politik gar nicht erst zu reden. Dass Carola sich für Angelo Branduardi begeistert, ist lediglich ein Indiz dafür, dass sie nicht zu Frank passt, obwohl er sie anbetet.

So geht hier nichts in die Tiefe, nichts zielt auf Substanz, sondern alles wird solange unterhaltsam und nostalgisch nebeneinander gestellt, bis letztlich der Rekurs auf die Pennäler-Komödie mit Klassenfahrt, lustigen Streichen, viel Alkohol und romantischen Einlösungen sogar das forciert eingesetzte Lokalkolorit lässig hinter sich lässt. An der Nordsee spielen Bergbau-Romantik und polnischer Pütt-Adel keine Rolle mehr. Die komplette Unverbindlichkeit des Anekdotischen erscheint auch als doppelte Kommentarspur: Mal wird das lustig-einschlägige Geschehen aus dem Off kommentiert, mal sprechen die Figuren direkt in die Kamera. Immer geht es um ironische Distanz zu den Figuren, die doch eigentlich gefeiert werden sollen. Hier, in der Region des sprichwörtlichen fortwährenden Strukturwandels, ist alles möglich: Kumpel-Romantik, Coming-of-Age-Komödie, Coming-out und Kulturhauptstadt. Hauptsache sentimental.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 23/2016

 

Radio Heimat
Deutschland 2016 - 85 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Start(D): 17.11.2016 - Regie: Matthias Kutschmann - Drehbuch: Frank Goosen, Matthias Kutschmann - Produktion: Christian Becker, Martin Richter, Markus Zimmer - Kamera: Gerhard Schirlo - Schnitt: Georg Söring - Darsteller: Martin Semmelrogge, Jochen Nickel, Peter Lohmeyer, Sandra Borgmann, Heinz Hoenig, Ralf Richter - Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

 

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