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Quellen des Lebens

 


Oskar Roehler sollte sich freuen: über die Häme, die seine vergangenen Filme bei Kritikern auslösten. Diese Zeit ist nun vorbei.

Für "Quellen des Lebens" habe ich nur noch ein müdes Achselzucken übrig, und das bei einem Epos des Regisseurs, der noch vor ein paar Jahren als Erbe Fassbinders gehandelt wurde. Vielleicht waren schon damals die Hoffnungen übertrieben, Roehler nie viel mehr als ein eitler Provokateur? Im deutschen Kino genügt es schließlich, dreckige Filme zu machen, die Geschmacklosigkeiten frönen und keine Rücksicht auf gesellschaftlich verbriefte Erwartungen an Geschichts- oder Gegenwartsdramen nehmen, um aufzufallen. In diesem Sinne war sicherlich auch seine "Jud Süss"-Klamotte nicht die Aufregung wert, die sie allseits auslöste. Auf der filmischen Ebene ist die Wirkung seiner Werke durchaus interessant: Die strukturellen, atmosphärischen, historischen Freiheiten, die er sich nimmt, bedingen den Eindruck des Gestückelten und des Missratenen, ein Eindruck, der täuschen kann. Sie verhindern auch den Konsum, oft stehen sie noch dazu recht produktiv seinen offensiv psychologisierenden Tendenzen im Weg.

Vielversprechend waren die Verbindungen zum Genrekino, die seine frühen Filme "Gentleman" (1995), "Silvester Countdown" (1997), "Gierig" (1999) oder auch "Suck my Dick" (2001) zum Teil in die Nähe eines sozialen Horrorkinos rückten. Seine Distanz zum klassischen Drama, die er mit "Die Unberührbare" (2000) nur scheinbar aufgab, war gerade das, was sein Werk überhaupt zusammenhielt. "Die Unberührbare" ist ohnehin ein sehr spezieller Fall in der Filmografie Roehlers: Der Film, der als sein Durchbruch gilt, kann durchaus als eine Annäherung an das bürgerliche Relevanzkino verstanden werden (Mauerfall / Leiden im Alter / Biografie / Schwarzweiß), aber er versucht gleichzeitig, Empathie und Sympathie für seine Protagonistin zu verhindern, und lässt das Drama nicht aufgehen. Diese Differenz zum klassischen Stoff und zu den Gepflogenheiten in der deutschen Kinolandschaft rettet seine Filme bis heute davor, komplett in der Versenkung unterzugehen. Da dürfte jetzt "Quellen des Lebens" nachhelfen.

Nichts rechtfertigt an "Quellen des Lebens" mehr eine Kontroverse. Das ist insofern schade, als in die Mitte der Gesellschaft zielende Filme in Deutschland keine Mangelware sind (der Begriff Middlebrow sollte dafür einmal übersetzt werden). Und dem misslungenen, weil unentschiedenen Mainstream, dem dieser Film mehr als alles andere ähnelt, stehen die Geschichten, von denen er erzählt, schon noch entgegen. Die Differenz zur Konvention, die vorher seine Werke immerhin diskussionswürdig machte, ist leider fast komplett von der inszenatorischen auf die inhaltliche Ebene verschoben: Wie schon bei "Elementarteilchen" (2006) will das eine mit dem anderen überhaupt nicht zusammenpassen und bereichert sich auch nicht gegenseitig. Bisweilen wirkt das so piefig, als trage einer den vermeintlichen Tabubruch stolz vor sich her und vergesse dabei, dass nur er selbst so spießig ist, es noch für einen Tabubruch zu halten. Ja, es riecht nach Angst vor der eigenen Courage. Dem Mut, eine streitbare Vorlage zu adaptieren (hier seinen autobiografischen Roman) und damit vielleicht auf die Nase zu fallen. Die Gefahr, alles nur allzu vorsichtig richtig zu machen, wird gerne übersehen.

Der autobiografisch gefärbte Retroblick auf Nachkriegsdeutschland, Wirtschaftswunder und Gartenzwerge, auf Rebellion, Punk und West-Berlin, all das böte Stoff genug für viele spannende Filme, ausreichend jedenfalls für die knapp drei Stunden von "Quellen des Lebens". Nur ist es ein Nullsummenspiel: Auf bizarrste Weise heben die Storys sich gegenseitig auf: Emphatische Kindheitstraumata versus Punk-Phase, melodramatische Liebesgeschichte versus bitterer Milieu-Schilderung. Da passt es immerhin ganz gut, dass Roehler im Kern einen Film über die Kinder des gescheiterten Exzesses gedreht hat. Im Detail laufen viele Stränge ins Leere, bleiben zu kurz oder nur angerissen, wirken schlecht getimt und zu flach inszeniert, nichts ist aber ausreichend daneben. Nicht einmal mehr der meistens fehlbesetzte Moritz Bleibtreu, den offensichtlich auch Roehler nach wie vor für einen Charakterdarsteller hält.

Ich würde "Quellen des Lebens" gerne mögen. Immerhin spüre ich hier und da noch das Bedürfnis nach dem Subversiven, an Sleaze und extremen Stilisierungen fehlt es nicht. Der Film schwankt zwischen Klamotte, Melodram, Historienfilm, Film noir, Zeitkolorit und Milieustudie. Das macht zumindest bisweilen Spaß. Auf dem Weg geht nur immer wieder die Radikalität flöten. In einem Schlüsselsatz lässt Roehler seinen Protagonisten sagen: „Die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das Denken, nicht andersherum.“ Man wird den Verdacht nicht los, wenn man auf die fette Förderliste in Vor- und Abspann von Quellen des Lebens blickt: Roehler geht es zu gut.

Frédéric Jaeger

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.critic.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 
Quellen des Lebens
Deutschland 2012 - 174 min.
Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler - Produktion: Stefan Arndt - Kamera: Carl-Friedrich Koschnick - Schnitt: Peter R. Adam - Musik: Martin Todsharow - Verleih: X Verleih - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel, Erika Marozsán, Lisa Smit, Kostja Ullmann, Meret Becker, Sonja Kirchberger, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Lavinia Wilson, Thomas Heinze, Steffen Wink, Rolf Zacher, Margarita Broich, Karoline Teska, Vincent Krüger
Kinostart (D): 14.02.2013

 

 

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