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Prisoners

 


Denis Villeneuves Thriller "Prisoners" bleibt in seiner Auseinandersetzung mit Folter und Selbstjustiz mindestens ambivalent.

Erste Einstellungen: zwei Männer auf der Jagd, einer legt an, zielt, dazu auf der Tonspur eine Stimme, die das "Vater unser" spricht. Treffer. Man hievt das tote Wild zum Abtransport ins Auto. Am Heck klebt der Jesus-Fisch und vom Rückspiegel baumelt ein Holzkreuz. Auf zum Thanksgiving-Dinner. Die ersten Minuten von "Prisoners" stapeln christliche Symbole übereinander wie Kleinkinder Holzklötze. Einer geht noch. Wir verstehen: es soll in den kommenden zweieinhalb Stunden um Gott, um Sünde und das Böse gehen. Wir verstehen auch: Keller Dover (Hugh Jackman), der Mann, der mit dem 'Vater unser' auf den Lippen Gottes Geschöpfe abschießt, muss ein zwiespältiger Charakter sein.

Wie zwiespältig, das wird wenig später deutlich. Noch während des Thanksgiving-Dinners, das die Dovers mit der befreundeten Familie Birch feiern, verschwinden die zwei kleinen Töchter der beiden Familien. Ein Detective Loki (Jake Gyllenhaal, wie immer schön verdödelt, hier mit nervösem Augenzwinkern) übernimmt die Ermittlungen und nimmt einen Verdächtigen fest, den geistig Behinderten Alex Jones (Paul Dano). Als der aus Mangel an Beweisen schnell wieder freikommt, entscheidet sich Keller, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er entführt Jones und sperrt ihn in eine Art privaten Folterkeller, um den Aufenthaltsort der Mädchen aus ihm herauszuprügeln.

Diese Szenen sind sehr brutal und direkt; als irgendwann Hammer hervorgeholt wurden, habe ich weggeschaut. Die amerikanische Filmkritik ist auf die Fragen von Folter und Selbstjustiz, die "Prisoners" anzustoßen scheint, groß angesprungen. Einige priesen den Film als "the best argument against torture that has emerged from the film industry in a long time", eine Einschätzung, die ich völlig vermessen finde. "Prisoners" ist regelrecht perfide, was die Folterszenen angeht. Denn natürlich ist die Situation, von der der Film ausgeht - verzweifelter Vater versucht seine Tochter zu retten, mit Gewalt, er tut es nicht gerne, aber es muss sein, sie könnte noch am Leben sein, irgendwo da draußen -, so gebaut, dass die Gewalt wenn nicht legitimiert, so doch verständlich erscheinen muss. Außerdem tut der Film zwar so, als wolle er sich von Kellers gottesfürchtiger Selbstgerechtigkeit distanzieren (siehe Eingangssequenz) - de facto ergötzt er sich aber am Spektakel von Kellers brachialer Gewalt und archaischer Survivalist-Männlichkeit, die für sich das Recht zur Selbstjustiz in Anspruch nimmt. Am Ende wird Keller easy-peasy exkulpiert: alle können sich darauf einigen, dass er ein "good man" ist.

Dass "Prisoners" die ganze Folter-Debatte vollkommen egal ist, dass sie nichts als vorgetäuschter Tiefgang und pseudo-ethisches Ornat ist, wird spätestens im letzten Drittel des Films deutlich, der mit einem skurrilen Wechsel ins Fantastische und Groteske aufwartet. Das ziemlich verquaste und angestrengt ausgedachte Drehbuch Aaron Guzikowskis sieht endlos verzottelte Plotwindungen vor, es geht um Schlangen, heidnische Hippies und gezeichnete Labyrinthe (hier in der Kommentarspalte zu einer Filmkritik eine schöne Diskussion, die auch die kleinsten Plotdetails aufzuschlüsseln versucht). Perversion und Psychopathologie halten Einzug, als Vorbilder geben sich "Das Schweigen der Lämmer" oder die stilisierten David-Fincher-Exzesse "Seven" und "Zodiac" zu erkennen. Das ist unterhaltsam und sehr spannend, steht aber völlig quer zum Realismus der ersten Filmhälfte. Die "suspension of disbelief" funktioniert nur stolpernd.

Gar nicht stolpernd, sondern elegant und atmosphärisch sind dafür die Bilder, die Regisseur Denis Villeneuve und sein Kameramann Roger Deakins (der auch fast alle Filme der Coen-Brüder gedreht hat) gefunden haben. "Prisoners" ist ein richtiger Herbstfilm, der ein unendlich graues, verwahrlostes und tristes Kleinstadtamerika zeigt. Der Regen spielt neben Jackman eine Hauptrolle. Er peitscht und prasselt in einem Fort, und alle Fensterscheiben sind von Tropfen und Schlieren verschmiert. Durchsehen geht nicht. Wie aufregend sich das Licht in diesen regennassen Scheiben brechen kann, allein darum geht es in dem zumindest visuell großartigen Finale von "Prisoners".

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Prisoners
OT: Prisoners
USA 2013 - 146 min.
Regie: Denis Villeneuve - Drehbuch: Aaron Guzikowski - Produktion: Kira Davis, Broderick Johnson, Adam Kolbrenner, Andrew A. Kosove, Robyn Meisinger - Kamera: Roger Deakins - Schnitt: Joel Cox, Gary Roach - Musik: Jóhann Jóhannsson - Verleih: Tobis Film - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Terrence Howard, Maria Bello, Paul Dano, Melissa Leo, Viola Davis, Jane McNeill, Mike Gassaway, Dylan Minnette, Wayne Duvall, Katrina Despain, Anthony Reynolds, Brad James, Jason Davis
Kinostart (D): 10.10.2013

 

 

 

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