zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Pompeii 3D

 


Paul W.S. Anderson interessiert sich in "Pompeii" nicht für feuilletonistische Feigenblätter, sondern für Kinofetische der plebeischeren Art.

Natürlich weiß man, wie ein Film ausgehen wird, der sich den Titel "Pompeii" gibt. Entsprechend dräuend zieht die Kamera immer wieder von den Ereignissen in der titelgebenden Stadt hin zum erhabenen Vesuv, der wie ein Menetekel (oder auch: wie die Bekräftigung eines geleisteten Versprechens) auf das verweist, was ein Film dieses Titels in Aussicht stellt und für das man, wenn man ehrlich ist, auch ins Kino gekommen ist: eine kataklysmische Zerstörungsorgie, in diesem Fall zwar historisch rückgebunden, aber vielleicht gerade durch die antike Kulisse soweit ins Unverbindliche gerückt, dass man unbeschwert und reinsten Gewissens zusehen kann, wie eine Stadt in Schutt und Asche gelegt wird.

Bis dahin gibt es übliche Kost aus dem Sandalenfilm, die sich auf den drei Ebenen einer Gladiatoren-Arena abspielt: Oben in den höheren Rängen gibt es Intrigengetändel zwischen Rom und der Provinz, unten auf der planen Fläche die üblichen handfesten Auseinandersetzungen zwischen den Todgeweihten, die wider Willen und zum Wohlgefallen des politischen Dünkels aufeinandergehetzt werden, und darunter, in den Katakomben, wo die Gladiatoren untergebracht sind, Verbrüderungen gegen die da oben.

"Pompeii" beginnt als erstaunlich nonchalante Direktübernahme der Prämisse aus John Milius' großartigem ersten "Conan"-Film: Römische Legionen ziehen brandschatzend und mordend durch keltisches Gebiet, allein ein kleiner Junge, Milo (später von Kit Harington dargestellt), überlebt und schwört, da er den Tod seiner Eltern mitansehen musste, Rache am römischen Befehlshaber Corvus (Kiefer Sutherland). Zunächst aber fällt er in die Hände von Menschenhändlern und steigt zum Star in der Gladiatorenszene auf. In Pompeji schließlich, im Schatten des Vulkans kurz vor dem Ausbruch, kreuzen sich alle Wege: Die von Milo und Corvus, aber auch die von Milo und Cassia (Emily Browning) - und nicht zuletzt die von Milo und Atticus (Adewale Akinnuoye-Agbaje), einem weiteren Star-Gladiator, den nur noch ein siegreich bestandener Kampf vom freien Leben eines römischen Bürgers trennt.

Man kann das alles ohne weiteres einfallsarm nennen. Auch die darstellerischen Leistungen bewegen sich im überschaubaren Bereich. Und doch ringt es zumindest Respekt ab, mit welcher geradlinigen Konsequenz, auch mit welcher Effektivität Paul W.S. Anderson an einem Begriff des reinen Genrekinos arbeitet. Der Erfolg der HBO-Serie "Game of Thrones" mag die Produktion eines weiteren, im Grunde genommen recht üblichen, wenn auch handwerklich einigermaßen auf den Stand der Technik gebrachten Beitrag zum Sandalenfilm, einem Genre also, das im Unterhaltungskino lange sehr präsent war, in den letzten Jahrzehnten aber nur in Form vereinzelter Schlaglichter bedient wurde, begünstigt haben. Doch wo das Quality-TV versucht, die profanen, aber legitimen Gelüste populärer Stoffe mittels Shakespeare-artiger Intrigenspiele in den Bereich der Hochkultur zu rücken, fehlen "Pompeii" vergleichbare Ambitionen.

Der Film bietet, wie es einst die Prämisse des klassischen Genrekinos war, auf gutem Niveau "more of the same": Weder verkauft er sich als postmodernes Spiel der Zeichen und Codes, noch behauptet er für sich - wie zuletzt etwa das auch deswegen schauderhaft gescheiterte "RoboCop"-Reboot - mittels übergestreuter Aktualismen irgendeine Form von Debattenrelevanz. "Pompeii" will kein Kunstwerk sein und auch keine neue technologische Meisterleistung, sondern vor allem von fürs Feuilleton attraktiven Feigenblättern unverdeckte Sensationen liefern.

Auch zu den mehr oder weniger sanften Sadismen, die die Form des "Destruction Porn" mit sich bringt, steht Andersons "Pompeii" ungebrochen: Genüsslich legt er seine Gladiatorentruppe in der Arena erst noch in Ketten, bevor der sardonische Corvus eine Horde Legionäre auf sie hetzt. Auch eine für die etwas dunklere Form des Begehrens im Sandalenkino klassische Szene darf nicht fehlen: Natürlich wird der muskulöse Held Milo in einer Szene genüsslich ausgepeitscht (ein Kinofetisch, der mittlerweile auch in Buchform gewürdigt wird). Natürlich macht es auch dem aufgeklärtesten Publikum heutiger Tage noch irgendwie Spaß, von sicherer Position aus dabei zuzusehen, wie für andere alles den Bach runtergeht - auch wenn man hofft, dass es "die Guten" doch noch schaffen. Und dass die schöne Cassia im Zuge der allgemeinen Vulkankatastrophe zusehends im Asche-Schmutz versinkt, feiert der Film als ganz eigenes Spektakel.

Zupass kommt da die Gladiatorenthematik, die dem Film doch fast noch eine Prise Meta unterhebt: Sehr eigentlich schaut man als Kinozuschauer beim Blick in die Publikumsränge der Arena auf seine eigenen kulturhistorischen Vorfahren. Und man denkt sich: So viel hat sich eigentlich nicht geändert - im Kino, der noch immer plebeischsten Kunstform unserer Tage, ist man mit "Daumen hoch" oder "Daumen runter" noch immer schnell dabei und hat seinen Spaß daran, wenn Wucht auf Menschenkörper einwirkt. Wobei sich aber doch eine ganze Menge geändert hat: Das Kino baut auf eine Geschichte der Zivilisierung auf und dort, wo es einem eine historische Keimzelle heutiger Spektakellust direkt vor Augen führt, beruhigt es einen im Kinosessel immer auch im Flüsterton: "No human beings were harmed during the making of this movie." Ist ja eh alles nur digital.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 

Pompeii 3D

(Pompeii) - USA 2014 - 104 Minuten - Kinostart(D): 27.02.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Paul W.S. Anderson - Drehbuch: Janet Scott Batchler, Lee Batchler, Julian Fellowes, Michael Robert Johnson - Produktion: Paul W.S. Anderson, Jeremy Bolt, Don Carmody, Robert Kulzer, Martin Moszkowicz - Kamera: Glen MacPherson: Schnitt: Niven Howie - Musik: Clinton Shorter - Darsteller: Kit Harington, Kiefer Sutherland, Emily Browning, Carrie-Anne Moss, Jared Harris, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Jessica Lucas, Paz Vega, Sasha Roiz, Currie Graham, Ben Lewis, Joe Pingue, Melantha Blackthorne, Alain Moussi, Emmanuel Kabongo - Verleih: Constantin Film Verleih GmbH

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays