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Prometheus - Dunkle Zeichen

 

 

Rettungsmission für eine Marke

Ridley Scotts zerfahrenes Epos „Prometheus“ lässt die DNA von „Alien“ in alle Richtungen wuchern.

Im Hollywood der 20er und 30er Jahre wurden Filmkopien nach der Kinoauswertung häufig vernichtet. Im Archiv blieb oft nur das Drehbuch liegen, um ein paar Jahre später als Grundlage einer neuen Verfilmung dienen zu können. Auf den ersten Blick könnte man meinen, an dieses Recyclingprinzip habe das aktuelle Hollywood in seiner anhaltenden Remake-Versessenheit nahtlos angeschlossen. Gerade die Zukunft scheint man sich dort nur unter Rückgriff auf die jüngere Vergangenheit vorstellen zu können: In zwei Wochen kommt der Science-Fiction-Thriller „Total Recall“ generalüberholt ins Kino, das Original von Paul Verhoeven stammt erst aus 1993. An Remakes von Verhoevens „RoboCop“ (1987) und „Starship Troopers“ (1997) wird schon gearbeitet.

Im Unterschied zur Praxis im klassischen Hollywood zielen solche Neuauflagen heute nicht einfach auf das effiziente Verwalten von bewährten Stoffen ab. Der neue Film tritt nicht mehr an die Stelle des alten, sondern bewirbt ihn (eine gute Zeit für Blu-ray-Fetischboxen) und bezieht gerade aus dessen Popularität einen Teil seines Werts. Selbst wenn „The Amazing Spider-Man“ derzeit im Kino die Reset-Taste drückt und noch einmal von vorne dieselbe Ursprungsgeschichte erzählt, die erst vor zehn Jahren über die Leinwände lief, geht es nicht ums Ersetzen, sondern ums Fortschreiben einer etablierten Marke.

Vor dem Hintergrund dieser Produktionskultur ist es kein Wunder, wenn nun Ridley Scotts heiß erwartetes Science-Fiction-Spektakel „Prometheus“ wie besessen um Fragen der Abstammung und Fortpflanzung kreist. Schließlich war die ganze Produktions- und Marketinggeschichte des Films von Deutungsgefechten über seine Genealogie bestimmt: Während in den Medien von einem Prequel (also einer nachgereichten Vorgeschichte) zu Scotts legendärem Körperhorrorfilm „Alien“ (1979) die Rede war, ruderten Regisseur und Autoren bald zurück mit der Erklärung, „Prometheus“ würde im Erzähluniversum der „Alien“-Filme eine andere, weitgehend freistehende Geschichte formulieren. Dieser Eiertanz um die richtige Distanz findet seine Entsprechung in einem Film, der sich mit großen Fragen und mythischen Verweisen von seinem Vorgänger freispielen will und zugleich nicht umhin kann, ihn durch Verweise und Variationen auszulegen wie einen heiligen Text. Um dem zuletzt inflationär eingesetzten Designermonster aus der Hand H.R. Gigers wieder Geheimnis einzuhauchen, wird hier gar eine Suche nach den Ursprüngen des menschlichen Lebens veranstaltet: Ein Forscherteam folgt in naher Zukunft einer Sternenkarte, die vor Jahrtausenden von Außerirdischen als Höhlenmalerei hinterlassen wurde. Am Zielplaneten, inmitten außerirdischer Kolossalarchitekturen, lauert etwas.

Wie Ridley Scotts anderer Sci-Fi-Kanonfilm „Blade Runner“ verdankt „Alien“ sein reges Nachleben in Fankultur und Kulturwissenschaft der Bedeutungsdichte seiner Oberflächen: Metaphern und Traumsymbole allenthalben. Über die außerirdische Bedrohung in „Prometheus“ sei hier nur verraten, dass sie zumindest dem neuen Film selbst zur plausiblen Metapher gereicht: War „Alien“ ein hart gepanzertes, zielstrebiges Raubtier von einem Horrorfilm, so ist „Prometheus“ eine amorphe, vor sich hin mutierende Masse.

Gelegentlich atemberaubend aber zunehmend frustrierend, lässt der Film die DNA der Originalreihe in ein halbes Dutzend verschiedener Richtungen wuchern: Sigourney Weavers traumatisiert-toughe Heroine wird aufgespaltet in eine glaubensstarke Archäologin (Noomi Rapace) und eine eisige Missionsleiterin (Charlize Theron). Der Android im Team (Michael Fassbender) ist undurchsichtig wie eh und je, diesmal aber androgyn und campy wie Jude Law in „A.I.“. An Bord gibt es neben den üblichen Intrigen reichlich Wortwechsel über Schöpfung, Glauben und Wissen, draußen warten Sandstürme und Spuren einer versunkenen Zivilisation. Und irgendwann setzt es dann eine völlig verrückte Ekelszene, die alles an sexuellen Untertönen ausbuchstabiert, was sich im Körperhorrorkatalog der Serie so angesammelt hat. Langweilig ist das nicht. Aber statt sich überzeugend ineinander zu fügen, werden die einzelnen starken Bilder und erzählerischen Überraschungsmanöver (Drehbuch: Jon Spaihts und „Lost“-Autor Damon Lindelof) stur wie mit dem Lineal verbunden.

Gerade in seiner Maßlosigkeit und Konfusion könnte „Prometheus“ sympathisch sein. Dafür wirkt das Gemisch aus epischen Aspirationen und cheap thrills aber zu opportunistisch: Statt Antworten gibt es vor allem Ausweichschritte in Richtung Teil 2, und bis auf die oben erwähnte Irrwitzszene schwächeln ausgerechnet die Horrormomente. Was die Kernkompetenz Kreaturengrusel angeht, war zuletzt das unoriginelle Prequel zu John Carpenters verwandtem „The Thing“ (2011, von Matthijs van Heijningen Jr.) entschieden stärker.
Den parasitischen Außerirdischen aus Carpenters Paranoiaklassiker von 1982 ist die außerirdische Gefahr in „Prometheus“ übrigens ziemlich nahe: Das Monströse hat hier nicht mehr, wie noch in den „Alien“-Filmen, einen fixen Lebenszyklus und eine relativ klar umrissene Gestalt, sondern geht mit seinen Wirten Mutationen ein, wird dabei so modular wie der Film, in dem es nistet. Der ist ebenfalls auf Ansteckung und Entgrenzung ausgerichtet, vor allem in seinem brillanten viralen Marketing, das eigenartig in den Filmtext zurückwirkt: Etwa in der irritierenden Gestalt des greisen Konzernchefs Peter Weyland. Den spielt im Film der 44-jährige Guy Pearce, begraben unter Falten-Makeup. Ein wesentlicher Grund für diese eher abwegige Besetzung ist ein gewitztes Werbevideo für „Prometheus“ im Internet, das einen Vortrag des noch jungen Weyland (Pearce) bei der (in Nerdkreisen berühmten) TED-Konferenz zeigt. Auch die anderen viralen Homepages und Videos, die den Film im Netz umkreisen, sind gestaltet als Werbeunterlagen der mächtigen Weyland Corporation, deren Machenschaften sich als roter Faden durch die „Alien“-Filme ziehen. In dieser Sujetwahl bildet sich indirekt auch die wirtschaftliche Basis für das rege intermediale Zirkulieren etablierter Filmserien ab: das Aufgehen der Filmstudios in diversifizierten Medien- und Mischkonzernen.

Sogar die Adaptionsfähigkeit von „Prometheus“ hat allerdings ihre strategischen Grenzen. Der Film schreibt die Genealogie von „Alien“ nicht einfach fort, sondern auch um. Vergessen machen will er vor allem die schwarzen Schafe in der Kinofamilie, die beiden Filme der „Alien vs. Predator“-Serie (2004, 2007): Mit diesem (nicht uncharmanten) Mash-Up, in dem sich die Weltraummonster aus den „Alien“- und den „Predator“-Filmen tögeln, erreichte das Renommee der ohnehin heruntergewirtschafteten „Alien“-Franchise seinen Tiefpunkt. Der Level-Dramaturgie der Filme war die Herkunft aus gleichnamigen Computerspielen überdeutlich anzusehen. An die Stelle dieser Bastardisierungen setzt „Prometheus“ emphatisch das Kino als Ort des überwältigten Staunens: An Bord wird „Lawrence von Arabien“ projiziert, am Planeten eine extraterrestrische 3D-Lasershow, während mächtige Bauten und detailverliebte Ausstattung an alte Sci-Fi-Epen wie „Alarm im Weltall“ (1956) erinnern. Statt einer Forschungsreise in unbekannte Welten unternimmt „Prometheus“ dann aber doch nur eine Rettungsmission für eine Marke in Not.

Joachim Schätz

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Falter (Wien) 32/2012

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Prometheus - Dunkle Zeichen
USA 2012 - Originaltitel: Prometheus - Regie: Ridley Scott - Darsteller: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Guy Pearce, Idris Elba, Logan Marshall-Green, Charlize Theron, Rafe Spall, Sean Harris, Kate Dickie - FSK: ab 16 - Länge: 124 min. - Start: 9.8.2012

 

 

 

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