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Policeman

 

 

 

 

Gespaltene Gesellschaft

Nadiv Lapids Regiedebüt begleitet einen Antiterrorkämpfer und eine Revolutionärin in Israel

 

Solche Bilder kennt man nicht nur aus Israel. Männer in Uniform, die stolz sind auf ihre trainierten Körper. Männer, die aber auch Gefühle zeigen können. Männer, deren Korpsgeist hinreicht, um füreinander einzustehen, wenn Verbrechen kaschiert werden müssen. Männer, die einander zur Krebsuntersuchung begleiten. Aus freundschaftlicher Solidarität. Männer, die einander mit heftigen Umarmungen begrüßen. Jedes Schulterklopfen die Erinnerung an einen gemeinsam exekutierten Job. Männer, die diesen Job unter Lebensgefahr machen.

In einer Antiterroreinheit der israelischen Polizei: Killing Arabs. Der Film begleitet den Polizisten Yaron ein paar Tage lang durch seinen unspektakulären Alltag zwischen zwei Einsätzen. Seine Frau ist hochschwanger und will gepflegt sein. Sein Kollege hat Krebs und will auch gepflegt sein. Man fährt mit dem Auto herum, trainiert, sitzt in Cafés herum oder grillt gemeinsam mit den Familien. Kurz bevor das ganze selbstgefällige Machogehabe allzu langweilig wird, wechselt der Film abrupt das Milieu. Auch hier wird schon mal in der Wüste mit der Handfeuerwaffe gefuchtelt, aber jetzt geht es plötzlich um die Revolution oder zumindest den Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten.

Vier Kinder aus gutem Hause wollen der israelischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten und ein Fanal gegen die wachsende soziale Ungleichheit setzen. Die Mitglieder der Gruppe - drei junge Männer, eine junge Frau, die das Wort führt - wissen sich als Revolutionäre als Tote auf Urlaub. Sie spielen etwas hilflos, etwas borniert Revolution in den historischen Kostümen der siebziger Jahre nach: ein bisschen Brechts "Die Maßnahme", ein bisschen RAF-Poesie mit ins Gruppeninnere weisender Gewaltoption und ein wenig sexuelles Begehren. Die Gruppe sucht die Öffentlichkeit mit einer spektakulären Entführung von Stützen der israelischen Gesellschaft, die für ihren Idealismus ohnehin nur Hohn und Spott übrig haben.

Erst ganz zum Schluss führt der junge Regisseur Nadiv Lapid konsequent beide Milieus wieder zusammen: es handelt sich um eine sehr professionelle Begegnung. Lapids bemerkenswert stilsicheres, vielleicht nur etwas dialoglastiges Debüt zeichnet das Bild einer tief zerrissenen Gesellschaft, die in der Binnen- und Außenwahrnehmung durch einen übergeordneten Konflikt "gedeckelt" wird und aufgrund der eigenen Geschichte nicht weiß, wohin mit den aus Frustration erwachsenen destruktiven Energien und Konflikten.

In der schönsten Szene des Films zerstört eine Gruppe von Punks den am Straßenrand geparkten Mittelklassewagen der Revolutionärin Shira, die ihnen fassungslos dabei zuschaut. Gerade eben hat sie noch an der pathetischen Erklärung gearbeitet, die bei der geplanten Entführung den Medien zugespielt werden soll. Und ganz am Schluss will Shira auch noch zu Yaron sprechen, sie öffnet den Mund. Wie ein Fisch auf Land.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: Stuttgarter Zeitung

Policeman
Israel 2011 - Originaltitel: Ha-shoter - Regie: Nadav Lapid - Darsteller: Yiftach Klein, Yaara Pelzig, Michael Moshonov, Menashe Noï, Michael Aloni, Gal Hoyberger, Meital Berdah, Shaoul Mizrahi - FSK: ab 16 (Video) - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 105 min. - Start: 25.10.2012


 

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