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Postcard To Daddy

 

 

 

Entwaffnend, dieser Film, für einen Filmkritiker. Jemand erzählt dir offen, was ihm vor 25 Jahren passiert ist und ihn seitdem beschäftigt, - willst du dann mit ihm diskutieren, sein Auftreten dir gegenüber bemängeln, zu dem, was er sagt, bedenklich den Kopf schütteln? All das geht bei diesem autobiografischen Dokumentarfilm nicht. Michael Stock, 42, redet es sich von der Seele, was ihm in den frühen achtziger Jahren im kleinen Schwarzwaldörtchen passiert ist. Sex mit Daddy. - Bruder, Schwester, Mutter haben’s nicht mitgekriegt. Sie werden jetzt interviewt. Präsent sind sie seit Filmbeginn auf den vielen Fotos von damals, die Familie in Eintracht, dazu Skifahren, Segeln, Reiten,  - alles was Sie wollen. Halt, dazu weiter noch auf der Musikspur ganz viel Bach, fugenmäßig, nervig. Kein Spalt klafft in der heilen Welt.

 

Nach dem Sex Händewaschen nicht vergessen! Michael Stock hat die väterliche Mahnung heute noch im Kopf, auch das Geh-auf-Dein-Zimmer. Schäm dich! Warum eigentlich? Die Mutter analysiert heute: „Du hast ihn damals verführt, und er ist es, der sich geschämt hat“. – Solche Sätze kommen aus dem Konkreten. Und sie sind kein Analyse. Das macht den Film anschaulich. Noch Fragen? „Das Opfer wird vom Täter zum Täter gemacht“. Die Mutter hat es drauf. Sie war Grünen-Abgeordnete. Der Vater Alkoholiker.

 

Der Sohn verzieht sich mit 19 Jahren nach Kreuzberg. Ins Café Anal. Und spielt den passiven Part beim schwulen Sex. In den Sequenzen aus Michael Stocks Film „Prinz im Höllenland“ (1993) sehen wir, wie das geht, „seinen Körper zur Verfügung zu stellen“. Aktiv wird er, als er in der Schwarzwaldidylle seinen Daddy die Treppe runterwirft und Blumentöpfe auf ihm zertrümmert. Kommt er so von ihm los? Nein, entscheidet er. Die Postkarte. Und dann passiert es. Der Vater lässt sich für den Film interviewen. Für ihn war es nicht tragisch. „Ich hab ein dickes Fell.“ -  „Aber tut es dir leid?“ - (Zögert) „Ja, schon“.

 

Aber er wollte mit dem Sohnemann doch nur Hetero spielen! „Du musst die Klitoris streicheln, wenn sie nass ist. Ich zeig es dir“ (stimuliert den Knabenarsch). – Aber nun zu mir. Ich möchte mich auch rechtfertigen. Dass ich es dabei belassen habe, den Film zu beschreiben. Ja, ist der Film denn überhaupt gut? – Ich hoffe, meine liebevolle Zuwendung deutlich gemacht zu haben. – Und sind die vielen blutroten Sonnenuntergänge nicht purer Kitsch?  - Das ist es ja eben. Unter dem Kitsch-Pflaster ist der Strand. Und auf dem entspannen sich Mutter und Sohn an Thailands Touri-Tsunami-Küste und finden Worte.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: konkret 6/2010

 

 

Postcard to Daddy

Deutschland 2010 - Regie: Michael Stock – Mitwirkende: Michael Stock, Margret Bartholomé, Anja Stock-Hüttl, Christian Stock, Roland Stock, Carsten Hüttl, Tim Hüttl, Urs Hüttl, Thomas Blum, Rémi Kaltebnach - FSK: ab 16 - Länge: 86 min. - Start: 27.5.2010

 

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