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poliezei

 

 

Großstadtrevier am Rande des Nervenzusammenbruchs

Mit radikalem Einsatz der Handkamera und episodischer Erzählstruktur zeichnet die französische Filmemacherin Maiwenn ein betont kaleidoskopartiges Bild des Pariser Polizeialltags, das sich allerdings ausnimmt wie der überlange Trailer zu einer ambitionierten Fernsehserie á la „The Wire“.

Je näher man ein Wort anblickt, desto tiefer blickt es zurück. Haben wir die Komplexität der Realität vielleicht immer überschätzt, wenn uns die Machart mancher Reality-TV-Formate im Privatfernsehen spekulativ und sensationslüstern erschien? Am Beginn des Filmprojekts „poliezei“ soll auch eine TV-Dokumentation über die Brigade de Protection des Mineurs, der Pariser Jugendschutzpolizei gestanden haben. Maiwenn Le Besco sah den Film und war so beeindruckt, dass sie sich um ein längeres Praktikum bei dieser Abteilung bemühte. Erfolgreich. Als teilnehmende Beobachterin von deren Arbeit sammelte sie Eindrücke, die sich dann zum Drehbuch von „poliezei“ verdichtete. Für dieses Drehbuch erhielt sie dann auf dem Filmfestival zu Cannes den Preis der Jury.

Mit semi-dokumentarischen Mitteln wagt „poliezei“ – der Titel spielt auf kindliche Rechtsschreibprobleme an - einen Blick in soziale Abgründe: Pädophilie, Verwahrlosung, Inkompetenz, Armut, Drogensucht, Vergewaltigung, Gewalt prägen in allen Facetten den Alltag der Jugendschutzpolizei, die meist erst ins Geschehen eingreifen kann, wenn das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen ist. So stehen auf Seiten der Polizei Frustration, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Aggression, Verzweiflung – und manchmal, im Moment eines kleinen Erfolgserlebnisses, die Euphorie, dem eigenen Anspruch genügen zu können. Mit dem forcierten Einsatz der Handkamera, einer Atemlosigkeit des verknappten, skizzenhaften Erzählens und der Montage einer Vielzahl von fast gleich gewichteten Handlungsfäden signalisiert „Poliezei“ dem Zuschauer „Authentizität“, was letztlich doch eine bewusste Konstruktion, eine Fiktion ist. So blickt die Kamera hier zwar in einen Abgrund sozialer Depravation, aber zugleich wurde dieser Abgrund für den Kamerablick eigens drapiert. Da wird der Müll angehäuft und zugeguckt, was völlig überforderte Polizisten damit anzufangen wissen. Sisyphos, ein glücklicher Mensch? Pustekuchen! Der Grundton des Films ist Hysterie; die Szenerie ist drastisch, abstoßend, aber auch voller Klischees.

Da ist der aalglatte, wohlhabende Bürger, der seine Tochter vergewaltigt, aber unbehelligt bleibt, weil er seine Beziehungen spielen lässt. Da ist das Mädchen, dass sich zu sexuellen Dienstleistungen gezwungen sieht, weil es sein Smartphone wiederhaben möchte. Da gibt es Zwangsheiraten und extreme Vernachlässigung von Kleinkindern, deren Eltern drogensüchtig sind. Und natürlich (möchte man sagen) beschädigt der trostlose Berufsalltag der Polizisten auch deren Privatleben: Alkoholismus, Essstörungen, psychische Probleme, Eheprobleme, Erschöpfung, Zynismus – hier ist alles zu haben, das ganze Paket. Und natürlich (möchte man sagen) wird jemand mit Alkohol- und/oder Eheproblemen beim Verhör eines drogensüchtigen Kinderschänders auch schon mal etwas grob in der Wahl seiner Worte. Und der Polizist, der den ganzen Tag lang mit Pädophilie befasst ist, bekommt schon mal Beklemmungen, wenn er seine eigenen Kinder baden will.

So sehr sich „poliezei“ formal von der behäbigen „Tatort“-Konvention abwendet und sich eher ins ungleich ambitioniertere Fahrwasser vom „Kriminaldauerdienst“ begibt – von „The Wire“ wollen wir an dieser Stelle lieber nicht sprechen -, so störend sind dann allerdings die Zugeständnisse an die Muster des Genres, die die Filmemacherin unter der Hand macht. So ganz hat sie nämlich doch nicht auf scheinbare Kontingenz der Handlung vertraut, sondern stattdessen auf rahmende Handlungsbögen gesetzt. Zum Einen spielt die Filmemacherin, die auch als Schauspielerin gearbeitet hat, in ihrem Film selbst mit. Sie spielt – Obacht, Selbstreflexivität! - eine Fotografin, die die Polizisten bei ihrer Arbeit begleitet, um Material für eine Werbebroschüre der Regierung zu sammeln. Wofür da wohl geworben werden soll? Und diese Fotografin verliebt sich natürlich während der Arbeit in einen besonders engagierten Polizisten. Und ganz zum Schluss kommt es trotz der betont episodischen Struktur des Films recht unvermittelt doch noch zum finalen Showdown, bei dem die Rettung eines Opfers durch ein Selbstopfer erkauft wird. Da ist „poliezei“ dann wieder bei „Polizeirevier Davidswache“, dem von Jürgen Roland in „bewusst realistischen Reportagestil“ (Trailer) gedrehten Polizeifilm-Klassiker aus dem Jahre 1964.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der:Stuttgarter Zeitung

poliezei
Frankreich 2011 - Originaltitel: Polisse - Regie: Maïwenn - Darsteller: Maïwenn, Karin Viard, Joey Starr, Marina Foïs, Nicolas Duvauchelle, Karole Rocher, Emmanuelle Bercot, Frédéric Pierrot, Arnoud Henriet, Naidra Ayadi, Jéréie Elkaim - Länge: 127 min. - Start: 27.10.2011

 

 

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