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Putty Hill

 

 

Matthew Porterfield bleibt auch in seinem zweiten Film "Putty Hill" in Baltimore und registriert Spuren, die ein Mensch in der Welt hinterlassen hat..

"Putty Hill" ist der zweite Film des jungen amerikanischen Regisseurs Matthew Porterfield. Wie der erste, "Hamilton" (2006), spielt er in einem Vorort Baltimores und porträtierte eine Gruppe von Menschen am Rande - aber noch nicht außerhalb - der Gesellschaft. Anders als der sehr frei erzählte Vorgänger, in dem man manche Verwandtschaftsverhältnisse bis zum Schluss nicht so ohne weiteres durchschauen konnte, hat "Putty Hill" ein eindeutiges Zentrum: Eine Beerdigung hält den Film zusammen. Der Tote hieß Cory, war 24 Jahre alt und starb an einer Überdosis.

Der Film definiert seine - in Ermangelung eines besseren Ausdrucks, so recht passt das nicht in diesem Film - Figuren einerseits über ihr Verhältnis zu Cory, andererseits platziert er sie von Anfang an in der Welt. Der Bruder spielt im Wald Paintball. Der Vater arbeitet in seiner Wohnung als Tätowierer. Die Schwester reist aus Delaware an und antwortet auf die Frage, ob sie Baltimore vermisse, wie aus der Pistole geschossen: "Nein!". Einige Jugendfreundinnen des Toten gehen im Wald spazieren. Daneben stehen kleine Details, die keine Anschlüsse haben: die Suche nach einem Bankräuber, ein muskulöser Mann auf einem Rasenmäher. Manchmal werden die Schauspieler, wie im Dokumentarfilm oder im Reality-TV, aus dem Off angesprochen und reden dann direkt ins Publikum. Das Dokumentarische an diesen Bildern bezieht sich nicht auf die eindeutig und vollständig fiktionale Filmhandlung, sondern auf die (allesamt nichtprofessionellen) Schauspieler selbst, auf ihre Redeweise, auf ihr Verhalten zur Kamera.

Einige Räume des Films: ein Wald, ein Skatepark, ein (kalter) Pool im Garten, ein See, in dem einige Jugendliche baden und Drogen nehmen, Innenräume, die oft nicht besonders wohnlich oder auch nur bewohnt wirken. Keiner dieser Räume ist nur neutraler Behälter für Handlung, keiner auch einfach nur Milieu, das sich an die Figuren anschmiegt und sie definiert. Der Film ist zu neugierig auf diese Räume, sie behalten eine Fremdheit, einen Eigenwert, der sich zum Beispiel im Sonneneinfall auf eine karge Wand (mit der der Film beginnt) oder in langsamen Kamerafahrten durch die Zimmer der Jugendlichen herstellt.

Aus ähnlichen Gründen ist der Film all das nicht, was er, seiner Inhaltsangabe zufolge, sehr leicht sein könnte: kein Sozialdrama, keine Milieustudie, kein Generationenporträt. Solche Zuordnungen würden voraussetzen, dass die Sinneseindrücke, die "Putty Hill" beschreibt und ermöglicht, schon vorgeordnet, auf eine These hin kalkuliert wären. Statt dessen wird ihr Verhältnis zueinander ständig neu bestimmt. Zum Beispiel schieben sich immer wieder Geräusche vor die Dialoge: Das Summen einer Tätowiernadel, das Rauschen eines Bachs oder der Motor eines Rasenmähers. Das Tondesign ist in deswegen aber nicht einfach nur naturalistisch; in einer anderen Szene entfernen sich zwei Skater von der Kamera, verschwinden fast zwischen den Häusern, ihre Stimmen aber bleiben ganz nah. Es scheint in beiden Fällen darum zu gehen, Sprache nicht nur als Kommunikationsmedium zu begreifen, sondern das Sprechen als materiellen Akt sichtbar zu machen.

Einen dramatischen Bogen gibt es nicht. Die einzelnen Szenen ordnen sich locker um den Abwesenden, den Toten, von dem nur einmal, gegen Ende, eine Fotografie auftaucht, die seltsam defizitär erscheint als Zeichen für einen Menschen, von dessen Weltverhältnissen man vorher viel kennengelernt zu haben glaubt. Möglicherweise ist dieses gefühlte "zu wenig" des Bildes tatsächlich eine schlüssige Abbildung von Verlust, eine schlüssigere zumindest als das schief gesungene "I Will Always Love You" auf der Beerdigung oder der eine, große Zusammenbruch auf dem Balkon, die beiden einzigen Szenen, in denen der Film seiner eigenen Ästhetik zu misstrauen scheint und sich konventioneller dramaturgischer Mittel bedient (gegen die, darum geht es nicht, an sich nichts spricht, die diesem Film aber äußerlich bleiben). Verbindungen innerhalb des Films stiften sich oft weniger durch einen Handlungszusammenhang, als über nur auf den ersten Blick abstrakte Ähnlichkeiten von Bewegungen und Handlungen: Die Tattoos, die mit der Nadel in die Haut geritzt werden, finden ihren Widerhall in Buchstaben, die mit dem Messer in eine Baumrinde geritzt werden. Physische Spuren, die Schmerzen verursachen, weil sie die Oberfläche verletzen. Andere Spuren, wie das "Rest in Peace"-Graffitti am Skatepark, verursachen weniger oder gar keine Schmerzen, aber sie werden auch schneller verschwinden. Wieder andere, wie die Paintball-Treffer, kann man sofort wegwischen. Aber der Aufprall der Farbgeschosse muss erst einmal gefühlt, registriert werden.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Putty Hill
USA 2010 - Regie: Matthew Porterfield - Darsteller: Sky Ferreira, Zoe Vance, James Siebor Jr., Dustin Ray, Charles "Spike" Sauers, Catherine Evans, Virginia Heath, Cody Ray, Casey Weibust, Drew Harris, Marina Siebor - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 87 min. - Start: 29.9.2011

 

 

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