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Prince Avalanche

 

Zwei Männer schieben ein klappriges Wägelchen durch eine menschenleere, desolate Landschaft. Freunde sind sie nicht, sie haben nicht einmal sonderlich viele Gemeinsamkeiten – nur einen gemeinsamen Auftrag: die Landstraße mit gelben Mittelstreifen zu versehen. Manchmal müssen sie auch eine Straßenmarkierung in die Erde rammen. Ein ziemlicher Idioten-Job ist das also und die beiden Hauptfiguren geben sich anfänglich auch alle Mühe, diesem Eindruck zu entsprechen. Wie holt man sich zum Beispiel nachts einen runter, wenn der Arbeitskollege im Schlafsack direkt daneben liegt? Man flüstert enfach in regelmäßigen Abständen seinen Namen, um sicherzugehen, dass er schläft. Bis er aufwacht.
Lance (Emily Hirsch) und Alvin (Paul Rudd) sind eine kuriose Zweckgemeinschaft und liegen sich darum permanent in den Haaren. Der eine denkt nur ans Vögeln oder Feiern, der andere hat sich den Job in der texanischen Einöde eigentlich ausgesucht, um ins innere Exil abzutauchen - weshalb er während der Arbeitszeit auf einem alten Kassettenrekorder Sprachkursen lauscht. (Für einen selbsterklärten Kulturalisten und Waldfreund kann es natürlich nur die deutsche Sprache sein) Wenn Lance kurzzeitig die Musikhoheit erlangt, plärrt dagegen breitbeinigster amerikanischer Radiorock in die Stille.

Die Prämisse der merkwürdig entrückten Buddy-Komödie „Prince Avalanche“ klingt zunächst nach gepflegter, stilisierter Indie-Langeweile, allerdings darf man hinter dieser Idee eine Strategie vermuten, wenn der Regisseur David Gordon Green heißt. In Deutschland ist Green mäßig bekannt geworden durch die geniale Stoner-Komödie „Ananas Express“; dazu kamen ein paar Auftragsfilme, die in Deutschland aus mal mehr („Bad Sitter“), mal weniger („Your Highness“) nachvollziehbaren Gründen kein Publikum gefunden haben. „Prince Avalanche“ ist einerseits eine Rückbesinnung auf Greens Wurzeln als einer der hoffnungsvollsten Independentfilmemacher der Nuller Jahre, der zu einer Zeit, als das US-Indiekino an Robert Redfords Sundance Institute am Reißbrett entworfen wurde, mit dem Kinderfilm “George Washington” eine neue Tonalität einführte.

Andererseits setzt „Prince Avalanche“ Greens Langzeitprojekt der Inversion amerikanischer Unterhaltungsformate auf kongeniale Weise fort. Im Gegensatz zu Steven Soderbergh, der sich mit seiner 2-for-1-Ökonomie (zwei Filme für die Studios, einen für sich selbst) in Hollywood etabliert hat, versucht Green seit einigen Jahren, persönliche Filme zu realisieren, die er auch den Studios verkaufen kann. „Prince Avalanche“ weicht von dieser Strategie nun insofern ab, als dass der Film tatsächlich an Hollywood vorbei in Guerilla-Manier gedreht wurde. Abgesehen davon orientiert sich „Prince Avalanche“ ähnlich wie der Actionfilm „Ananas Express“ oder die Ritterkomödie „Your Highness“ an Unterhaltungsgenres, ohne gleich ins Sujet „Parodie“ abzudriften. Green ist vielmehr ein Auteur der Genre-Mimikry. Seine Filme wirken extrem vertraut und gleichzeitig befremdlich.

Greens Faible für frei dahingejazzte Zeitsignaturen und eine verschleppte Erzählrhythmik erzeugt mitunter irrwitzige psychedelische Effekte. Oder um im Bild zu bleiben: Greens Improvisationen verfallen nicht in die dichte, kontrollierte Polyphonie John Coltranes, sondern kursieren fröhlich verstrahlt wie bei Sun Ra in einer Umlaufbahn um den Saturn.
„Prince Avalanche” zielt in seinem stoisch-verpeilten Erzählduktus auf das inzwischen tendenziell larmoyante Genre der „Bromantic Comedy” ab. Filme über Kindmänner – jüngst in bräsigtster und regressivstster Weise in den „Kindsköpfe”-Filmen mit Adam Sandler zu beobachten -, die an ihrer eigenen Unzuglänglichkeit scheitern und sich stattdessen mit ihren besten Freunden in eine Art verlängerte Adoleszenz flüchten. Auch in „Prince Avalanche” legt die lähmende Monotonie sukzessive eine leise Selbstfindungskomödie über zwei ungleiche Männer frei, die natürlich irgendwann ihre Freundschaft entdecken. Aber konsequenterweise eben nur, weil sie genug Zeit haben, um - sich selbst hoffnungslos entfremdet - über das Leben zu sinnieren und sich mit Kriegsbemalung durch den Wald zu jagen.

Es ist der Sommer 1988. Texas hat eine Reihe von heftigen Flächenbränden erlebt, die ganze Landstriche in eine verkrüppelte Mondlandschaft verwandelt haben. Darüber hinaus besitzen Ort und Zeit keine weitere Spezifität. Das Handlungsjahr hat nur dahingend eine Bewandnis, dass Briefe und Festnetztelefone der selbst gewählten Isolation eine romantische Grundierung verleihen. Sonst passiert kaum etwas. Zweimal treffen Lance und Alvin einen alten Trucker, zwei höchst amüsante Intermezzi wie aus einem Lynch-Film. Ein anderes Mal begegnet Alvin im Wald einer alten Frau, die wie ein Geist in ihrem ausgebrannten Haus lebt, wo er für einen kurzen Moment die Sehnsucht nach einem gelebten Leben nachspielt. Ansonsten sind die beiden Männer weitgehend auf sich allein gestellt - ein Gefühl, das sich allmählich auch beim Zuschauer einstellt.

„Prince Avalanche“ bedient sich der surrealen Atmosphäre der ausgebrannten Landschaft, um den Zuschauer immer wieder vom Konstrukt der Selbstfindungskomödie abzulenken. „Prince Avalanche“ erinnert eher an eine Miniatur, die in schöner Eintönigkeit von der Unfähigkeit zweier Männer erzählt, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Judd Apatow-Stammkraft Paul Rudd (mit adrett gestutzem Schnauzer) und Emily Hirsch (wieder „into the wild“) haben das Drehbuch, das auf einer isländischen Komödie basiert, zusammen geschrieben und mit Green spontan vor der imposanten Kulisse der texanischen Waldbrände gedreht. Der Natur kommt schließlich noch eine allegorische Qualität zu. Langsam erwacht der Wald wieder zum Leben, wie auch Alvin und Lance. Die unsentimentale Melancholie des Films steht dabei im harschen Kontrast zur Landschaft.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Der Freitag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Prince Avalanche
USA 2013 - 94 min.
Regie: David Gordon Green - Drehbuch: David Gordon Green - Produktion: James Belfer, David Gordon Green, Lisa Muskat, Derrick Tseng, Craig Zobel - Kamera: Tim Orr - Schnitt: Colin Patton - Musik: Explosions in the Sky, David Wingo - Verleih: Kool / Filmagentinnen - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Paul Rudd, Emile Hirsch, Lance LeGault, Joyce Payne, Gina Grande, Lynn Shelton, Larry Kretschmar, Enoch Moon, David L. Osborne Jr., Danni Wolcott, Morgan Calderoni, Savanna Porter, Juniper Smith
Kinostart (D): 26.09.2013

 

 

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